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Eine Einführung in die Ausstellung von Natascha Pohlmann:

Zwischen blühenden Landschaften und grauem Waschbeton weht der Wind der Veränderung. Fortlaufend im Umbruch begriffen bewegt sich Ostdeutschland seit über 30 Jahren im Spannungsfeld zwischen Reparaturbemühungen und verschiedenen Revolutionsbegehren.


Die Friedliche Revolution von 1989 bewirkte eine Transformation der Gesellschaft in allen Bereichen des Lebens, die Ostdeutschland bis heute gleichsam zu einer Probebühne für die Bewältigung von Strukturwandelherausforderungen als auch zum Versuchsfeld für politische Radikalisierungsstrategien macht.
Angesichts wachsender Demokratiefeindlichkeit stellt sich aktuell die Frage, von wem der Revolutionsbegriff vereinnahmt und mit welcher Zielsetzung zur Revolution aufgerufen wird.

Im Jahr 2024 werden nicht nur das Europäische und zahlreiche kommunale Parlamente neu gewählt, sondern auch die Landtage von Brandenburg, Thüringen und Sachsen.
Wird dadurch Ostdeutschland, die vermeintliche Peripherie Deutschlands, zum Prüfstein für die gesamte Republik? Werden dort für die kommenden Jahre politische Kräfte in Regierungsverantwortung kommen, die in der Vergangenheit systematisch ein antidemokratisches, rechtsextremes Grundrauschen etablierten, sich dafür auch die kollektiven Erinnerungen der Ostdeutschen zu Nutze machten und fortan daran arbeiten wollen, wichtige demokratische Institutionen lahmzulegen?
Oder hat sich in Ostdeutschland seit 1989 eine Art Transformationskompetenz entwickelt, die es ermöglicht, die aktuellen gesellschaftlichen Spannungen zu überwinden und konstruktiv die drängenden Herausforderungen unserer Zeit anzugehen?

Die fotografischen, videobasierten und skulpturalen Werke der Künstler Eric Meier, Erik Niedling und Sven Gatter, die in der Ausstellung „Diskurszone Ost – Reparatur und Revolution“ erstmals gemeinsam gezeigt werden, spiegeln diese Fragen wider und eröffnen Denkräume jenseits konventioneller Erklärungsmuster.

Meier, Niedling und Gatter, die ein tiefempfundenes Interesse an der Entwicklung Ostdeutschlands eint, arbeiten seit vielen Jahren in einem stetigen Wechsel zwischen dem selbstgewählten Lebensort Berlin und ihren jeweiligen Herkunftsgegenden in Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Mit ihren medienübergreifenden Arbeitsansätzen finden sie zu künstlerischen Werken, die sich formalästhetisch erstaunlich gut ergänzen.
Die Blickwinkel allerdings, aus denen heraus sie sich ihrem künstlerischen Feld nähern, unterscheiden sich deutlich.


Eric Meier (*1989 in Ost-Berlin, aufgewachsen in Frankfurt/Oder, lebt in Berlin) untersucht die zivilisatorischen Spuren und Zeichen der postsozialistischen Transformation, thematisiert das Scheitern und fragt nach sozialer Identität.
In seinen Fotografien und Skulpturen ist das Kaputte wie das Spekulative konzeptionell verankert. Sie zeugen von individuellen Mythologien und seinen Erfahrungen als Nachwendekind in Frankfurt an der Oder ebenso wie von kollektiven Neucodierungen und Überformungen.

Erik Niedling (*1973 in Erfurt, lebt in Erfurt und Berlin) setzt sich in seinen neuesten konzeptuellen Arbeiten aus den Werkkomplexen Dokumentationszentrum Thüringen (2022) und Summer of Anarchy(2022) exemplarisch mit Thüringen auseinander, das seit 1990 zu einem Sammelpunkt für Rechtsradikale und Neonazis wurde. A
usgehend von seiner eigenen Geschichte als jugendlicher Anarchist recherchiert und verarbeitet er für seine Fotografien, Videoarbeiten, zeichenhaften Malereien und Skulpturen Materialien über aktuelle soziale Bewegungen, die den Bruch mit dem bestehenden Gesellschaftssystem suchen.


Sven Gatter (*1978 in Halle/Saale, lebt in Berlin/Brandenburg und Kassel) beschäftigt sich in seinen Arbeiten immer wieder mit den Reparaturbemühungen in verschiedenen ostdeutschen Regionen, die bei ihm gleichzeitig Respekt und Skepsis hervorrufen. In seinen neueren Arbeiten scheinen Momente der Ironie auf, die als Versuch Gatters gelesen werden können, mit diesem ambivalenten Gefühl umzugehen.


