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Lesung: Denken in einer Polarisierten Welt: Über Intellektuelle Bewegungsfreiheit

Die großen moralischen Narrative der Grausamkeit kommen mit tiefen politischen Konsequenzen auf die Menschen zu. Das westliche Narrativ erinnert an die Verbrechen des Totalitarismus wie Holocaust und Gulag. In der Erinnerung an den Holocaust befinden sich Israel und die Juden im Brennspiegel; die Erinnerung an den Holocaust stellt Israel für Juden als den Garanten ihrer Sicherheit dar. Jenseits der atlantischen Welt spielen diese Erinnerungen eine weniger zentrale Rolle.

PORTRAIT Natan Sznaider
PORTRAIT Natan Sznaider Allegra Mercedes Pirker

Im Vordergrund stehen dort die Grausamkeiten des Westens gegen die außerhalb des Westens stehende Welt. Nicht Holocaust, sondern Kolonialismus und Imperialismus sind hier die semantischen Markierungen. Dieses Narrativ zeichnet wiederum Israel als Handlager des Westens sowie als weiße Siedlergesellschaft, die die eingeborene Bevölkerung unterdrückt. Diese beiden moralischen Sichtweisen sind nicht immer klar voneinander zu trennen; in Geschichtsschreibung wie in politischen Annährungen werden sie oft miteinander verknüpft, und gerade im Nahostkonflikt überlagern sie sich. Das kolonialistische Narrativ konkurriert hier mit demjenigen des Holocaust.

Schmerz und Opfer werden zu Schlüsselbegriffen. Ausgehend von Natan Sznaiders Buch Fluchtpunkte der Erinnerung geht es an diesem Abend auch darum, wie konstruktiv gestritten werden kann.

Natan Sznaider ist emeritierter Professor für Soziologie am Academic College von Tel Aviv. Er ist spezialisiert auf soziologische Theorie, Globalisierung und Erinnerungskultur. In Mannheim geboren, wanderte er nach Israel aus, wo er sein Studium aufnahm. In den USA hat er über die „Soziologie des Mitleids“ promoviert. Er hatte mehrere Gastprofessuren in Deutschland inne. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen Jewish Memory and the Cosmopolitan Order (Cambridge 2011), Memory and Forgetting in the Post-Holocaust Era (Routledge 2016, mit Alejandro Baer), Gesellschaften in Israel: Eine Einführung in zehn Bildern (Suhrkamp 2017) und Fluchtpunkte der Erinnerung: Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus (Hanser 2022). Außerdem ist er zusammen mit Christian Heilbronn und Doron Rabinovici Herausgeber von Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte (Suhrkamp 2019). Mit einem musikalischen Beitrag von Ibrahim Alshaikh (Klarinette).

Eine Anmeldung ist erforderlich; der Eintritt ist frei.
Zusätzliche Informationen
Teilnehmende Künstler
Prof. Dr. Jacob Eder
Natan Sznaider
Ibrahim Alshaikh
Termine
Datum
Pierre Boulez Saal - Mozart Auditorium