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Großsiedlung Siemensstadt in Berlin: Siedlungen der Moderne
Großsiedlung Siemensstadt: Siedlungen der Moderne © Landesdenkmalamt, Foto: Wolfgang Bittner

Die 20er Jahre – Architektur in Berlin

Die Architektur in Berlin ist Ausdruck einzigartiger moderner Kunst in Deutschland. Vor allem die weitverbreiteten Bauten aus den 1920er Jahren beeinflussen das Stadtbild nachhaltig, denn ihre klaren Formen und ihre schnörkelloser Gestaltung gelten heute noch als schön. Bei Ihrem Besuch in der Hauptstadt kommen Sie nicht an der wegweisenden Baukunst namhafter Architekten wie Walter Gropius und den Brüdern Max und Bruno Taut vorbei. Die Moderne der 20er Jahre wird geprägt durch die Bauhaus-Schule, die die „Neue Sachlichkeit“ und das kostengünstige „modulare Bauen“ in die Architektur einführte, sowie durch ein eigenständiges Lebensgefühl - die Hoffnung des Neuanfangs und eine radikal umdefinierte Kunst.

Aus der Not heraus

Von der Notwendigkeit des Neubeginn nach dem Ersten Weltkrieg gezeichnet, ist die Zeit der Weimarer Republik eine Zeit der extremen politischen und architektonischen Veränderungen in der Hauptstadt. Der Wille, etwas Neues und Besseres zu erschaffen und den Aufbruch vom ehemaligen Kaiserreich zur Republik zu vollziehen, zeigt sich noch immer in den Bauwerken. Die industriell aufstrebende Stadt hat bereits vor Kriegsbeginn immense Probleme, ihre in großen Zahlen zuziehenden Fabrikarbeiter unterzubringen, was auch unter hygienischen Aspekten problematisch ist. Der Wohnungsknappheit soll Abhilfe geschaffen werden, indem anders als bei den privaten Mietskasernen zumeist Gewerkschaften, Genossenschaften sowie die Stadt selbst die Trägerschaft für die neu entstehenden Wohngebäude übernehmen. Dieser „Reform-Wohnungsbau“ nach englischem Vorbild hat den Vorteil, dass moderner und gleichzeitig bezahlbarer Wohnraum entsteht.

Vorbild für ein ganzes Jahrhundert

Die schattigen Hinterhöfe und lichtlosen Wohnungen der Kaiserzeit werden daher abgelöst von innovativen, schlichten und schnörkellosen, vor allem aber gut belichteten Gebäudekomplexen mit großen Innenhöfen sowie Wohnungen mit Bad, Balkon und Küche, mit einer Raumaufteilung also, wie sie zum Wohlfühlen einlädt und auch nach Jahrzehnten an Beliebtheit kaum eingebüßt hat. Damalige Grundrisse erweisen sich heute noch als praktikabel und besitzen für das gesamte 20. Jahrhundert Vorbildcharakter. Zunächst jedoch schockiert die Architektur des Bauhaus-Stils die Menschen vor allem, da es nie zuvor vergleichbar radikale Veränderungen im Bauwesen gegeben hat.

Zwischen Beton und Backstein

Ihr Weg durch die Stadt wird Sie an einigen der bedeutendsten Bauten aus den 1920er Jahren vorbei führen: Das Alexander- und das Berolinahaus am Alexanderplatz, welche als einzige aus den Plänen von Peter Behrens realisiert wurden, liegen zentral in unmittelbarer Nähe des gleichnamigen S-Bahnhofs. Das Mosse-Haus mit seiner abgerundeten Ecke, heute auch Mossezentrum genannt, wurde ursprünglich zwischen 1900 und 1903 im Jugendstil erbaut und infolge von massiven Beschädigungen während des Spartakusaufstandes im Jahr 1919 radikal im Stil dieser Zeit umgebaut, um den länglichen Bau in der Schützenstraße von seinen Nachbargebäuden abzuheben. Heutzutage beherbergt das ehemalige Verlagshaus verschiedenste Unternehmen. Das Bundeshaus des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) in Mitte Ecke Insel- und Wallstraße, erbaut von Max Taut, ist ein konsequenter Betonrasterbau und damit Musterbeispiel für den sachlichen Architektur-Stil der 20er Jahre. Am Tempelhofer Hafen finden Sie das im sogenannten Backstein-Expressionismus erbaute eindrucksvolle Ullstein-Haus mit seiner Eule aus Bronze, dem Markenzeichen des Ullstein-Verlags, am ehemaligen Arbeitereingang. Walter Gropius verwirklichte sich während der 20er Jahre in Berlin unter anderem mit dem ersten Gemeinschaftsprojekt der Bauhaus-Schule: dem Haus Sommerfeld in der Limonenstraße in Lichterfelde, welches aus dem Holz eines ehemaligen Kriegsschiffes erbaut sein soll.

Von der Gartenstadt zum Welterbe

Typische Tür in der Tuschkastensiedlung
Typische Tür in der Tuschkastensiedlung © (c) visumate

Die sechs zwischen 1913 und 1934 entstandenen „Siedlungen der Berliner Moderne“ gehören seit 2008 zum UNESCO-Welterbe, denn ihr Entstehen trug maßgeblich dazu bei, Berlin zu einer Metropole der modernen Architektur zu machen. Dazu gehört die Gartenstadt Falkenberg im Bezirk Treptow-Köpenick, die aufgrund der intensiven Farbigkeit der Fassaden auch „Tuschkastensiedlung“ genannt wird. Ebenfalls Teil des Weltkulturerbes ist die in Mitte befindliche Gartenstadt Atlantic, die den ersten großen Auftrag des damals jungen Architekten Rudolf Fränkel darstellt. Herzstück der Anlage bildete die Lichtburg mit einem riesigen Kino sowie Bars, Restaurants und Tanzsälen. Zum Ende der 20er Jahre entstehen in Reinickendorf die Weiße Stadt, die mit ihrer Farbgebung ganz ihrem Namen gerecht wird, sowie die Großsiedlung Siemensstadt in Charlottenburg und Spandau, in der sich neben enormen Wohnanlagen auch etliche Industriegebäude finden. Auch die besonders aus der Luft gut erkennbare Hufeisensiedlung im Ortsteil Britz, deren riesiger Innenhof einmalig ist, gehört zum Welterbe. Wie Sie feststellen werden, grenzt sich der hufeisenförmige Gebäudekomplex zwar von seiner Umgebung farblich ab, was jedoch zum Konzept dazu gehört.
Auch nach beinahe 100 Jahren sind die meisten Gebäude aus dieser Zeit des Aufbruchs in die Moderne noch gut erhalten oder wurden teils wieder aufgebaut. Es lohnt sich, eine Tour durch die Stadt der 20er zu machen, beispielsweise auf den Spuren Bruno Tauts von der Siedlung am Schillerpark im Wedding bis zu Onkel Toms Hütte, auch als Waldsiedlung Zehlendorf bekannt, am Rande des Grunewalds. Wenn Sie sich vor allem über Ausstellungen zur Baukunst der 1920er Jahre informieren möchten, findet jeden Sonntag zu 14 Uhr eine kostenlose Führung im Museum des Bauhaus-Archivs in der Klingelhöferstraße statt, zu der Sie auch unangemeldet erscheinen können. Individuelle Führungen müssen rechtzeitig vorher abgesprochen werden. Erreichbar ist das Museum bequem via U-Bahn und einem viertelstündigen Spaziergang vom Nollendorfplatz oder mit dem Bus vom nahegelegenen Lützowplatz aus.