Jiddisch kehrt nach Berlin zurück
Diese Welt wurde zerstört. Doch die Sprache überlebte. Und nun, im Jahr 2026, lebt sie in Berlin wieder auf – und das Shtetl Berlin Festival ist der lauteste Beweis dafür.
Das Shtetl Berlin Festival 2026 findet vom 9. bis 14. Juni an verschiedenen Veranstaltungsorten statt, darunter der Grüne Salon, die KulturKirche Nikodemus und die UfaFabrik. Es ist die bislang größte Ausgabe einer Veranstaltung, die fast ein Jahrzehnt lang still und leise etwas Außergewöhnliches aufgebaut hat: eine lebendige jiddische Gemeinschaft im Herzen der deutschen Hauptstadt.
Eine Sprache, geboren zwischen Deutsch und Hebräisch
Jiddisch zu verstehen bedeutet, etwas Wesentliches über die Beziehung zwischen Juden und der deutschsprachigen Welt zu verstehen. Die Sprache entstand im mittelalterlichen Rheinland – in Gemeinden in Worms, Mainz und Speyer – aus einer Verschmelzung von Mittelhochdeutsch, Hebräisch und Aramäisch und wurde später durch slawische Sprachen bereichert, als sich jüdische Gemeinden nach Osten über Europa ausbreiteten. Jiddisch ist im wahrsten Sinne des Wortes eine germanische Sprache: Seine Grammatik, seine Laute, seine ältesten Wörter tragen die Spuren einer tausendjährigen Begegnung zwischen jüdischen und deutschsprachigen Kulturen.
Diese Begegnung war reichhaltig und kreativ, lange bevor sie tragisch wurde. Aschkenas – der hebräische Name für die deutschen Länder – gab einer ganzen Zivilisation ihren Namen: der aschkenasischen jüdischen Kultur mit ihrer unverwechselbaren Musik, Küche, Literatur, ihrem Humor und ihren religiösen Bräuchen. Und im Zentrum dieser Zivilisation stand eine Sprache, deren Entstehung die deutschsprachige Welt weitgehend vergessen hat.
Das Shtetl Berlin Festival existiert unter anderem, um zu erinnern – und um zu zeigen, dass die Geschichte nicht zu Ende ist.
Sechs Tage, fünf Jahrhunderte Musik
Das Konzertprogramm des Festivals ist bewusst breit gefächert in seiner historischen Reichweite. Es beginnt am Dienstag, dem 9. Juni, im Grünen Salon mit einem Abend, der in die Gegenwart und nahe Zukunft blickt: ein Konzert mit neuer jiddischer Poesie und neuer Musik, bei dem die in Berlin lebenden Künstler Patrick Farrell, Yael Merlini und Di Shkatulkelekh auftreten. Berlin ist seit der Zwischenkriegszeit eine Hochburg jiddischer Poesie, als Persönlichkeiten wie Moyshe Kulbak und Dovid Bergelson die Stadt zu einem Zentrum des jiddischen literarischen Modernismus machten. Dieser Eröffnungsabend wirft die Frage auf: Wer schreibt diese Gedichte heute, und wie klingt es, wenn sie von Komponisten, die derzeit in dieser Stadt leben, vertont werden?
Am Donnerstag, dem 11. Juni, schlägt das Festival die entgegengesetzte Richtung ein – bis zurück in die Renaissance. simkhat hanefesh und das Ensemble Lucidarium treten in der KulturKirche Nikodemus auf und erwecken die Lieder, Tänze und Melodien des frühneuzeitlichen aschkenasischen Europas zum Leben: Musik aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die fast niemand sonst auf der Welt aufführt. Dies erinnert daran, dass die jiddische Kultur nicht mit dem Klezmer begann und dass die Wurzeln des aschkenasischen Musiklebens tief in einer gemeinsamen europäischen Vergangenheit liegen.
Am Freitag findet „Shabes in Shtetl“ statt, das traditionelle Freitagsabendtreffen des Festivals – in diesem Jahr ein „Melting Pot Dinner“ in Zusammenarbeit mit dem Interkulturellen Zentrum Neukölln, offen für die gesamte Gemeinschaft und getreu dem Geist des jüdischen Neuköllns von gestern und heute.
