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Max-Taut-Schule - Oberlyzeum Lichtenberg
Max-Taut-Schule - Oberlyzeum Lichtenberg Bezirksamt Lichtenberg zu Berlin

Max-Taut-Schule

Deutschlands einst größter Schulkomplex

In den Goldenen Zwanzigern setzt Berlin als Metropole neue Maßstäbe, auch in der Architektur.

Es ist das Jahr 1927, und die Stadt plant einen großen Wurf: In Lichtenberg soll die größte Schule Deutschlands entstehen. Oder zumindest der größte Schulkomplex. Das brachliegende Gelände am heutigen Nöldnerplatz soll drei verschiedene Schultypen beherbergen: eine Berufsschule für Metallarbeiter, eine Mittel- und Volksschule und das Oberlyzeum, ein Gymnasium für Mädchen.

Die Stadt Berlin will keine konservative Lösung, sondern ein modernes Konzept. In der Endauswahl des Wettbewerbs findet sich auch Hans Scharoun. In Berlin ist er heute vor allem für die 1960–63 erbaute Philharmonie und die 1967–78 entstandene Staatsbibliothek am Potsdamer Platz bekannt. 1927 kommt es anders. Der Wahl fällt nicht auf Scharoun, sondern auf den Architekten Max Taut.

Die gebaute Bewegung

Taut gehörte ebenso wie Scharoun den innovativen Künstlervereinigungen Gläserne Kette und Der Ring an. Deren Mitglieder haben unterschiedliche Konzepte, aber sie alle verbindet das Ziel, das Neue Bauen voranzutreiben: Sie wollen keine historischen Vorbilder kopieren wie zuvor im Kaiserreich. Vielmehr orientieren sie sich in ihren Entwürfen an der Funktion ihrer Gebäude und wollen moderne Fertigungsmethoden nutzen. Auch die späteren Bauhaus-Direktoren Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius sind im Ring aktiv.

Tauts Entwurf für den Schulkomplex überzeugt die Jury durch seine funktionale Sachlichkeit. Er setzt Eisenbeton als strukturbildendes Mittel für den klar gegliederten Wechsel aus Fenstern und Pfeilern ein, die Zwischenräume füllt er mit gelben und roten Klinkern.
Gehen Sie den Komplex einmal der Länge nach ab. Können Sie den Schwung mitnehmen, der sich aus dieser gebauten Bewegung ergibt? Einen Bogen auf über 500 Meter Länge bildend, folgt das Schulgebäude dem Verlauf von Schlichtallee und Fischerstraße.

Max Taut hat aber nicht nur den gesamten Komplex an die Bedingungen des Straßenverlaufs angepasst. Alle Funktionen und Aufgaben der Gebäudeteile sind genauestens aufeinander abgestimmt. Die drei Schulen sind selbstständige Institutionen, können aber auf gemeinsame Einrichtungen zugreifen: die zentrale Aula für 1.100 Personen, Turnhallen, ein Aquarium und ein Kino. Und nicht nur Schüler sollen den Komplex nutzen, sondern die Bauaufgabe sieht auch die Funktion als Kultur- und Bildungszentrum für die Anwohner vor.

Nicht all seine Ideen konnte Taut verwirklichen. Nach Baubeginn 1929 stoppt die Weltwirtschaftskrise die umfangreichen Arbeiten monatelang. Erst 1932 erfolgt die Fertigstellung – aus Kostengründen allerdings nur mit zwei statt sieben geplanten Turnhallen.

Max-Taut-Schule - Oberlyzeum Lichtenberg
Max-Taut-Schule Landesdenkmalamt Berlin, Foto: Wolfgang Bittner

1927 wurde ein Wettbewerb für den Neubau eines Schulkomplexes an der Schlichtallee/Fischerstraße in Berlin-Rummelsburg ausgeschrieben, an dem sich Hans Scharoun, Heinz Stoffregen, Max Taut und Peter Jürgensen beteiligten. Der Großteil des Schulkomplexes, der zu den größten Schulneubauten der Weimarer Republik zählt, wurde 1932 fertiggestellt.

Neubeginn als Max-Taut-Schule

Max Taut, der nicht wie sein Bruder Bruno Taut emigriert, gerät ab 1933 in eine schwierige Situation. Im nationalsozialistischen Deutschland ist er von öffentlichen Bauvorhaben ausgeschlossen, er kann nur noch private Projekte umsetzen. Schließlich verlässt der Architekt Berlin und siedelt zu seinen Schwiegereltern nach Chorin in Brandenburg um.

