Die Lichtenberger Kunst-Szene
Kreative Kunst inmitten alter Industriebauten und Gründerzeitarchitektur
Kunstschaffende und Kreative zieht es nach Lichtenberg – und das bereits seit geraumer Zeit. Inmitten ungenutzter Industrieflächen und Gründerzeitarchitektur entwickelt sich die Lichtenberger Kunstszene seit Jahrzehnten kontinuierlich weiter und wartet nur darauf, entdeckt zu werden.
Das Mies van der Rohe Haus
Eine architektonische Ikone des Bezirks war Ludwig Mies van der Rohe, der in den 1930er Jahren in Lichtenberg wirkte und das Haus Lemke am Obersee entwarf. Das L-förmige Einfamilienhaus aus roten Ziegelsteinen, auch bekannt als Landhaus Lemke oder Mies van der Rohe Haus, ist das letzte von dem Architekten entworfene Wohnhaus in Deutschland, bevor er in die USA emigrierte. Heute empfängt das Haus an der Oberseestraße 60 als international bekanntes Architekturdenkmal Kunstliebhaber:innen aus aller Welt und dient als Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst.
Galerien in Lichtenberg
In keinem anderen Berliner Bezirk gibt es so viele kommunale Galerien wie in Lichtenberg.
In den historischen Räumen des ehemaligen Ratskellers Lichtenberg zeigt die rk-Galerie für zeitgenössische Kunst jährlich fünf bis sechs multimediale Ausstellungen. Die ausgestellten Malereien, Fotografien, Skulpturen und Installationen greifen gesellschaftlich relevante Themen auf. Begleitende Kunstsalons, Workshops und Führungen gewähren darüber hinaus Einblick in die Entstehungsprozesse der Werke.
Im studio im HOCHHAUS geht es währenddessen visionär und utopisch zu. Seit 1990 regen die Kunstausstellungen im Erdgeschoss eines Hochhauses inmitten der Großsiedlung Neu-Hohenschönhausen den Diskurs zwischen städtischen Lebensrealitäten und den Erwartungen an das Zusammenleben in einer Großsiedlung an.
Im Ortsteil Karlshorst lockt die Galerie im Kulturhaus Karlshorst. Das abwechslungsreiche Programm des Kulturhauses setzt auf Interkulturalität und zeigt nationale wie internationale Werke der zeitgenössischen Malerei, Grafik und Fotografie. Über den Ausstellungsräumen, im ersten Stock des Kulturhauses, finden regelmäßig Konzerte, Theaterstücke und Lesungen statt.
Seit 2019 bereichert der durch Künstler:innen geführte Freie Kunstraum GISELA die Szene mit abstrakter und figurativer Malerei, Foto- und Videokunst sowie Skulpturen und Rauminstallationen. Mit Ausstellungsführungen, Gesprächsrunden mit Künstler:innen, Vortragsreihen und Workshops lädt der Kunstraum dazu ein, den eigenen künstlerischen Horizont zu erweitern.
Wo einst eine Metzgerei war, zeigt after the butcher heute Ausstellungen, Performances und Filme über das gesellschaftliche Hier und Jetzt. Seit 2025 kuratiert ein Verein aus Kunstschaffenden und Theoretiker:innen die internationalen Ausstellungsstücke. Das Programm lebt von künstlerischen Strategien, sozialen Fragen und der kritischen Reflektion gesellschaftlicher Widersprüche.
Die Initiative DDR Fotoerbe bewahrt über eine Millionen analoge Fotografien, die den Alltag in der Deutschen Demokratischen Republik authentisch und fernab von Propaganda dokumentieren. Die Bilder werden in regelmäßigen Ausstellungen im ganzen Stadtgebiet präsentiert.
Vorhang auf für die Lichtenberger Bühnen
In Lichtenberg pulsiert eine lebendige Theaterkultur mit Kiez-Charakter. Auf den Bühnen des Bezirks werden Geschichten erlebbar – von Kinderträumen bis zum experimentellen Puppenspiel.
Seit 1950 verzaubert das Theater an der Parkaue junge Besucher:innen ab vier Jahren. In einem ehemaligen Schulgebäude im Herzen Lichtenbergs werden klassische Märchen, moderne Theaterstücke sowie innovative Produktionen auf die Bühne gebracht. Als ältestes Kinder- und Jugendtheater Deutschlands verbindet das Haus ein abwechslungsreiches Programm mit Workshops und weiteren partizipativen Formaten für Kinder und Jugendliche.
Im Weiten Theater im Nordosten Lichtenbergs fliegen, tanzen und schwimmen die Puppen durch das Bühnenbild eines ehemaligen Pionierhauses. Das Theater hat sich zwar dem Puppenspiel verschrieben, bietet sich aber auch für jegliche andere Theaterform sowie interaktive Installationen als Spielstätte an.
Das Theater Strahl bringt seit 1987 zeitgenössisches Theater für junges Publikum auf die Bühne. In einer denkmalgeschützten Doppelstock-Turnhalle beschäftigen sich die Inszenierungen mit den Ängsten und Hoffnungen der jungen Generation. Neben den Aufführungen engagiert sich das Ensemble mit mobilen Produktionen und theaterpädagogischen Projekten berlinweit.
Alternative Kunst an geschichtsträchtigen Orten
In Lichtenberg wird nicht nur Kunst gezeigt, sondern auch gemacht! Ein ehemaliges Bahnbetriebswerk, eine Margarinefabrik aus dem Jahr 1909 oder ehemalige Sperrgebiete aus DDR-Zeiten dienen als geschichtsträchtige Kulisse für das Schaffen der ansässigen Künstler:innen.
