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Festival für zeitgenössische elektroakustische Musik

Reflux - Festival für zeitgenössische elektroakustische Musik präsentiert an ingesamt 9 Abenden im September, Oktober und Dezember 2022 je drei unterschiedliche Künstler:innen & Komponist: innen aus fast allen Kontinenten. Reflux ist somit die internationale Fortsetzung "FLUX FESTIVAL – elektro-akustische Musik aus Berlin" das 2018 an sieben Abenden mit insgesamt 28 Positionen im Spektrum Neukölln statt fand.

Uferstudios
Uferstudios Guido Borgers

Für jeden dieser Abende werden wir neben zwei zeitgenössischen Positionen einen Klassiker präsentieren, also drei Konzertteile à 30-40 Minuten. Das Program wird jeweils auf die akustischen und räumlichen Eigenheiten der Orte abgestimmt beziehungsweise speziell für diesen Ort komponiert. Jede(r) der eingeladenen MusikerInnen verfügt über eine individuelle Klang- und Formsprache und sind eher selten in Berlin zu hören. Dabei haben wir alle KünstlerInnen gebeten programmatisch Vorschläge zu machen und so wird das Program eine ausgewogene Mischung aus Kompositionsaufträgen/Uraufführungen, bereits bestehenden Werken sowie selten gehörten Klassikern sein.

Jasmine Guffond: "Neue Arbeit" (2022)

Jasmine Guffond wird anlässlich des Reflux-Festivals 2022 Live-Elektronik über ein Soundsystem mit vier Lautsprechern spielen. Mit Hilfe eines Laptops, Midi-Controllern, Ableton Live und Max MSP Software interessiert sich Jasmine für das Zusammenspiel von menschlicher und maschineller Handlungsfähigkeit. Die Hierarchie, in der das menschliche Subjekt das nicht-menschliche Objekt kontrolliert, wird gestört, und es entsteht ein Gefühl der verteilten Kontrolle. Das Handeln ist nicht festgeschrieben, sondern wird von beiden geteilt und ausgedrückt, wodurch die Vorstellung einer festen Dichotomie verwischt wird. Wie lässt sich dies auf die alltägliche Erfahrung in einer zunehmend technologisch geprägten Welt übertragen?

Mario Bertoncini: "Scratch-a-matic" (1970/1971) für Klavier, 9 Gleichstrommotoren und Tonbandverzögerungssystem 9 Gleichstrommotoren mit einstellbarer Geschwindigkeit treiben jeweils ein kleines Gummirädchen an, das die Klaviersaiten in Schwingung versetzt und einen chorischen "Atem" mit variablen Frequenzen, eine Art automatischen Kontrapunkt, erzeugt; daneben sorgt ein Tonbandverzögerungssystem mit ebenfalls variabler Geschwindigkeit für eine fluktuierende mikrotonale Akkumulation anhaltender Obertöne. Durch minimale Variationen der Bandgeschwindigkeit wird so aus einem einzigen Ton ein komplexes mikrotonales Cluster erzeugt.

Mario Bertoncini: "Istantanee I" (1995)

1995, am Ende einer "Sommerakademie", die ich in der Nähe der ostpreußischen Grenze leitete, hatte ich die Idee, eine meiner kreisrunden Äolsharfen (ein Meter Durchmesser) im Freien aufzustellen, sie der Einwirkung des Windes auszusetzen und das Ergebnis aufzunehmen, ohne in irgendeiner Weise einzugreifen, d.h. ohne zu versuchen, den Klangverlauf im Geringsten zu beeinflussen. Diese akustische Momentaufnahme ("Istantanee" auf Italienisch, daher der Titel in Anlehnung an einen fotografischen Schnappschuss) schließt zufällige Geräusche der Umgebung (ein bellender Hund, Vogelstimmen) ebenso wenig aus wie andere akustische Ereignisse, auf die ich keinen Einfluss hatte, deren Auftreten aber, wenn nicht vorherbestimmt, so doch zumindest in ihrem möglichen Zustand erwünscht war: Der leichte Rückstoß eines Gummibandes auf den Harfensaiten, der Aufprall eines Käfers, einer Mücke oder eines Grashalms; oder jene eine Saite, die nicht straff genug gespannt ist und immer wieder an die nächste stößt....

Mario Bertoncini: "Istantanee II" (2006) Aufführung & Verbreitung: Simone Pappalardo

Der zweite Teil einer Trilogie. Das "Klangobjekt" ist die gleiche runde Harfe, die ich in "Istantanee I" verwendet habe. Hier ist es jedoch nicht der Wind, der den Klang moduliert, sondern die Aktionen eines Solisten. Er bringt die Saiten auf drei verschiedene Arten zum Schwingen, die den drei großen zeitlichen Abschnitten des Stücks entsprechen:

1. mit zwei Druckluftdüsen; 2. durch drei kleine Ventilatoren; und schließlich 3. durch den Atem des Spielers.

Wie ich an anderer Stelle theoretisch erläutert habe (in meinem Dialog "Äolsharfen und andere unnütze Dinge" ITAL/ENGL als Buch zur CD Box the box, Mailand 2007), vollzieht sich die musikalische - d.h. zeitliche - Entwicklung des Stücks frei nach einer formalen Strategie, die sich aus den Proportionen des Goldenen Schnitts ableitet und nach der Dauer von 'Istantanee I' berechnet wird." Mario Bertoncini

Lasse Marhaug: Context (2022)

Im Rahmen des Festivals wird Marhaug eine mehrkanalige Version seines letzten Albums "Context" uraufführen, das Anfang des Jahres auf Smalltown Supersound erschienen ist. Das über einen Zeitraum von zwei Jahren aufgenommene Stück ist eine Demonstration von Marhaugs Ansatz, viszerale elektronische Geräusche mit gedämpften texturalen Elementen zu mischen - eine sorgfältige Balance von Chaos und Ordnung. Die Musik aus seiner Heimat Nordnorwegen spiegelt die gegensätzlichen Qualitäten der Landschaft wider.


Das Zusammenspiel von durchdringender Sanftheit und ohrenbetäubendem Lärm ist der Schlüssel zu einer Philosophie, die Marhaug seit Jahren erforscht. Nur wenige andere Künstler sind in der Lage, Chaos und Harmonie mit einer solchen Leichtigkeit auszubalancieren; Marhaug schafft es ohne Effekthascherei, es ist eine Musik, die gleichzeitig so schön und so beängstigend klingt wie die arktische Landschaft, in die er zurückkehrt. In jedem Moment kann ein Klang verlockend oder tückisch sein, wie die gefrorene Sonne, die sich auf einem verschneiten Berggipfel spiegelt.

Boomkat
Zusätzliche Informationen
Reflux ist eine Produktion von www.zangimusic.wordpress.com finanziert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds Berlin.

Besetzung 

Künstlerische Leitung: Ignaz Schick & Werner Dafeldecker | Technische Leitung: Roy Carroll | Licht: Aurora Rodriguez
Termine
Datum
Uferstudios: Uferstudio 1