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Klinkerfassade Funkhaus Nalepastraße, Berlin
Funkhaus Nalepastraße © visitBerlin, Foto: Nele Niederstadt

Funkhaus Nalepastraße

Der Ausbruch aus dem Sozialistischen Realismus

Ost-Berlin, Anfang der 1950er Jahre: Die SED orientiert sich politisch am sowjetischen Diktator Stalin und übernimmt auch dessen Vorstellungen von guter Architektur.

Pompös ist die Architektur zu Zeiten der Stalin-Ära. Nicht an die Moderne, sondern an historische Stile wie den Klassizismus sollen die DDR-Neubauten anknüpfen. Ultimatives Beispiel sind die „Arbeiterpaläste“ der 1950er Jahre in der Berliner Stalinallee, heute Karl-Marx-Allee.
Doch zur gleichen Zeit entsteht nur wenige Kilometer entfernt etwas vollkommen anderes. An der Nalepastraße in Oberschöneweide erschafft der Architekt Franz Ehrlich mit dem Funkhaus ein Werk ganz im modern-funktionalen Stil der Neuen Sachlichkeit.

Erleben Sie es selbst, zum Beispiel bei einer geführten Tour durch die originalen Tonstudios und Aufnahmesäle des Funkhauses in Oberschöneweide. Genießen Sie einen Kaffee im authentischen Siebziger-Jahre-Charme der Milchbar. Und wenn das Wetter schön ist, ist das Funkhaus der perfekte Ausgangsort für einen Spaziergang entlang der Spree und in Richtung Plänterwald.

Tresen der Milchbar im Funkhaus Nalepastraße, Berlin
Milchbar im Funkhaus Nalepastraße, Berlin © visitBerlin, Foto: Nele Niederstadt

Die SED verliert das Haus des Rundfunks

Im Jahr 1950 braucht die DDR dringend ein modernes und funktionsfähiges Rundfunkzentrum. Bis dahin haben die von der SED kontrollierten Medien aus dem Haus des Rundfunks in Charlottenburg gesendet. Doch Charlottenburg liegt im britischen Sektor. Nach der Berlin-Blockade und der deutschen Teilung akzeptieren die West-Alliierten den feindlichen Sender in ihrem Besatzungsgebiet nicht mehr.
Das staatliche Rundfunkkomitee der DDR beauftragt Franz Ehrlich, einen Neubau zu entwerfen. Der Architekt Ehrlich, der als Kommunist im Konzentrationslager Buchenwald war, ist ein ehemaliger Bauhausschüler mit modernen Vorstellungen von Architektur. In Oberschöneweide werden sie in den Jahren 1951-1956 Wirklichkeit.

Von der Munitionskistenfabrik zum Meisterwerk

Das neue Funkhaus ist ein Komplex aus zahlreichen Einzelgebäuden, die Ehrlich über Brückenbauten miteinander verbindet. Dominantes Bauwerk und Hingucker ist der neungeschossige Verwaltungsturm. Ihn sehen Sie auch schon vom Plänterwald auf der gegenüberliegenden Spreeseite aus.

Sehen Sie die vertikalen Verstärkungen aus Sandstein? Sie dienen nicht der Statik, sondern unterstützen nur die optische Wirkung des Bauwerks. An dem Verwaltungsturm schließt sich der sogenannte Block A des Funkhauses direkt an.

Das Besondere: Der Stahlskelettbau bestand schon vorher als Teil einer Fabrik zur Holzverarbeitung und diente im Zweiten Weltkrieg als Fabrik für Munitionskisten. Durch den Rückgriff auf die vorhandene Substanz, ergänzt um eine neue Klinkerfassade und die Inneneinrichtung, konnte hier bereits 1952 der volle Sendebetrieb aufgenommen werden.

Wie die Fassade sind auch die Innenräume sachlich gehalten. Block A beherbergt die Sprecher- und Studioräume, Probesäle und Schaltanlagen. Abgesehen von Ausnahmen wie Ehrlichs Schreibtisch im Bauhausstil haben sich hier kaum Originalausstattungen erhalten. Das wahre Prunkstück des Funkhauses finden Sie anderswo.

Studio 1 im Funkhaus Nalepastraße Berlin
Studio 1 im Funkhaus Nalepastraße Berlin © Foto: Stefan Wieland

Ein Gesamtkunstwerk: Der Block B des Funkhauses

Das Innenleben von Block B sollten Sie sich nicht entgehen lassen. Ehrlich hat sich in Zusammenarbeit mit dem Toningenieur Gerhard Probst beim Bau an den modernsten Mitteln orientiert. Die Aufnahmesäle und Hörspielkomplexe sind trapezförmig, um die Akustik besser zur Geltung zu bringen.
Um Schallübertragungen zu vermeiden, hat der Architekt darüber hinaus eine Haus-in-Haus-Konstruktion angewandt: Alle Aufnahmeräume haben separate Wände und sogar eigene Fundamente.

