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Eingangstür, Gartenstadt Falkenberg, Bauhaus Berlin
Eingangstür, Gartenstadt Falkenberg, Bauhaus Berlin © Foto: Thomas Born / imageBROKER / Alamy Stock Foto

Gartenstadt Falkenberg

Die Tuschkastensiedlung in Grünau

Im Südosten von Berlin finden Sie ein frühes Beispiel für sozialen Wohnungsbau: die Gartenstadt Falkenberg.

Berlin, um 1910: Die Stadt platzt aus allen Nähten, große Teile der Bevölkerung, insbesondere der Arbeiter und unteren Schichten, leben in sogenannten Mietskasernen. Vier- bis fünfgeschossige Bauten, die in geschlossenen Flügeln um einen Innenhof angeordnet sind. Diese Bauweise führt zu ungleichen Wohnverhältnissen, vor allem zu schlechten Luft- und Lichtbedingungen in den Hinterhäusern. Eine zeitgenössische Schrift prangert das mit folgenden Worten an:

„[…] eine Erneuerung der dumpfen verdorbenen Luft [ist] meist unmöglich […]. Jeder Blick aus dem Fenster zwingt hier zur Berührung mit der Nachbarschaft, jede Gemütlichkeit und jedes Heimgefühl wird hier aufgehoben“

Ländliche Vorzüge in der Stadt

Wie sollten Arbeiter in beengten, unhygienischen Wohnverhältnissen gesund bleiben? Diese Frage versuchen Sozialreformer bereits seit einigen Jahren in England zu beantworten. Dort entsteht um die Jahrhundertwende die Gartenstadt-Bewegung. Einer ihrer Vorreiter ist Ebenezer Howard mit seiner Schrift Garden Cities of Tomorrow. Ein Kernpunkt der Bewegung ist die „Vermählung von Stadt und Land“. Das heißt: weder so menschenfeindlich wie die Großstadt, noch so vormodern und rückständig wie das Landleben. Das Leben in diesen Gartenstädten soll wirtschaftlich autark und gemeinschaftlich organisiert sein.

In Deutschland fällt die Idee auf fruchtbaren Boden. Während des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts entstehen einige Siedlungen dieser Art. Allerdings nicht wie in England mit dem Ziel wirtschaftlicher Selbstversorgung.

Die 1902 gegründete Deutsche Gartenstadtgesellschaft ruft eigens eine Bau-Genossenschaft für Groß-Berlin ins Leben. Nach zähen Verhandlungen gelingt es, ein Grundstück rund um den Falkenberg in Hanglage bei Altglienicke zu erwerben. Der damals noch unbekannte Architekt Bruno Taut erhält 1912 den Auftrag, hier eine neue Siedlung nach dem Vorbild einer Gartenstadt zu bauen.

Tauts ursprünglicher Plan sieht 1.500 Wohnungen für bis zu 7.500 Menschen vor. Wirtschaftliche Schwierigkeiten infolge des Ersten Weltkriegs machen der Bau-Genossenschaft jedoch einen Strich durch die Rechnung, nach 1918 kommt die Umsetzung von Tauts Konzepts zum Erliegen.

Siedlung mit Gemeinschaftsgefühl

Zwischen 1913 und 1916 entstehen in zwei Bauabschnitten insgesamt 128 Wohnungen. Im Jahr 1913 entwirft Bruno Taut 23 Wohneinheiten rund um den Akazienhof. In mehreren Gruppen ordnet er 34 Reihenhäuser für je eine Familie sowie zwei Doppelhäuser und ein Einfamilienhaus um einen zentralen Platz an.

Das Ensemble soll bewusst an ein dörfliches Idyll erinnern. Jahre vor Bruno Tauts Gestaltung der Hufeisensiedlung nimmt der Architekt hier schon das Prinzip eines geschlossenen Wohnhofs vorweg. Der Blick aus dem Fenster soll nicht zur Nachbarschaft zwingen, sondern zur Gemeinschaft anregen. Die ersten Mieter ziehen bereits 1913 ein.
In den Jahren 1914 und 1915 folgen weitere 94 Wohnungen entlang des Gartenstadtwegs, 1916 trotz des Krieges noch vereinzelte Wohnhäuser. Das Gelände liegt an einem Hang, entsprechend passt Taut seine Hausgruppen an das Terrain an.

Wenn Sie heute in der Siedlung spazieren gehen, fällt Ihnen bestimmt auf, dass die Häuser nicht symmetrisch angeordnet sind. Es war Bruno Taut wichtig, mit der Symmetrie althergebrachter Architektur zu brechen. Seine ein- bis zweigeschossigen Häuser sind zu Gruppen zusammengefasst. Manche sind von der Straße zurückgesetzt, damit keine geraden Achsen entstehen. Fast wirkt es so, als verkörperten die Häuser die Individuen, die in ihnen wohnen sollen. Jedes für sich, aber vereint im gemeinsamen Raum.

