Direkt zum Inhalt
Firmenschriftzug der Borsigwerke auf dem Borsigtor
Borsigtor Berlin © visitBerlin, Foto: Steve Simon

Borsigtor

Das Backsteintor der Borsigwerke

Das Borsigtor sieht aus wie ein Stadttor aus dem Mittelalter. Tatsächlich stammt es aber aus einer ganz anderen Zeit: Die Industrialisierung

Als die Borsigwerke Ende des 19. Jahrhunderts ihr neues Werksareal in Tegel errichten, wollen sie mehr als einen Fabrikstandort. Sie wollen zeigen, was für ein wichtiges und leistungsfähiges Unternehmen hier ab sofort seinen Sitz hat. Schließlich ist Borsig Europas größter Lokomotivhersteller und möchte hinter anderen Berliner Weltkonzernen wie AEG und Siemens nicht zurückstehen. Schon das Borsigtor am Eingang des neuen Industriegeländes ist weit mehr als eine Werkseinfahrt: Es erscheint wie ein prächtiges mittelalterliches Stadttor.

Unverkennbar: Hier hat die märkische Backsteingotik Pate gestanden. Denn im Kaiserreich gilt der Historismus als ideales Mittel, um repräsentativ zu bauen. Nicht zufällig entsteht die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Stil der Neoromanik und der Berliner Dom erhält eine Fassade im Stil von Neorenaissance und Neobarock. Wer heute durch das Borsigtor hindurchgeht, trifft nicht mehr auf eine Maschinenfabrik, kann dafür aber andere spannende Entdeckungen machen.
Denn das ehemalige Borsig-Gelände ist nicht nur ein Beispiel für die innovative Nutzung eines alten Industriegebiets. Es bietet auch die Gelegenheit zu einem modernen Shopping-Erlebnis in den denkmalgeschützten Montagehallen am Borsigturm.

Von Feuerland nach Tegel

Im Jahr 1837 gründet der Zimmermann Johann Friedrich August Borsig in der Berliner Chausseestraße seine Fabrik für Maschinenbau. Sie legt innerhalb weniger Jahre einen atemberaubenden Aufstieg hin. 1841 wird die erste Lokomotivefertig gestellt, fünf Jahre später verlässt bereits die hundertste Dampflok die Fabrik.
Borsig ist nicht die einzige Firma, die sich am Oranienburger Tor niedergelassen hat. Über 30 Maschinenhersteller und Metallgießereien produzieren auf engstem Raum. Die Berliner haben schnell einen Spitznamen für das Industriegebiet, in dem unentwegt Funken sprühen und Rauch aufsteigt: Feuerland.

Borsig beschränkt sich aber nicht nur auf Lokomotiven. Die Firma stellt unterschiedlichste Maschinen her.

  • Dampfmaschinen
  • Walzwerke
  • Installationen für Zuckerfabriken, Spinnereien und chemische Anlagen
  • Eis- und Kühlmaschinen
  • Mammutpumpen


Dieses Wachstum bleibt nicht ohne Folgen. Die Produktionsorte in der Berliner Innenstadt reichen nicht mehr aus. Wie andere Berliner Konzerne sucht Borsig nach neuen Standorten am Stadtrand. Und während Siemens in Spandau fündig wird (heute die Siemensstadt), entscheidet sich Borsig für eine Landgemeinde im Nordwesten: Tegel.

Ein neogotisches Tor...

Das Borsigtor entsteht im Jahr 1898 als eines der ersten Gebäude auf dem neuen Gelände der Borsigwerke in Tegel. Es ist eines der weniger komplexen Projekte für die Architekten Konrad Reimer und Friedrich Körte. Anders als bei den Montagehallen der Lokomotivfabrik müssen sie keinen modernen Bau historistisch verkleiden, sondern können ein mittelalterlich anmutendes Gebäude aus Backstein neu entwerfen. Reimer und Körte nehmen ihr historische Zitat ernst: Massive Rundtürme mit zwei spitz zulaufenden Dächern und scheinbar wehrhafte Zinnen über dem Torbogen. So stellt sich jedes Schulkind ein Stadt- oder Burgtor vor.

Figur eines Schmieds Fasssadendetail des Borsigtor
Schmied am Borsigtor © visitBerlin, Foto: Steve Simon

Die Botschaft ist ebenso eindeutig: Wie das Tor einer Stadtmauer oder Burganlage soll das Borsigtor die Überlegenheit und Marktmacht der Borsigwerke symbolisieren. Nur zwei Jahre zuvor hat Franz Schwechten mit dem Beamtentor schon einen ganz ähnlichen Werkszugang für die AEG am Humboldthain geschaffen.
Historisierend sind auch die beiden Bronzefiguren in den Rundbogennischen neben der Toreinfahrt. Ein Schmied und ein Eisengießer in traditioneller Handwerkstracht symbolisieren die Tätigkeitsfelder des modernen Maschinenbaukonzerns.
Nur der Firmenname kommt ohne mittelalterliche Symbolik aus: A. BORSIG steht groß und deutlich auf dem Torbogen über der Werkseinfahrt.