In den repräsentativen Aufnahmesälen verzichtet Ehrlich nicht völlig auf die neoklassizistische Mode der 1950er Jahre. Aber auch hier passt er die Form an die Funktion an. Besonders gut sehen Sie dies im großen Aufnahmesaal: Zahlreiche optische Elemente unterstützen die Akustik:

  • Halbsäulen
  • Holzgitterabdeckungen der Wandfelder
  • tonnenförmigen Segmente der Decke
 

Die Foyers sind dank der großen Fensterflächen von Licht durchflutet. Achten Sie auch auf die Säulen. Mit ihrem schwarzen Putz und ihrem roten Abschluss vermeiden sie zu viel Nähe zu ihren klassischen Vorbildern.

Eine Zeitreise in die Wunderwelt der Technik

Nicht nur architektonisch hat sich der Originalzustand im Block B weitgehend erhalten. Faszinierend ist auch die ursprüngliche Ausstattung. Als Ehrlich das Funkhaus Nalepastraße konzipiert, gibt es noch keine Möglichkeit, Geräusche auf technischem Wege zu erzeugen. Daher sind die Hörspielstudios voller Elemente, die Alltagsgeräusche ganz authentisch hervorrufen:

  • Türen zum Zuschlagen
  • Eine Treppe mit Holz-, Teppich-und Steinbelag
  • Böden aus Kies
  • Knarrende Dielen

Doch im Funkhaus verbirgt sich auch ein elektronisches Geheimnis. Anfang der 1960er Jahre arbeiten DDR-Toningenieure an einem vollkommen neuen, elektronischen Musikinstrument. Es kann Klänge erzeugen, die in der Natur nicht vorkommen. Und tatsächlich haben sie Erfolg: In ganz geringer Stückzahl entwickeln sie das Subharchord, einen frühen Vorläufer der Elektromusik.
Doch dem Subharchord ist kein glänzender Erfolg beschieden. Die SED hat an experimenteller Musik wenig Interesse. Das Subharchord gerät in Vergessenheit und bald glaubt niemand mehr, dass es dieses Gerät wirklich gegeben hat.

Es bedarf der Entschlossenheit des Musikhistorikers Manfred Miersch, das besondere Instrument wieder zu entdecken. Nach jahrelanger Suche wird er fündig – in einer Kammer des Funkhauses Nalepastraße steht ein echtes Subharchord. Kleine Fehler sind schnell repariert, Miersch kann das Instrument spielen.

Heute steht dieser Meilenstein der elektronischen Musikgeschichte im Deutschen Technikmuseum Berlin.

Die Stimme der DDR

Innerhalb weniger Jahre entsteht an der Nalepastraße eine kleine Funkstadt.
Von hier aus senden die Programme:

  • DDR 1 und DDR 2 als landesweite Informations-, Unterhaltungs- und Bildungsprogramme
  • Stimme der DDR“ als Propagandasender für die Bundesrepublik
  • Radio Berlin International für das fremdsprachige Ausland
  • Berliner Rundfunk für Ost-Berlin
  • DT64 als Jugendradio der DDR

Die Wende

Als die DDR untergeht, hat auch ihr Rundfunk keine Zukunft mehr. Im Jahr 1991 stellen die Sender ihren Betrieb ein. Es folgen einige Nutzungen für Hörspielaufnahmen, aber seit 1995 steht das Gebäude zunächst leer. Der Senat verkauft das Gelände und die Besitzer wechseln oft. Im Jahr 2011 verurteilt das Berliner Kammergericht sogar einen der früheren Eigentümer wegen Betruges.

Doch seit 2015 der Investor Uwe Fabich den Komplex übernommen hat, ist das Funkhaus Nalepastraße wieder ein Musikzentrum. 2017 stellen Depeche Mode hier ihr neues Album vor, ein Jahr später ist das Funkhaus Schauplatz des People Festivals mit 200 Musikern aus aller Welt. Internationale Künstler nutzen die einmalige Anlage für ihre Aufnahmen.

Tresen der Milchbar im Funkhaus Nalepastraße, Berlin
Milchbar im Funkhaus Nalepastraße, Berlin © visitBerlin, Foto: Nele Niederstadt

Unsere Tipps rund um das Funkhaus Nalepastraße

Zu den Führungen durch den Komplex Funkhaus Nalepastraße können Sie sich hier anmelden www.funkhaus.events. Buchen Sie rechtzeitig, denn die Touren sind schnell ausverkauft. Mit einer Gruppe können Sie ab zehn Personen auch individuelle Führungen vereinbaren.
Machen Sie auf dem Gelände eine entspannte Pause in der stilvollen Milchbar machen und anschließend einen Ausflug in den Plänterwald auf der anderen Spreeseite machen. Dort können Sie gleich eine weitere Führung zu einem DDR-Relikt unternehmen: Der Spreepark war einst der einzige Freizeitpark der DDR.

Praktische Tipps von visitBerlin

Zum Funkhaus fahren Sie am besten mit der Tram-Linie 21 bis zur Haltestelle Köpenicker Chaussee/Blockdammweg und gehen von dort wenige Minuten zu Fuß.
Um die Stadt zu erkunden, empfehlen wir für den öffentlichen Nahverkehr die Berlin WelcomeCard