Die Individualität der Häuser tritt besonders durch ein Merkmal hervor, das Taut hier zum ersten Mal einsetzt und das später zu seinem Markenzeichen wird: der Einsatz farbiger Wandflächen als Gestaltungsmittel.
Blau, Rot, Schwarz, Gelb – der Farbenvielfalt sind in der Siedlung keine Grenzen gesetzt. Am Gartenstadtweg finden Sie insgesamt 14 verschiedene Töne in unterschiedlicher Kombination. Daher heißt die Gartenstadt Falkenberg auch „Tuschkastensiedlung“. Dank einer fachgerechten Sanierung in den 1990er Jahren erstrahlen die Farben heute so intensiv wie kurz nach dem Bau der Siedlung.
Es sind aber nicht nur verschiedenfarbige Fassaden, die hier zum Einsatz kommen. Auch mit Farbfeldern, geometrischen Formen und gezielten Kontrasten zwischen Fenstern, Türen und Fassaden spielt der Architekt bei seiner Gestaltung. Damals war das bahnbrechend. Keine Erker, Treppentürmchen oder dergleichen mehr als Schmuck. Sondern allein die klare Form der Häuser, gestaltet durch die Farbgebung.

Bruno Taut macht hier einen bedeutenden Schritt weg von den überladenen Formen der Gründerzeit hin zum späteren reduzierten Stil der klassischen Moderne. Allerdings bedient er sich weiterhin herkömmlicher Elemente. Satteldächer mit roten Biberschwanz-Ziegeln, weiße Schornsteine und hölzerne Fensterläden unterstreichen das ländliche Idyll.

Draußen spielt die Musik

Im Begriff der Gartenstadt ist tragende Rolle die Bepflanzung bereits enthalten. Die Siedlung in Altglienicke setzte auch hier Maßstäbe. Sie war die erste Siedlung des Berliner Wohnungsbaus mit einem ausgeklügelten Gartenbaukonzept. Der eigens zu diesem Zweck engagierte Gartenarchitekt Ludwig Lesser legt planmäßig Kleingärten an. Jede der Wohnungen hat einen Garten, die Größe variiert zwischen 135 und 600 Quadratmetern, mit Obstbäumen und Spalieren.
In den Grünflächen steckt noch ein Rest der Autarkie-Idee der Gartenstadt. Jedem Bewohner stand es frei, Gemüse und Obst für den eigenen Bedarf zu ziehen. Darüber hinaus trägt Ludwig Lesser mit seiner Gartenarchitektur dazu bei, Bruno Tauts Siedlungskonzept zu unterstreichen: Alleen und Hecken betonten die Raumplanung, die Bepflanzung fügt sich in das Farbkonzept ein.

Damit gehen die Wohn- und Freiräume in der Siedlung eine Verbindung ein. Dieses Konzept nennt Bruno Taut „Außenwohnraum“, es ist ein wichtiges Merkmal seines architektonischen Schaffens.

Kleiner Führer zur Architektur von Bruno Taut:

 

Grand Tour der Moderne

Zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum im Jahr 2019 entwickelte der Bauhausverbund eine Grand Tour der Moderne, die Architekturfans durch ganz Deutschland führt. Die Gartenstadt Falkenberg ist Bestandteil dieser Themenroute.

Die weiteren Berliner Standorte als Grand Tour der Berliner Moderne:

Grand Tour der Berliner Moderne

Unsere Tipps rund um die „Tuschkasten“ Siedlung

Wer sich auf den Weg von der Innenstadt nach Falkenberg macht und ausreichend Zeit hat, kann einen Stopp in Adlershof einlegen. Die Wissenschaftsstadt lädt zu Führungen ein. Spannende Relikte der Luftfahrtgeschichte wie der Trudelturm oder der große Windkanal, aber auch der Elektronenspeicherring BESSY II können besichtigt werden.
In mittelbarer Nähe der Siedlung lädt die Dahme zum Spaziergang, Radfahren und Baden ein. Direkt vor dem S-Bahnhof Grünau können Sie in den Bus 68 einsteigen, der Sie zum Beispiel zum Strandbad Grünau bringt. Schon der Schriftsteller Theodor Fontane beschrieb Grünau in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bekannt ist Grünau auch durch die Regatta-Strecke von 1936 und die Olympiaauswahl der DDR.

Praktische Infos von visitBerlin

Adlershof und auch die Gartenstadt Falkenberg sind am besten mit der S-Bahn-Linie 8 bis Grünau zu erreichen. Für den öffentlichen Nahverkehr bietet sich die Berlin Welcome Card an.

Eine Bitte in eigener Sache

Die Gartenstadt Falkenberg ist ein ausgewiesenes Flächendenkmal. Gleichzeitig ist sie aber auch das Zuhause vieler Menschen, die hier wohnen und arbeiten. Diese pflegen das Denkmal und helfen, die Erinnerung zu bewahren.
Bitte berücksichtigen Sie dies bei Ihrer Besichtigung. Vielen Dank!

 

Blick über die Dahme
Die Dahme © visitberlin, Foto: Philip Koschel

Winterstimmung an der Dahme in Alt-Köpenick

Theodor Fontane beschrieb in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ die idyllische Lage von Grünau. Bereits um 1900 siedelten sich wohlhabende Familien am Ufer der Dahme an, deren Villen heute das Stadtbild prägen. Bekanntheit erhielt der Stadtteil mit der Regattastrecke, die im Sommer zahlreiche Wassersportler und Fans anzieht. Mehr über Berlins Kieze verrät Ihnen unsere Berlin-App Going Local.

Hier finden Sie weitere Informationen