Das Wochenende in der UfaFabrik bildet mit seinen beiden Headliner-Konzerten den Höhepunkt des Festivals. Am Samstag, dem 13. Juni, spielt das legendäre ungarische Ensemble Muzsikás sein gefeiertes Programm „Máramaros – The Lost Jewish Music of Transylvania“ – ihr einziger Auftritt in Deutschland in diesem Jahr. Seit mehr als fünfzig Jahren rettet Muzsikás musikalische Traditionen vor dem Vergessen; ihr Programm mit jüdischer Volksmusik aus den verschwundenen Gemeinden Transsilvaniens ist eines der bewegendsten Konzerterlebnisse der zeitgenössischen Volksmusik.
Und am Sonntag, dem 14. Juni, endet das Festival mit einer Begegnung zwischen dem Berliner Duo Khupe – bestehend aus Christian Dawid und Sanne Möricke, zwei der markantesten Stimmen des europäischen Klezmer – und dem Lerner Moguilevsky Duo aus Buenos Aires, das die Klänge der argentinisch-jüdischen Diaspora in einen Dialog mit denen Berlins bringt. Der Abend endet, wie alle guten Dinge in der jiddischen Welt, mit einer offenen Jam-Session.
Lernen auf allen Ebenen
Das Wochenend-Workshop- und Vortragsprogramm des Festivals, das ebenfalls in der UfaFabrik stattfindet, ist darauf ausgelegt, Menschen dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Für Musiker und Sänger gibt es praktische Workshops zu Klezmer und jiddischen Liedern unter der Leitung einiger der Gastkünstler – eine seltene Gelegenheit, direkt von den besten Praktikern ihres Fachs zu lernen. Für alle anderen zeichnet eine Vortragsreihe die Geschichte der jiddischen Sprache und Kultur in Deutschland und speziell in Berlin nach: wie sich die Sprache hier entwickelte, wie sie nach Osten und dann nach Westen und wieder zurück wanderte und was es bedeutet, dass sie in dieser Stadt wieder gesprochen und gesungen wird. Vorkenntnisse sind weder erforderlich noch werden sie vorausgesetzt.
Die nächste Generation
Das vielleicht bedeutendste neue Element des Shtetl Berlin Festivals 2026 ist das Kinderprogramm – zwei volle Tage mit kreativen Workshops am 13. und 14. Juni, geleitet von den interdisziplinären Künstler*innen Eyal Davidovitch und Yeva Lapsker. Durch Geschichten, Lieder, Bewegung und Fantasie begegnen die Kinder der jiddischen Kultur auf eine Weise, die ganz und gar ihre eigene ist.
Das Programm steht Kindern aus jüdischen Familien offen, die der nächsten Generation eine lebendige Verbindung zur jiddischen Sprache und Tradition vermitteln möchten – ebenso wie Kindern jeglicher Herkunft. Shtetl Berlin war schon immer der Überzeugung, dass eine Gesellschaft, in der Kinder von klein auf die Kulturen der anderen kennenlernen, eine bessere Gesellschaft ist, und das Kinderprogramm verkörpert diese Überzeugung unmittelbar. Der Workshop wechselt zwischen Englisch, Deutsch, Russisch und ein wenig Jiddisch – ein kleines Echo der mehrsprachigen Welt, aus der das Jiddische selbst hervorgegangen ist.
Über Shtetl Berlin e.V.
Shtetl Berlin e.V. ist ein in Berlin ansässiger gemeinnütziger Verein, der sich der jiddischen Sprache und Kultur als lebendiger, in der Gemeinschaft verwurzelter Praxis widmet. Durch ein ganzjähriges Programm in Neukölln – darunter die monatlichen Neukölln Klezmer Sessions (mittlerweile über 125 Mal stattgefunden), das Zingeray-Gemeinschaftssingen und der jährliche Driter Seder – hat Shtetl Berlin eine der aktivsten jiddischen Kulturgemeinschaften in Europa aufgebaut. Das Festival ist ihr jährliches Herzstück.
Festival: 9.–14. Juni 2026
Veranstaltungsorte: Grüner Salon / KulturKirche Nikodemus / Oblomov Kreuzkoelln / UfaFabrik Berlin
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