Direkt zum Inhalt
Bogengang des historischen Verwaltungsgeb├Ąude der Knorr-Bremse, Berlin
Verwaltungsgeb├Ąude Knorr-Bremse, Berlin © visitBerlin, Foto: Steve Simon

Knorr-Bremse Verwaltungsgeb├Ąude

Von Bremsen zu Blusen ÔÇôIndustrie am Ostkreuz

Die Knorr-Bremse steigt Anfang des 20. Jahrhunderts zum f├╝hrenden Fabrikat f├╝r den Schienen-und Stra├čenverkehr auf. Ein Besuch der ehemaligen Fabrikverwaltung lohnt sich noch heute.

Die Knorr-Bremse ist ein riesiger Geb├Ąudekomplex an der Neuen Bahnhofstra├če in Friedrichshain und einer der Berliner Standorte von Zalando. Wo heute einer der gr├Â├čten deutschen Online-Versandh├Ąndler Kleidung vertreibt, stellt die Knorr-Bremse AG Jahrzehntelang eines der wichtigsten Bauteile moderner Fahrzeuge her: Bremsanlagen. Von innen k├Ânnen Sie das Geb├Ąude heute leider nicht mehr besichtigen. Aber die prunkvolle Fassade von Alfred Grenander macht es zu einem eindrucksvollen Beispiel f├╝r Berliner Industriearchitektur.

Anf├Ąnge der Knorr-Bremse AG

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt der amerikanische Ingenieur Jesse F. Carpenter die Zweikammer-Druckluftbremse. Als die preu├čische Staatsbahn im Jahr 1883 ihre gesamte Flotte auf diese Technik umstellt, sieht Carpenter seine Chance gekommen: er gr├╝ndeteine Bremsenfabrik in Lichtenberg. Sein Oberingenieur ist ein Mann namens Georg Knorr, zu diesem Zeitpunkt noch keine drei├čig Jahre alt. Knorr ist unter anderem daf├╝r zust├Ąndig, das Produkt auch im europ├Ąischen Ausland zu vertreiben. Als die Preu├čische Staatsbahn zehn Jahre sp├Ąter den Vertrag mit Carpenter nicht erneuert, ist die Fabrik wirtschaftlich angeschlagen. Knorr ├╝bernimmt das Unternehmen und saniert es in den folgenden Jahren.

Fassade des Verwaltungsgeb├Ąude Knorr-Bremse in Berlin
Verwaltung Knorr-Bremse, Berlin ┬ę visitBerlin, Foto: Steve Simon

Eine revolution├Ąre Technik

Ein Grund daf├╝r, dass Carpenters Vertrag mit der Preu├čischen Staatsbahn ausl├Ąuft, sind die technischen Problemeseiner Bremse: zu hoher Luftverbrauch, lange Reaktionszeiten beim Bremsen und Probleme beiderInteraktion mit Bremsen anderer Hersteller. Knorr arbeitet immer weiter daran, seine Produkte zu verbessern. Mit Erfolg: kurz vor der Jahrhundertwende entwickelt er eine neue Einkammer-Bremse. Sie hat einen k├╝rzeren Bremsweg und macht es m├Âglich, dass Z├╝ge ruckelfrei anhalten. Keine unkoordinierte Abbremsung von Hand mehr, das Bauteil bremst den gesamten Zugverbund gleichm├Ą├čig ab. Das ist komfortabler und sichererzugleich. Die Preu├čische Staatsbahn ist begeistert, im Jahr 1900 wird die Knorr-Bremse erstmalig zugelassen.

Aufstieg der Knorr-Bremse

Es dauert nicht lange, bis Knorrs Erfindung das marktf├╝hrende Fabrikatf├╝r Bremsen ist. Von Lichtenberg zieht die Firma 1899 zun├Ąchst in eine kleine Fabrik nach Britz um. Nicht nur die gro├čen Bahnunternehmen interessieren sich jetzt f├╝r die Knorr-Bremse. Auch die erst wenige Jahre zuvor gegr├╝ndete Hochbahngesellschaft Berlin will das Produkt einsetzen. Die Zahl der Mitarbeiter steigt und in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts wird immer deutlicher, dass Knorr eine neue Fabrikbauen muss. Sein Gesch├Ąftspartner Isidor Loewe, dessen Union Elektrizit├Ątsgesellschaft (UEG) Stra├čenbahnen und elektrische Spezialmaschinen herstellt, best├Ąrkt ihn. 1903 ist es schlie├člich soweit, Knorr kauft Grundst├╝cke in der verkehrsg├╝nstig gelegenen Neuen Bahnhofstra├če in Friedrichshain. Ein neuer Fabrikkomplex entsteht.

