Die Erde, »die große Nährerin«. Brechts grüne Revolution
»Vorwärts und nicht vergessen / Worin unsere Stärke besteht …« In Brechts Solidaritätslied verwandelt erst die Revolution den Planeten in die »große Nährerin«.
Es ist das Jahr 1944, die Zeit, in der auch »Der Kaukasische Kreidekreis« entsteht. Die Fragen von Bodennutzung, Bewässerung und Ertragssteigerung bestimmen die Rahmenhandlung.
Wenig später, im Jahr 1950, folgt das Langgedicht »Die Erziehung der Hirse«, das die Leistungen der Moskauer Akademie für Agrarwissenschaften unter seinem berüchtigten Präsidenten Lyssenko feiert.
Die Industrialisierung der Landwirtschaft weitet sich während des Kalten Krieges als »grüne Revolution« zu einem globalen Projekt aus, in dem Züchtung, Chemikalien- und Maschineneinsatz zusammenwirken. In die DDR gelangen Traktoren über den Umweg der UdSSR, die im Agrarsektor eng mit den USA kooperiert. Heiner Müllers »Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande« (1961) nimmt diesen Faden auf mit seiner komödiantischen Sicht auf die Zeit zwischen Bodenreform und Kollektivierung der Landwirtschaft. Wenige Wochen nach dem Mauerbau von B. K. Tragelehn uraufgeführt wird das Stück zu einem der größten Theaterskandale der DDR.
Heute wissen wir, dass die »grüne Revolution« zu den stärksten Treibern der Klimakrise gehört. Die Bewegung der brasilianischen Landlosen, eine der größten sozialen Bewegungen unserer Zeit, kämpft gegen die Auswirkungen dieser Entwicklung. Doch auch im globalen Norden wächst das Bewusstsein dafür, wie instabil das Ernährungssystem geworden ist. Der Öko-Marxist Jason Moore spricht davon, dass der Klassenkampf des 21. Jahrhunderts um die industrielle Lebensmittelproduktion geführt werden wird. »Beim Hungern und beim Essen / Vorwärts, nicht vergessen: / Die Solidarität!«
Brechts Werk bietet erstaunlich viele Anknüpfungspunkte, um auf diese Situation zu reagieren. Das liegt nicht nur an seinen an Marx geschulten technik- und wissenschaftssoziologischen Einsichten, sondern entspringt auch seinem Ziel einer poetischen »Anstrengung zur Verbesserung des Planeten«, auf dem die vom Kapitalismus befreite Menschheit sich wohnend einrichten soll.
Hier berührt sich Brechts Schreiben auf überraschende Weise mit der populärwissenschaftlichen Text- und Bildproduktion einer utopischen Science Fiction, wie sie sich etwa in der sowjetischen Zeitschrift »Technika – molodjoschi« („Technik – der Jugend“) seit den 1930er Jahren findet. In diesen Zusammenhang gehört auch die Bewunderung für Stalins hydraulische Großprojekte, die gemäß dem »Großen Plan zur Umgestaltung der Natur« in Dimensionen von Terraforming und Climate Engineering vordrangen. Herrn Keuner hingegen lässt der Anblick von Bäumen in den Straßen der großen Städte an die Notwendigkeit denken, der umfassenden Verwertbarkeit der Natur Grenzen zu setzen. Hier bieten sich Anknüpfungspunkte für eine »Stoffwechselpolitik« (Simon Schaupp), die um die Einbettung aller Formen menschlicher Arbeit in ökologische Beziehungsgeflechte weiß. Für zeitgenössische Ökosozialist:innen wie Drew Pendergrass und Troy Vettese, das Autorenduo des Manifests »HALF EARTH SOCIALISM« (2022), avanciert Brecht damit zum wichtigen Bezugspunkt für einen Marxismus, der mit dem produktivistischen Aufbau-Pathos bricht.
Die Brecht-Tage 2026 gehen von diesem bislang kaum näher beleuchteten komplexen Befund in Brechts Werk aus, zum einen um die Bezüge zwischen Brechts planetarer Poetik und der »langen Grünen Revolution« (Jason Moore) sichtbar zu machen, zum anderen aber um gemeinsam mit Expert:innen und Autor:innen den Verbindungslinien zu gegenwärtigen Debatten um den drohenden Klimakollaps und den Umbau der Industriegesellschaft im Anthropozän zu folgen.
- Projektleitung Hans-Christian von Herrmann und Alexander Karschnia
In Kooperation mit dem Netzwerk Naturwissen am Museum für Naturkunde Berlin, dem Zeiss-Großplanetarium Berlin, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem Fachgebiet Literaturwissenschaft der Technischen Universität Berlin und andcompany&Co.
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