Eine begleitende Veranstaltungsreihe mit der Politologin und Psychoanalytikerin Dr. Judith Christine Enders, der Transformationsforscherin Prof. Dr. Melanie Jaeger-Erben, der Museumsleiterin Ulrike Kremeier, dem Autor und Anti-Rassismus Trainer Florian Fischer, der Autorin und Anti-Diskriminierungstrainerin ManuEla Ritz, der Schriftstellerin und Journalistin Annett Gröschner, der Schriftstellerin und Dramaturgin Peggy Mädler und der Fotokünstlerin Wenke Seemann wird die Themen der Ausstellung mit Workshops, Lesungen und Talks vertiefen.

  • Natascha Pohlmann ist 1982 in West-Berlin geboren und lebt heute wieder in Berlin. Sie hat Kunstgeschichte und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert sowie zu künstlerischen Verfahren der Aneignung gefundener Fotografien promoviert. Sie ist seit 2022 Mitglied im Team der AFF Galerie Berlin.

DIE BEGLEITVERANSTALTUNGEN IM ÜBERBLICK

Sonntag, 26.05.2024, 10 – 13 Uhr: Kunst und Psychoanalyse im Dialog, Workshop mit Dr. Judith Christine Enders
Die Veranstaltung ermöglicht den Teilnehmenden, in einer kleinen Gruppe verborgene und unbewusste Prozesse bezüglich der Ausstellung „Diskurszone Ost – Reparatur und Revolution“ zu ergründen. Geleitet wird der gruppenanalytisch inspirierte Workshop von der Politikwissenschaftlerin und Gruppenpsychoanalytikerin Dr. Judith Christine Enders. Sie schafft einen Raum, in dem sich die Teilnehmenden ihres Verhältnisses zu den ausgestellten Kunstwerken bewusster werden und sich gleichzeitig ins Verhältnis zu den anderen Workshopteilnehmenden sowie zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten setzen können.
  • Die Veranstaltung ist für die Teilnehmenden kostenfrei.
  • Um Anmeldung bis zum 24.5.2024 unter judithenders@yahoo.de wird gebeten.  
Freitag, 07.06.2024, 19 – 20 Uhr: Walk and Talk, Ausstellungsgespräch mit Eric Meier, Erik Niedling, Prof. Dr. Melanie Jaeger-Erben, Sven Gatter und Ulrike Kremeier
Im Gespräch mit Ulrike Kremeier, Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst, und Prof. Dr. Melanie Jaeger-Erben, Transformationsforscherin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg gewähren Eric Meier, Erik Niedling und Sven Gatter spannende Einblicke in den Entstehungsprozess der Ausstellung und ihre künstlerischen Arbeitsweisen.  

Samstag, 15.06.2024, 18 – 20 Uhr: Grenzenlos, Gesprächsabend über Ostdeutschland, Westdeutschland und Diskriminierung mit ManuEla Ritz und Florian Fischer
Bereits im Jahr 2015 stellten ManuEla Ritz und Florian Fischer, zwei bekennende Ossis, zaghaft und nur im stillen Kämmerlein die Frage, ob das, was zwischen Ost- und Westdeutschland abläuft, ein Diskriminierungsverhältnis ist. Nun, fast 10 Jahre später beantworten sie diese Frage selbstbewusst und laut mit: Ja! Wie sie zu dieser Antwort gekommen sind, legen sie in ihrem neuen Podcast „grenzenlos. der p.ostcast“ dar, den sie an diesem Abend vorstellen.
Sie freuen sich darauf, mit Menschen aus Ost und West, Nord und Süd darüber zu sprechen, was die Schieflagen sind zwischen dem Osten und dem Westteil des Landes, und laden dazu ein, miteinander zu reden und persönliche Geschichten zu teilen.  

Samstag, 29.06.2024, 18 – 20 Uhr: Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat, Leseperformance mit Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann
Drei Freundinnen, ein Küchentisch, vor den Fenstern die Nacht: Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann reden. Über sich als „Ostfrauen“, was auch immer diese Schublade bedeutet, über das Glück krummer Lebensläufe, über die Gegenwart mit ihrer sich ständig reindrängelnden Vergangenheit.
Es wird getrunken, gelacht und gerungen, es geht um Erinnerungsfetzen und Widersprüche, um die Vielschichtigkeit von Prägungen und um mit den Jahren fremd gewordene Ideale. Ihr Buch ist dem Erinnern und dem Sich-neu-Erfinden gegenüber so gewitzt und warmherzig, wie es jede große Gesellschaftsdiskussion verdient.            



Zusätzliche Informationen
Öffnungszeiten
freitags bis sonntags von 15 bis 18 Uhr sowie nach individueller Vereinbarung
Termine
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