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Bertolt Brechts expressive Bühnenballade "Baal", benannt nach dem syrischen Fruchtbarkeitsgott, dessen Abbild in der Augsburger Dachkammer des frühreifen Stückeschreibers über dem Bett hing, erzählt vom Leben eines Künstlers – irrlichternd zwischen Genie und Wahnsinn.

Vorabfoto "Baal"
Vorabfoto "Baal" © Foto: Moritz Haase

Von panischem Glücksverlangen besessen, lebt Baal ein Leben, ganz im Zeichen der Kunst, das zwischen Rausch und Absturz wenig (Zwischen-)Menschlichem Raum lässt. Verhalten und Lebensweg Baals verstoßen gegen die moralischen und sozialen Normen seiner Zeit – und nicht nur dieser. Die Figur Baal kann sinnbildlich für eine Gesellschaft gelesen werden, in der die Bedeutung des Individuums den Wert der Gemeinschaft gesprengt hat und Solidarität nur noch ein lästiges Schlagwort alter Tage ist. "Die Lebenskunst Baals", erläutert Brecht 1954, "teilt das Geschick aller anderen Künste im Kapitalismus: sie wird befehdet. Er ist asozial, aber in einer asozialen Gesellschaft." Heutzutage stellt sich die Frage nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Menschen neu. Die Frage nach Respekt und Solidarität, nach der Möglichkeit und Notwendigkeit einer Begegnung auf Augenhöhe von Mensch zu Mensch.

Eine Frage, mit der sich Regisseur Ersan Mondtag in seiner Auseinandersetzung mit dem Stoff konfrontieren will. Mit seiner Interpretation des Stoffes wirft er  außerdem einen kritischen Blick auf Geniekult und männliche Allmachtsfantasien.

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Zusätzliche Informationen
Der Bühnenfassung von "Baal" in der Inszenierung von Ersan Mondtag liegen die vier Fassungen zu Grunde, die beim Suhrkamp Verlag erschienen sind: Die erste Fassung von 1918, die zweite Fassung von 1919 (beide entstanden in Augsburg), die Berliner Bühnenfassung von 1926 und die letzte Fassung des Stückes von 1955. Die Brecht-Erbinnen haben freundlicherweise die Erlaubnis erteilt, für unsere Interpretation des Stoffes, für diese neue Aufführung am Theater Brechts mit Teilen aller vier Fassungen zu arbeiten. Die Verschneidung der vier Fassungen ist ein Versuch, der Figur Baal und damit auch dem Menschen Brecht näher zu kommen. Baal hat Brecht zu Lebzeiten nicht losgelassen; er hatte – so scheint es – ein geradezu unerlöstes Verhältnis zu dem Stück und seinem Protagonisten. Hier sprechen die zahlreichen, teils sehr unterschiedlichen Fassungen und auch Brechts Notate zum Stück Bände. In diesem Programmheft finden Sie Auszüge der Notate und einen Aufsatz zu den Fassungen. Uns war es ein Anliegen – auch durch die Besetzung mit Stefanie Reinsperger – die menschlichen Seiten Baals, die Not, die dem Abgründigen gegenübersteht, auszuloten und damit einen komplexen Blick auf diese Figur zu werfen. Baal ist zwar „ein asozialer Mensch in einer asozialen Gesellschaft“ (Bertolt Brecht), aber dennoch ist er mehr als „das Vieh, der fette Kloß, das Untier“ als das er gerne interpretiert wird. Eine wichtige Rolle spielt in unserer Fassung außerdem – in den vorliegenden Fassungen Brechts mit unterschiedlichem Gewicht ebenfalls angelegt – die Rolle „der Gesellschaft“, die Baal umgibt. Die fünf großen Gesellschaftsbilder, die von Brecht in unterschiedliche Milieus geschrieben und dabei im Duktus und Ton dennoch sehr ähnlich sind, bilden ein wichtiges Fundament für den ersten Teil des Stückes, die Inszenierung von Ersan Mondtag und damit die Entwicklung, den Lebenslauf des Mannes Baal in dieser Aufführung. Brecht hat in diesen Szenen gesellschaftliche Mechanismen grotesk, aber mit großer Schärfe festgehalten – Hysterien aller Art von Katzbuckelei vor der Macht, über die Lobpreisung „des Genies“, das dann so schnell wie hochgelobt auch schon wieder fallengelassen wird, bis hin zu populistischen Tiraden, die sich im Ton mühelos im Hier und Jetzt aktueller Politik wiederfinden. „In der Figur des Baal verkörpert sich durch alle Fassungen und trotz allen Änderungen und Abschwächungen das wuchernde, strotzende, brutale und das dennoch herrlich berauschende Leben, in dem auch die Kunst nicht das Ergebnis gesellschaftlicher Konstellationen ist, sondern ein naturhaftes Ereignis wie Zeugung und Geburt.“ – schreibt Dietmar Schmidt in seinem Buch Baal und der junge Brecht. Doch das Stück, der Antrieb der Figur Baal ist zugleich morbide konnotiert. Baals Lebenswut geht Hand in Hand mit der Ahnung eines herannahenden Todes. Er ist ein Leidender, geistig leidend an der Welt, einer Gesellschaft, in die er nicht passt und einem Körper, der ihn quält. „Du bist mein einziger Trost, Lethe, aber ich darf noch nicht. Du spiegelst seit Tagen mein Papier und bist unberührt. Ich schone uns, aber dies Herz will nicht singen aus mir, und die Brust ist verschleimt. Ich bin zur Qual geboren, und ich habe keine Ruhe. Blut füllt mir die Augen, und meine Hände zittern wie Laub. Ich will etwas gebären! Ich muss etwas gebären! Mein Herz schlägt ganz schnell und matt. Aber mitunter dumpf wie ein Pferdefuß, Du weißt! [...] Warum wird dieses Werk nicht fertig, dieses gottgewollte, verfluchte, selige, gefräßige!“ Weiß man, dass Brecht zeitlebens an Herzproblemen und weiteren damit einhergehenden körperlichen Beschwerden litt, verschmelzen in dieser Passage Schöpfer und Protagonist augenfällig. Baal stirbt schlussendlich vereinsamt und ausgebrannt. Nachdem er Leben und Menschen verschlungen und verschleudert hat, holt ihn der Tod im Wald unter Fremden. Brecht starb im Alter von nur 58 Jahren an einem Herzinfarkt und hinterließ ein Werk, das bis heute eine erstaunliche Aktualität besitzt. Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen. Von Clara Topic-Matutin
Teilnehmende Künstler
von Bertolt Brecht (Autor/in)
Kate Strong (Eckart)
Anna Mattes (Emilie Mech, Der Klavierspieler)
Stefanie Reinsperger (Baal)
Judith Engel (Johannes, Mutter)
Veit Schubert (Mech, Hauswirtin, Gendarm 1)
Paul Zichner (Pschierer, Lupu, Watzmann)
Peter Luppa (Dr. Piller, Doktor)
Owen Peter Read (Kellnerin Luise, Der Geistliche)
Emma Lotta Wegner (Johanna)
Torben Appel (Amtsbote, Die jüngere Schwester, Gendarm 2)
Yanina Cerón (Kellnerin Marie, Sophie)
Jonas Grundner-Culemann (Die ältere Schwester, Ein junges Weib, Soubrette)
Johannes Meier (John, Claude)
Ersan Mondtag
Eva Jantschitsch
Jonas Grundner-Culemann
Ulrich Eh
Clara Topic-Matutin
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Berliner Ensemble: Großes Haus
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