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Umspannwerk Kreuzberg
Innenhof des Abspannwerkes Kreuzberg © Landesdenkmalamt Berlin, Foto: Wolfgang Bittner

Ehemaliges Abspannwerk Kottbusser Ufer

Alles ist erleuchtet

Für den Architekten Hans Heinrich Müller waren Abspannwerke mehr als Zweckbauten: Er verlieh jedem eine individuelle Note.

Im Auftrag der Berliner Städtischen Elektrizitätswerke AG (BEWAG) entwirft Hans Heinrich Müller in den Zwanzigerjahren insgesamt 40 Abspannwerke. Sie sollen keine reinen Funktionsbauten sein, Müller will mehr. Sein Abspannwerk am ehemaligen Kottbusser Ufer, heute Paul-Lincke-Ufer (Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg), sieht aus wie eine Kirche in norddeutscher Backsteingotik und heißt bald „Kathedrale der Elektrizität“.

Kreuzberg, Landwehrkanal
Paul-Lincke-Ufer am Landwehrkanal © visitBerlin, Foto: Dagmar Schwelle

Kreuzberg, Landwehrkanal, Paul-Lincke-Ufer

Tag und Nacht im Licht

„Berlin ist modern, modern durch sein Licht, seinen Kampf gegen die Nacht ... .
Bin jetzt acht Tage in Berlin: habe nichts von der Nacht bemerkt. ... Berlin ist ein einziger Lichtblock.“

So begeistert äußert sich der französische Maler Fernand Léger in den 1920er Jahren über Berlins Helligkeit. Damals ist es noch nicht selbstverständlich, dass eine Stadt nachts erleuchtet ist. Es ist neu, modern und aufregend. Und Berlin verdankt es der Elektrizität.
Die Versorgung damit ist nur mit entsprechender Infrastruktur möglich – unter anderem mit Abspannwerken. Sie reduzieren die Spannung der Elektrizität, die in Kraftwerken erzeugt wird. Dadurch wird diese für die Endabnehmer in Industrie oder Privathaushalten nutzbar.
Neue Abspannwerke gesucht. Die Preußische Landesversammlung hat 1920 die Berliner Kernstadt mit Charlottenburg, Neukölln, Spandau und anderen Orten des Umlandes zu Groß-Berlin vereinigt. Und die Stadt zur drittgrößten Metropole der Welt gemacht. Eine gemeinsame Infrastruktur fehlt noch. Hans Heinrich Müller soll sie für die BEWAG errichten.

Umspannwerk Kreuzberg
© Foto: Jörg Zägel (CC-BY-SA 3.0) wikimedia commons

Gebäude des ehemaligen Umspannwerks am Paul-Lincke-Ufer 20-21 in Berlin-Kreuzberg. Der Komplex wurde 1926-1928 nach Plänen von Hans Heinrich Müller erbaut und war bis 1984 in Betrieb. Er ist als Baudenkmal gelistet.

Zweckbau mit Anspruch

Das 1926 bis 1928 errichtete Abspannwerk am Kottbusser Ufer war das erste im Südosten der neuen Großstadt. Das Gebäude ähnelt einem Kirchenschiff mit Glockenturm.
Doch Müllers Abspannwerk ist kein Bau des Historismus, sondern ein Werk der Moderne. Das Gebäude basiert auf einem Stahlskelett, die Ziegelfassade ist vorgeblendet. Müller orientiert sich zwar an der klassischen Backsteingotik, aber er experimentiert gleichzeitig mit ihr. Die Ziegel haben farbliche Nuancen, dadurch wirkt die Fassade weniger streng. Auch die Fenster, je nach Stockwerk unterschiedlich groß, lockern die Außenseiten auf. In die Fassade integriert der Architekt expressionistische Segmente wie das zahnschnittartige Dachgesims.
Müller achtete darauf, das Abspannwerk in Höhe und Ausrichtung an die Bauten der Umgebung anzupassen. Dadurch wirkt das Gebäude trotz seiner Monumentalität nicht isoliert. Räume und Umfang orientieren sich an der Funktion: Transformatoren- und Kühltrakt, Phasenschieber- und Maschinenhalle, Warte, Schalthaus, Wohnhaus und Eigenversorgungstrakt gruppiert der Architekt um einen rechteckigen Hof.
Das Abspannwerk am Kottbusser Ufer übersteht den Zweiten Weltkrieg. 1989 legt es die BEWAG still, mittlerweile ist es denkmalgerecht saniert. Heute finden Sie dort keine Kabel und Maschinen, sondern unter anderem eine Eventlocation und das Restaurant Volt.

Grand Tour der Moderne

Zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum im Jahr 2019 entwickelte der Bauhausverbund eine Grand Tour der Moderne, die Architekturfans durch ganz Deutschland führt. Das ehemalige Abspannwerk Kottbusser Ufer ist Bestandteil dieser Themenroute.

Die weiteren Berliner Standorte als Grand Tour der Berliner Moderne:

Grand Tour der Berliner Moderne

Unsere Tipps rund um das ehemalige Abspannwerk am Kottbusser Ufer

Nicht weit entfernt können Sie weitere Sehenswürdigkeiten der Berliner Moderne entdecken. Für einen Besuch des Sudhauses im KINDL –Zentrum für zeitgenössische Kunst in der ehemaligen Brauerei fahren Sie vom U-Bahnhof Schönleinstraße mit der U-Bahn-Linie 8 zwei Stationen in Richtung Rudow bis Boddinstraße. Gehen Sie dort die Hermannstraße ein kurzes Stück nach Süden und biegen Sie links in die Werbellinstraße ein. Zum Flughafen Tempelhof gelangen Sie, wenn Sie einen Kilometer nach Norden zum U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof laufen. Nehmen Sie dort die U-Bahn-Linie 1 in Richtung Uhlandstraße und steigen Sie am U-Bahnhof Hallesches Tor in die U-Bahn-Linie 6 in Richtung Alt-Mariendorf um. Fahren Sie anschließend bis zur Haltestelle Platz der Luftbrücke.

Praktische Infos von visitBerlin

Das ehemalige Abspannwerk am Kottbusser Ufer erreichen Sie am besten mit der U-Bahn-Linie 8 bis Schönleinstraße. Von dort sind es 600 Meter zu Fuß in östlicher Richtung bis zum Ziel an der Ecke Paul-Lincke-Ufer/Ohlauer Straße. Um die Stadt zu erkunden, empfehlen wir für den öffentlichen Nahverkehr die Berlin Welcome Card.