Am S-Bahnhof Nöldnerplatz sind die BLO-Ateliers beheimatet.
Seit 2003 arbeiten hier Künstler:innen und Kunsthandwerker:innen auf dem Gelände eines ehemaligen Bahnbetriebswerkes. Zum jährlichen Tag der offenen Tür sowie zu regelmäßigen Konzerten und Ausstellungen kann das Gelände erkundet werden.
Mitten im Gewerbegebiet Herzbergstraße präsentiert die Galerie Fahrbereitschaft ihre Sammlung Haubrok in den Hallen einer 1901 eröffneten Spiritusfabrik. Den Namen verdankt die Galerie ihrer DDR-Vergangenheit: Das 18.000 Quadratmeter große Areal diente einst der Fahrbereitschaft des Ministerrates der DDR. Seit 2013 vereint der Ort Werkstätten und Ateliers für Künstler:innen und Kreative mit einem Ausstellungsraum für internationale Gegenwartskunst. Zwischen Linoleumboden und Blümchentapete entfalten die Werke aus der renommierten Sammlung der Familie Haubrok so einen künstlerischen Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit.
Weitere kreative Hotspots: Das ehemalige „Margarinewerk Berolina“ von 1909 beherbergt heute die Kunstfabrik HB55, das „Zentrum für künstlerische und kunstgewerbliche Werkstätten“. Der Alte Gießerei Berlin e. V. hat einer leerstehenden Fabrik mit einem vielseitigen Angebot aus Ausstellungen, Workshops, Lesungen, Screenings und Gesprächsrunden neues Leben eingehaucht. Und wo einst das Ministerium für Staatssicherheit Spionagegeräte entwickeln ließ, gestalten heute in rund 270 Ateliers die Künstler:innen des ID Studios (Intelligence Department Studios) ihre Werke.
Gleich um die Ecke, in den Hallen einer ehemaligen Maschinenfabrik, befinden sich die Ausstellungsräume des Kunstvereins Villa HEIKE. Das denkmalgeschützte Gebäude, das 1910 durch den Maschinenbaufabrikanten Richard Heike erbaut wurde, diente zuvor als geheimes NS-Archiv der Stasi. Heute werden in den sorgfältig sanierten Räumlichkeiten temporäre Kunstprojekte mit einem besonderen Fokus auf das Medium Fotografie ausgestellt. Neben der Ausstellungsfläche bietet die Villa Heike auch Atelier- und Arbeitsräume für Kreativschaffende.
Die Jugendkunstschule Lichtenberg öffnet jungen Talenten Türen: Professionell ausgestattete Werkstätten ermöglichen es allen Interessierten, sich im Rahmen von Workshops und offenen Studios in unterschiedlichen Kunstformen auszuprobieren. Der Ausstellungsraum der Kunstschule zeigt, welche kreativen Fertigkeiten und künstlerischen Perspektiven in den Kindern und Jugendlichen des Bezirks stecken.
Lichtenberger Handwerkskunst
In den Hinterhöfen und ehemaligen Fabrikgebäuden Lichtenbergs treffen Tradition und Innovation aufeinander. In ihren Werkstätten und Ateliers schafft die Lichtenberger Kreativwirtschaft handgefertigte Möbel, kunstvolles Porzellan, einzigartigen Schmuck und maßgeschneiderte Kleidungsstücke. Hier bewahren alteingesessene Handwerksbetriebe ihre Traditionen, während direkt nebenan junge Kreative Techniken und Materialien neu interpretieren.
Lichtenberger Handwerkskunst kann hautnah erlebt werden, denn viele Werkstätten öffnen ihre Türen für Workshops und Einblicke hinter die Kulissen. So entstehen bei Berlin Bumerang seit mittlerweile 25 Jahren weltweit einmalige Bumerangs.
Die Holzwerkstatt befindet sich in den B.L.O.-Ateliers und kann im Rahmen von Bumerang-Workshops, in denen eigene Flugobjekte gebaut werden können, auch selbst genutzt werden. In den Werfkursen von Berlin Bumerang lässt sich dann die Flugkurve perfektionieren.
Die Holzreste, die bei Berlin Bumerang anfallen, werden direkt nebenan im WerksAtelier kunstvoll aufbereitet. Seit 2020 dreht sich in der Werkstatt von Tobias Rudolph alles um filigrane Holzringe und dazu gehörige Ringdosen. Mit einem umfangreichen Katalog an ergonomischen Taschenmessern fertigt der gelernte Flugzeugbauer auch einen Teil seiner Werkzeuge selbst.
Aus Alt mach neu, lautet währenddessen die Devise bei Marija Jaensch im Lichtenberger Kaskelkiez. Ihre Quilt-Wandbilder, Kissenbezüge und Stofftiere aus bereits existierenden Materialien schlagen Brücken zwischen verschiedenen Epochen und Stilen der Kunstgeschichte. Stoffe mit Vorgeschichte kommen bei Jawoll Baby zum Einsatz. Das 2021 gegründete Upcycling-Unternehmen stellt aus der Wolle geretteter Wollpullover zeitlose und nachhaltige Kinderkleidung her. Die Gründerin Janine gibt im Rahmen von Upcycling-Workshops Einblicke in ihr Handwerk.
Die kreativen Köpfe Lichtenbergs sind aus der Manufakturlandschaft Berlins nicht wegzudenken. Doch auch in den anderen Bezirken der Stadt entstehen in traditionellen Handwerkstätten und innovativen Design-Studios einzigartige Produkte. Wer mehr über die Manufakturen und Handwerksbetriebe der Stadt erfahren möchte, findet bei Crafted in Berlin einen Überblick über der Maker-Szene Berlins.