Die ÔÇ×NeueÔÇť und die ÔÇ×AlteÔÇť Fabrik

Das erste Geb├Ąude hei├čt sp├Ąter nur noch die ÔÇ×alte FabrikÔÇť, auch wenn es nur zwei Jahre ├Ąlter ist als die ÔÇ×neue FabrikÔÇť. Es entsteht zwischen 1903 und 1904 auf dem Grundst├╝ck Neue Bahnhofstra├če 11/12. Ausgelegt ist es f├╝r 170 Mitarbeiter, von denen 150 in der Produktion t├Ątig sind. Zwischen 1905 und 1906 baut Knorr auf dem n├Ârdlich angrenzenden Grundst├╝ck Neue Bahnhofstra├če 13/14 eine weitere Fabrik. Die ÔÇ×neue FabrikÔÇť schlie├čt an die ÔÇ×alteÔÇť an, so dass sie einen Hof umschlie├čen und damit einen Geb├Ąudekomplex bilden.

Zu diesem Zeitpunkt sind die Geb├Ąude noch relativ schmucklos: schlichte, mit Ziegeln verkleidete Fassaden. Vielmehr stehen folgende Leitlinien bei der Planung im Mittelpunkt der Bem├╝hungen:

  • Sozial
  • Hygiene
  • Funktional

Breite Fenster und elektrische Beleuchtung sorgen f├╝r gute Lichtverh├Ąltnisse, eine Dampfheizung f├╝r angenehme Arbeitstemperaturen.

Ein neues Selbstbewusstsein

1911 ist ein Jahr voller H├Âhen und Tiefen f├╝r die Firma: der Gr├╝nder, Georg Knorr stirbt im Alter von 52 Jahren an Lungentuberkulose. Das tut dem Erfolg des von ihm gegr├╝ndeten Unternehmens keinen Abbruch, noch im selben Jahr wird es zu einer Aktiengesellschaft. Der Absatz der ÔÇ×Knorr-Bremse AGÔÇť in Deutschland und Europa ist so hoch, dass eine Erweiterung der Produktionsfl├Ąchenn├Âtig wird. Und nicht nur das: auch R├Ąumlichkeiten f├╝r Verwaltung und Direktion kommen dazu. Was als Ingenieursbetrieb begonnen hat, ist nun ein international agierendes Unternehmen, dessen Reichweite sich durchaus mit Firmen wie Siemens oder AEG messen kann. Um diese Bedeutung auszudr├╝cken, soll die vorhandene Fabrik repr├Ąsentativ erweitertwerden. Die Firmenleitung erwirbt weitere Grundst├╝cke in der Neuen Bahnhofstra├če, bis die riesige Fl├Ąche von Nummer 9 bis Nummer 17 zur Verf├╝gung steht. Dann beauftragt sie einen der namhaftesten Architekten ganz Berlins: Alfred Grenander. Als k├╝nstlerischer Leiter der Berliner Hochbahngesellschaft beeinflusst der geb├╝rtige Schwede ma├čgeblich das Aussehen der Berliner U-und Hochbahn.

Umbau mit pr├Ąchtiger Fassade

Ab 1914 baut Grenander die bestehenden Geb├Ąude an der Neuen Bahnhofstra├če grundlegend um und errichtet in nur zwei Jahren eine ÔÇô an damaligen Ma├čst├Ąben gemessen ÔÇô vorbildliche Industrieanlage.