... für einen Zukunftsstandort

Auch wenn die Architekten historisierende Fassaden wählen: Borsig ist ein Zukunftsstandort. Die neuen Werksanlagen sind nicht nur größer als am Oranienburger Tor. Sie ermöglichen eine moderne Form der Arbeitsorganisation. Vor der Planung haben die Borsig-Ingenieure ihre Hausaufgaben gemacht und sich in den 1890er Jahren bei der fortschrittlichen Konkurrenz in den USA und in Großbritannien informiert.

Mit Arbeitsmarken überprüft die Borsig-Firmenleitung nun die Pünktlichkeit ihrer Beschäftigten, die auch nicht mehr essen können, wann sie möchten. Verbindliche Essenzeiten für alle verbessern die Rationalisierung der Produktion. Am Tegeler Standort steht auch nicht nur ein repräsentatives Eingangstor, vielmehr ist das gesamte Werksgelände umzäunt. Die Firma kann so genau kontrollieren, wer wann das Gelände betritt und wieder verlässt.

Die Borsigwerke wachsen in den nächsten Jahren zu einem riesigen Komplex mit zahlreichen Einzelgebäuden und sogar einem eigenen Werkshafen am Tegeler See heran. Ein besonderer Hingucker ist der Borsigturm von 1922-24. Eugen Schmohls Meisterwerk des Backsteinexpressionismus ist mit seinen 65 Metern Höhe das erste Hochhaus Berlins.

Borsigturm, Hallen am Borsigturm
Borsigturm, Hallen am Borsigturm © visitBerlin, Foto: Wolfgang Scholvien

Borsigwerke, Alt-Tegel, Reinickendorf

Vom Industrieareal zum Wirtschaftsstandort des 21. Jahrhunderts

Nur kurz nach dem Bau des stolzen Borsigturms steht der Maschinenbaukonzern vor dem Ruin. Die Weltwirtschaftskrise trifft das Unternehmen schwer, die Insolvenz droht. Zunächst rettet eine Übernahme durch die AEG Borsig, aber schon wenige Jahre später endet die Lokomotivherstellung in Tegel. Borsig wechselt mehrfach den Besitzer. In kleinerem Umfang überlebt die Firma aber bis heute auf dem Tegeler Industrieareal. Als Spezialist für Verfahrenstechnik führt die Borsig GmbH die lange Unternehmenstradition fort.

Lange Jahre bleiben die Borsigwerke ein Industriegebiet, aber nach der deutschen Einheit steht die Zukunft des Geländes zur Disposition. Die Industrieproduktion hängt von staatlichen Subventionen ab, die im vereinigten Berlin nicht mehr fließen. Ein neues Zukunftskonzept ist erforderlich.
Der französische Architekt Claude Vasconientwickelt einen neuen städtebaulichen Entwurf für das gesamte Borsig-Gelände. Neue Unternehmen ziehen ein, zum Beispiel in den Borsigturm, der noch immer ein Bürohochhaus ist. Sie machen das alte Industriegelände zu einem neuen Wirtschaftsstandort. Hinzu kommt die komplette Neunutzung der alten Montagehallen als Zentrum für Einkaufen, Unterhaltung und Gastronomie.

Das Borsigtor und die übrigen Gebäude der Borsigwerke stehen, fachgerecht saniert, heute unter Denkmalschutz. Sie erinnern an Berlins Vergangenheit als Industriezentrum und bieten gleichzeitig Raum für neue Unternehmen und Erlebnismöglichkeiten.

Einkaufen in den Hallen Am Borsigturm, Berlin
Shopping Centre - Hallen am Borsigturm © visitBerlin, Foto: Frank Heise

Unsere Tipps rund um das Borsigtor

Wenn Ihnen nach der Besichtigung des Borsigtors der Sinn nach Unterhaltung steht, besuchen Sie die Hallen am Borsigturm. In den denkmalgeschützten ehemaligen Montagehallen der Lokomotivfabrik bieten sich Ihnen zahlreiche Gelegenheiten zum Shoppen und Essengehen. Und wenn schönes Wetter ist, nutzen Sie die Gelegenheit und laufen einfach ein paar Hundert Meter nach Westen zur Greenwichpromenade am Tegeler See. Ein Uferspaziergang lohnt sich ebenso wie ein Ausflug in den nahegelegenen Tegeler Forst.

Hinweise für Fahrradfahrer

Das Borsigtor ist Ausgangspunkt der Fahrradroute: Tour 55: Fahrradtour durch Reinickendorf
Weitere Fahrradrouten finden sind in unseren Tourenvorschlägen.

Praktische Tipps von visitBerlin

Zum Borsigtor fahren Sie am besten mit der U-Bahn-Linie 6 bis zur Haltestelle Borsigwerke.
Um die Stadt zu erkunden, empfehlen wir für den öffentlichen Nahverkehr die Berlin Welcome Card.