Der Schulkomplex wird im Zweiten Weltkrieg von Bomben getroffen, die große Aula weitgehend zerstört.

Nach Kriegsende blieb das Oberlyzeum jahrzehntelang beschädigt. Erst zwischen 2002 und 2007 stellen die EU und das Land Berlin in einem Gemeinschaftsprojekt Mittel für eine umfassende Sanierung bereit. Den Umbau übernimmt der Architekt Max Dudler. Die Aula erstrahlt seitdem wieder in altem Glanz. Und das nicht nur als Denkmal: Der Komplex ist bis heute eine Schule. Als Oberstufenzentrum „Gebäude–Umwelt–Technik“ trägt sie seit 1997 auch den Namen ihres berühmten Architekten: Max-Taut-Schule.

Max Taut in Berlin, eine Auswahl

  • Verbandshaus der Deutschen Buchdrucker (1924–1926)
    in der Dudenstraße, Friedrichshain-Kreuzberg
  • Verbandshaus der Gewerkschaften „Gesamtverband“ (1927–1930)
    Michaelkirchplatz, Mitte
  • Warenhaus der Konsumgenossenschaften (1930–1933)
    am Oranienplatz, Friedrichshain-Kreuzberg
  • Anbau Jagdschloss Glienicke (1963–1964)
    in der Königstraße
  • Mendelssohn-Remise (1948) in der Jägerstraße, Mitte

 

Grand Tour der Moderne

Zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum im Jahr 2019 entwickelte der Bauhausverbund eine Grand Tour der Moderne, die Architekturfans durch ganz Deutschland führt. Die Max-Taut-Schule ist Bestandteil dieser Themenroute.

Die weiteren Berliner Standorte als Grand Tour der Berliner Moderne:

Grand Tour der Berliner Moderne

Sehenswertes nahe der Max-Taut-Schule

Unweit der Max-Taut-Schule an der Rummelsburger Bucht befindet sich der Gedenkort Rummelsburg. Eine Dauerausstellung auf dem ehemaligen Gefängnisgelände, das heute eine Wohnanlage beherbergt, schlägt den Bogen vom Arbeitshaus im Kaiserreich, über Rummelsburg als Sammelanstalt für sogenannte „Asoziale“ im Nationalsozialismus bis zum zentralen Männergefängnis in Ost-Berlin, in dem auch Hunderte Menschen einsaßen, die 1989 an den Protesten zum DDR-Staatsjubiläum am 7. und 8. Oktober beteiligt waren.

In unmittelbarer Nähe des Gedenkortes an der Köpenicker Chaussee lässt sich die expressionistische Klinker-Architektur des Industriedenkmals Kraftwerk Klingenberg bewundern. Das Großkraftwerk, Teil der Elektropolis Berlin, wird 1925/26 von der AEG für die Bewag errichtet. Der Entwurf stammt von Walter Klingenberg und Werner Issel. Namensgeber ist der AEG-Direktor Georg Klingenberg.

Wenn Sie der Köpenicker Chaussee nach Südosten folgen, erreichen Sie an der Nalepastraße eine Ikone der Nachkriegsmoderne. Ursprünglich als Sperrholzfabrik errichtet, hat hier von 1956 bis 1990 der Rundfunk der DDR seinen Standort. Durch seine Klangqualität und optimale Nachhallzeit zieht der Große Aufnahmesaal 1 berühmte Musiker wie Daniel Barenboim oder Kent Nagano zu Aufnahmen an. Bereits in der Planungsphase arbeitete der Architekt Franz Ehrlich mit dem Rundfunktechniker Gerhard Probst zusammen. Die Innenausstattung wurde durch die Deutschen Werkstätten Hellerau bei Dresden umgesetzt. Heute entsteht an dieser Stelle ein Kunst-, Musik- und Kreativstandort.

Praktische Infos von visitBerlin

Das Oberlyzeum Lichtenberg ist sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln und fußläufig vom S-Bahnhof Nöldnerplatz zu erreichen. Zum Kraftwerk Klingenberg und dem Funkhaus Berlin Nalepastraße kommen Sie am besten mit der Tram 21. Für den öffentlichen Nahverkehr nutzen Sie die Berlin Welcome Card.