Wenn Sie dem Geb├Ąude heute einen Besuch abstatten, wird Sie Ihnen als erstes die Gr├Â├če des Komplexes auffallen: F├╝nf Geschosse, 160 Meter L├Ąnge. Die Fassade des Verwaltungsbaus verziert Grenander unter anderem mit

  • S├Ąulenarkaden
  • Reliefs aus Sandstein
  • Wandpfeilern

Damit hebt Grenander das Verwaltungsgeb├Ąude von dem schlichteren Fabrikgeb├Ąude ab. Mit einer hohen Attika, einer Weiterf├╝hrung der Au├čenwand bis zur H├Âhe des Dachsimses, markiert der Architekt das Verwaltungsgeb├Ąude als Mitte und Zentrum des gesamten Komplexes. So spiegelt die Aufteilung der Fassade auch die firmeninternen Rollenverteilungen und Hierarchien wider.

ÔÇ×Mit gr├Â├čter Sorgfalt und erlesenem GeschmackÔÇť

Besonders prachtvoll gestaltet Alfred Grenander die Innenr├Ąume des Verwaltungsgeb├Ąudes, vor allem die Zimmer der Fabrikdirektoren. Der Schwede ist seit 1911 Mitglied des Deutschen Werkbundes und hat damit den Anspruch, ├Ąsthetisch und qualitativ hochwertige Handwerkskunst an die Stelle von industriell gefertigten Massenprodukten zu setzen. Im Sitzungssaal, den Vorzimmern,Arbeitszimmern und Speisezimmern der Direktoren und Prokuristen gestaltet der Architekt alles selbst:

  • Aktenschr├Ąnke
  • Anrichten
  • Schreibtischst├╝hle┬á
  • Holzfiguren an T├╝rgriffen
  • Schmiedeeiserne Leuchter
  • Kronleuchter
  • Br├╝stungs- und Aufzugsgitter.

Auch in der Wahl der Materialien dr├╝ckt Grenander firmeninterne Hierarchien aus: je h├Âher ein Mitarbeiter auf der Stufenleiter des Unternehmens steht, desto kostbarer ist die Ausstattung seines Dienstzimmers. In einem Artikel der ÔÇ×Zeitschrift f├╝r BauwesenÔÇť schw├Ąrmt der Verfasser von der Einrichtung des Knorr-Bremse-Geb├Ąudes: ÔÇ×(...) die Aufteilung der W├Ąnde und Decken und die Wahl der Materialien und Farben (ist) mit gr├Â├čter Sorgfalt und erlesenem Geschmack vorgenommen wordenÔÇť.

Unsere Tipps rund um das Verwaltungsgeb├Ąude der Knorr-Bremse

Heute k├Ânnen Sie das Verwaltungsgeb├Ąude der Knorr-Bremse von au├čen besichtigen, F├╝hrungen durch das Geb├Ąude gibt es derzeit nicht. Wie w├Ąre es nach einem Besuch in der Neuen Bahnhofstra├če mit einem Ausflug in den Kiez rund um den Boxhagener Platz? Hier finden sie eine lebendige alternative Szene mit Caf├ęs, Restaurants, Second-Hand-Shops und einem regelm├Ą├čig stattfindenden Flohmarkt. Tram 240 in Richtung S Ostbahnhof bringt Sie von der Haltestelle Neue Bahnhofstra├če bis zur Haltestelle Boxhagener Platz. Von dort laufen Sie durch die Simon-Dach-Stra├če in etwa 10 Minuten zum RAW-Gel├Ąnde, einem Hotspot f├╝r urbane Kultur. Hier finden regelm├Ą├čig Konzerte statt, es gibt eine Skatehalle und W├Ąnde zum Klettern und Bouldern.

ÔŁŚ´ŞĆPraktische Tipps von VisitBerlin

Zum ehemaligen Verwaltungsgeb├Ąude der Knorr-Bremse-AG fahren Sie am besten mit der S-Bahn bis zur Haltestelle Berlin Ostkreuz. Von dort erreichen Sie das Geb├Ąude in 5 Minuten zu Fu├č ├╝ber die Neue Bahnhofsstra├če. Um die Stadt zu erkunden, empfehlen wir f├╝r den ├Âffentlichen Nahverkehr die Berlin WelcomeCard.