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AEG-Turbinenhalle Moabit
AEG Turbinenhalle in Berlin Moabit, Huttenstraße © Landesdenkmalamt Berlin, Foto: Wolfgang Bittner

AEG-Turbinenhalle

Mehr als ein Denkmal

In der Moabiter Huttenstraße finden Sie einen der Schlüsselmomente der Architekturgeschichte in Stein gemeißelt.

Die AEG-Turbinenhalle ist ein Wendepunkt in der Architekturgeschichte: Mit ihr entwickelten der Architekt Peter Behrens und der Bauingenieur Karl Bernhard die erste Formensprache für ein Industriegebäude. Nur das mit dem Stein und dem Meißel stimmt natürlich nicht. Denn für die Turbinenhalle nutzten ihre Schöpfer modernere Mittel: Stahl und Glas.
Doch beginnen wir etwas früher. Als die Turbinenhalle noch nicht Legende ist. Kurz nach der Jahrhundertwende steigt der Berliner Elektrokonzern AEG (Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft) in die Produktion von Dampfturbinen ein. Die AEG benötigt für ihre Fertigung neue Fabrikkapazitäten. Dampfturbinen sind effektiver als klassische Dampfmaschinen und weltweit gefragt.

Die Erfindung der modernen Industriearchitektur

Den Auftrag erhält Peter Behrens, der an Kunstschulen in Hamburg, Karlsruhe und Düsseldorf studiert hat. Er arbeitet als Gestalter und Architekt und entwickelt für die AEG ein Corporate Design, bevor irgendjemand den Begriff überhaupt verwendet. Er kreiert Produktdesigns, Schriften und das AEG-Firmenlogo.
Als Architekt hat er 1901 in der Darmstädter Künstlerkolonie mit dem Haus Behrens für Aufsehen gesorgt und 1907 den Werkbund mitbegründet. Darin haben sich Unternehmen wie die AEG, Politiker und Künstler zusammengefunden, um die Entwicklung hochwertiger und moderner Produkte voranzutreiben. Steht zunächst noch das Kunstgewerbe im Vordergrund, wird später auch die Architektur im Werkbund immer wichtiger.
1908 erhält Behrens mit dem Entwurf für die neue AEG-Turbinenhalle eine einmalige Chance. Niemals zuvor hat jemand versucht, einen eigenen Architekturstil für Fabrikbauten zu entwickeln. Dem im Kaiserreich vorherrschenden Kunstgeschmack folgend, entwerfen Architekten für Industriebauten historisierende Fassaden
Behrens Turbinenhalle ist ein Prototyp. Ein Stahlskelett trägt das Gebäude, und Glas füllt die Fassadenflächen. Die Halle wirkt dadurch hell und transparent. Natürliches Licht soll die Arbeitsproduktivität erhöhen. Es geht darum – wie es Walter Gropius formuliert – Arbeiter zu motivieren, sich „freudiger am Mitschaffen großer gemeinsamer Werte“ zu beteiligen.

Sakrale Anspielung trifft auf puren Funktionalismus

Bei ihrer Fertigstellung 1909 gilt die Turbinenhalle als überaus modern. Aber schauen Sie sich die Fassade zunächst einmal von vorn an. Behrens und die AEG haben sich nicht völlig vom Zeitgeschmack gelöst. Die Betonelemente links und rechts erinnern an einen ägyptischen Tempel. Obwohl wuchtig ausgeprägt, haben sie keine tragende Funktion. Sie sind pure Außenverkleidung und damit reine Show. Die Zeitgenossen verstanden die sakrale Anspielung richtig und sprachen damals vom „Maschinendom“.
Ganz anders, ganz Moderne, so stellt sich die Seitenfassade der Turbinenhalle in der Berlichingenstraße dar. Nichts versteckt hier die Konstruktion. Stahlbinder und ihre Gelenke sind zu sehen. Die Glasfassade kippt leicht nach innen, da sie den Stützen folgt. So gefällt es dem Ingenieur der Turbinenhalle, Karl Bernhard. Die Betrachter sehen die tatsächliche Fassade.
Karl Bernhard wird bis heute unterschätzt. Er führt keineswegs nur Behrens‘ genialen Entwurf aus, sondern hat selbst großen Anteil daran. In der Außendarstellung der AEG und in der öffentlichen Wahrnehmung aber steht fortan Peter Behrens im Fokus: Der berühmte Künstlerarchitekt überstrahlt den Ingenieur.

Sichtbarer Zweck

Egal wer mehr zum Entwurf beigetragen hat, die Wirkung der Turbinenhalle auf die Architekturgeschichte kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Die Industrieproduktion findet mit ihr eine charakteristische Formensprache. Sie versteckt sich nicht mehr hinter pseudohistorischen Fassaden, sondern macht ihre Funktionen für alle sichtbar.
Die späteren Bauhaus-Architekten Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe arbeiten ebenso in Behrens‘ Büro wie Le Corbusier. Mies van der Rohe zeichnet sogar schon am Entwurf für die Seitenhalle der AEG-Turbinenfabrik mit.
Die AEG-Turbinenhalle übersteht den Zweiten Weltkrieg. Sogar mit größerem Grundriss: In den 1930er Jahren erweitert die AEG die Halle nach Norden hin. Seit 1977 gehört das Gelände Siemens. Von der Firma AEG bleibt nur der Markenname. Aber in der Halle produziert Siemens bis heute Gasturbinen – eine neue Generation des Produkts von 1909. Auch wenn die Technik sich stets weiterentwickelte, ist der Name Turbinenhalle immer noch zutreffend.

Grand Tour der Moderne

Zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum im Jahr 2019 entwickelte der Bauhausverbund eine Grand Tour der Moderne, die Architekturfans durch ganz Deutschland führt. Die AEG-Turbinenhalle ist Bestandteil dieser Themenroute.

Die weiteren Berliner Standorte als Grand Tour der Berliner Moderne:

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Unsere Tipps rund um den Standort Huttenstraße

Moabit zeichnet sich auch heute als Produktions- und Wohnstandort aus. Neben den bestehenden Industrieansiedlungen finden sich im Quartier bedeutende Zeugnisse der Berliner Industriekultur. Typisch dafür ist die aus dem 19. Jahrhundert stammende Arminiusmarkthalle. Für die lokale Grundversorgung eingerichtet, werden hier heute vor allem regionale Lebensmittel, Design und Dienstleistungen der Kreativwirtschaft angeboten. Die Meierei Carl Bolle, gegründet 1879, seiner Zeit Berlins größtes und bekanntestes Milchunternehmen, beherbergt heute vor allem Dienstleister. Das offen zugängliche Gelände lädt zum Bummeln entlang der Spree oder zu einem Besuch des Restaurantschiffs Patio ein. Beide Locations sind mit dem TXL-Bus Richtung Hauptbahnhof gut zu erreichen.

Praktische Infos von visitBerlin

Die AEG-Turbinenhalle erreichen Sie vom Hauptbahnhof mit dem TXL-Bus/Ausstieg Beusselstraße. Um die Stadt zu erkunden, empfehlen wir für den öffentlichen Nahverkehr die Berlin Welcome Card.