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Sophia Bulgakova wuchs in Odesa auf, einer ukrainischen Metropole, einem Hafen und einem kulturellen Zentrum am Schwarzen Meer. Heute wird Odesa immer wieder von russischen Raketenangriffen heimgesucht: Vor allem die Hafenlager mit Getreide sind das Ziel. Aber auch das Stadtzentrum von Odesa, das unter UNESCO-Kulturschutz steht, wird beschossen, ebenso wie die Wohngebäude, in denen Zivilist:innen leben.


Seit Sophia Bulgakova die Ukraine 2014 verlassen hat, steht sie über einen Telegram-Gruppenchat mit ihren Jugendfreund:innen Di und Li in Kontakt.

„Wir sind heute alle von irgendwelchen Explosionen aufgewacht“, lautet die erste Nachricht, die Bulgakowa von ihren Freund:innen in diesem Chat am 24. Februar 2022 erhielt, als die russische Invasion in der Ukraine in vollem Umfang begann.
Diese Nachricht dient als Titel für ihr Projekt, ein konzeptionelles Diptychon, das sich in einer audiovisuellen Installation und einer Publikation manifestiert.

Der audiovisuelle Teil der Installation „We all woke up today from some kind of explosions“, die in Zusammenarbeit mit Ymer Marinus entstand, wird im Künstlerhaus Bethanien zum ersten Mal gezeigt.

"Während wir mit der Künstlerin besprechen, wie sie das Projekt im Künstlerhaus Bethanien präsentieren will, wache ich von denselben Explosionen auf. Aber es ist bereits der 21. März 2024. Zwischen 4 und 6 Uhr morgens wird Kiew von Raketen getroffen.
Die Wohnung meiner Freund*innen ist zerstört, sie werden evakuiert; meine Mutter, die in der Nähe des Blocks wohnt, nimmt keine Anrufe entgegen. Und angesichts dieses Schreckens, der sich hier und jetzt abspielt und der sich gleichzeitig in Sophia Bulgakowas Projekt widerspiegelt, besteht die Hauptaufgabe der Künstler:in oder Schriftsteller:in darin, hinzuschauen, ohne sich von dem Schrecken abzuwenden. Nicht dem Wunsch nachzugeben, aus der Realität in eine imaginäre oder poetische Welt zu fliehen.

Seit dem Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine im Jahr 2014 haben wir keine andere Wahl, als genau hinzuschauen, wenn es um Dinge geht, die so gewalttätig sind, dass kein Medium sie wiedergeben kann.

Der erste Akt des Sehens, des Aufwachens und des Öffnens der Augen, besteht darin, den ständigen Schmerz zu ertragen, der entsteht, wenn man die Verantwortung abgibt, nicht nur Zeug:in, sondern Teilnehmer:in des Krieges zu sein, gegen unsere Wahl. Für diejenigen, die die Kriege durch Foto- und Videoberichte beobachten, ist alles, was wir erzählen und zeigen, nur eine weitere Aufnahme unter Millionen von Bildern.

Wie Susan Sontag sagte, „haben sie wenig Wirkung, und ihre Verbreitung hat etwas Zynisches an sich“. Aber für uns, die wir nach den Explosionen aufwachen, bedeutet das Zeugnis und die Bilder auch, dass wir uns mit der konkreten Arbeit auseinandersetzen müssen: wo und wie wir unsere Angehörigen schützen, wo wir uns engagieren, wen wir unterstützen.

Obwohl es unmöglich ist, den Blick so zu schulen, dass er alles sieht, was diejenigen sehen, die nach den Explosionen aufwachen, ist es möglich, sich vorzustellen, wie der Teufelskreis des „Betrachtens“ des Schmerzes der anderen durch radikales Mitgefühl durchbrochen werden kann.
Eine Metapher für eine solche Umstrukturierung des Beobachterblicks ist eine der Komponenten des Projekts von Sophia Bulgakova. Die Publikation der Künstlerin enthält Stereogramme, die dem/der Betrachter*in eine konkrete Anstrengung abverlangen, um die Botschaft zu erkennen:

1. Halten Sie das Stereogramm vor sich!
2. Entspannen Sie Ihre Augen!
3. Schauen Sie durch das Bild!
4. Warten Sie darauf, dass die Wörter scharf warden!"

Sophia Bulgakova ist eine ukrainische Kunstwissenschaftlerin, interdisziplinäre Künstlerin und Aktivistin, die derzeit in den Niederlanden lebt.
Sophia arbeitet mit Kunst, Technologie und zeitgenössischen sozialen Strukturen und konzentriert sich dabei auf die Beziehung zwischen kulturellen Identitäten, Wahrnehmung und Imagination. Durch die verschiedenen Sinneseindrücke in ihren Installationen und Performances bezieht sie die Betrachter*innen mit ein, beeinflusst ihre Art der Realitätswahrnehmung und erkundet neue Möglichkeiten jenseits der Realität.

Sophia studierte Bildhauerei in Kiew und erwarb anschließend ein Grundlagendiplom in Fotografie und zeitbasierten Medien an der University of the Arts London in Großbritannien. Danach absolvierte sie die ArtScience Interfaculty an der Royal Academy of the Art and Royal Conservatory in Den Haag, Niederlande. Ihre Arbeiten wurden unter anderem beim Ars Electronica Festival (AT), CTM Festival (DE), Sonic Acts Festival (NL), Baltan Laboratories (NL), Mediamatic (NL) und Ningbo City Exhibition Hall (CN) ausgestellt.

Maria Vtorushina ist Kurator:in, Forscher:in und Autor:in. Im Jahr 2023 war Maria Chefredakteur*in des Artslooker Magazine; von 2016 bis 2021 leitete Maria die Kyiv Art Week als künstlerische Direktor:in. Maria hat einen MA in Kunsttheorie (Nationale Akademie der Bildenden Künste, Kiew) und absolvierte ein Aufbaustudium an der Universität Maastricht (FASoS). Derzeit nimmt Maria am Rave-Stipendienprogramm des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen e. V.) im Künstlerhaus Bethanien teil.


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