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Sofie Dawo (1926-2010) war eine Ausnahmekünstlerin: Ihre unkonventionelle künstlerische Strategie bestand in der Veredelung des Gewebes durch Zerstörung.

Mit dieser radikalen Bearbeitung wurde der Herstellungsprozess geradezu in das Objekt eingeschrieben und das Unvorhersehbare, die „auftauchenden Überraschungen“ (Dawo) bewusst einkalkuliert. Dawos textile Experimente sind frei von jeder Funktion oder Anwendung und entziehen sich einer eindeutigen Zuordnung in die Kategorien Kunst oder Handwerk – sie stehen für sich.

Die im Saarland geborene Sofie Dawo studierte von 1948 bis 1952 an der Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken, zunächst freie Kunst, anschließend Weberei. Sie war Schülerin von Boris Kleint, der in Berlin Malerei bei Johannes Itten studiert hatte und dessen Assistent war. In dieser Funktion war Kleint nach Saarbrücken berufen worden, um dort die am Bauhaus orientierte Grundlehre einzuführen, die Dawo sehr geprägt haben dürfte. Nach ihrer Tätigkeit als Entwerferin überwiegend für Ausstattungen von öffentlichen Räumen kehrte Dawo 1958 als Leiterin der Klasse für Weben und Stoffdruck an die Staatliche Schule für Kunst und Handwerk Saarbrücken, der heutigen Fachhochschule des Saarlandes, zurück, der sie bis an ihr Lebensende eng verbunden blieb.

Sofie Dawo gehört zu den lange kaum wahrgenommenen Textilkünstlerinnen, obwohl sie seit den 1960er-Jahren einen bedeutenden Beitrag zur Befreiung der Webkunst aus dem Dienst der Transformation einer Bildvorlage in das textile Medium geleistet hat. Sie verzichtete auf die Wiedergabe eines Motivs – sei es figürlich oder abstrakt – oder auf die Darstellung einer Erzählung zugunsten einer völlig freien, rein aus dem Material und seinen technischen Möglichkeiten heraus argumentierenden Arbeit. Damit verhalf sie der Webkunst zu ihrem Recht als autonome Kunstgattung.

Konsequenterweise legte Dawo Wert darauf, als Textilkünstlerin, nicht als Kunsthandwerkerin wahrgenommen zu werden. Ihre experimentell-künstlerische Arbeitsweise zeichnete sich dadurch aus, dass sie sich ganz auf das Material, seine spezifischen Eigenschaften und Wirkungen einstellte und es unter ihren Händen arbeiten ließ – Überraschungen und Zufälle inbegriffen. Das dem Material inhärente Potenzial schöpfte Dawo auf vielfältige Weise aus und trieb es mit ihrer Bearbeitung zuweilen bis an seine materiellen Grenzen, indem sie etwa Fäden beschnitt, miteinander verknotete oder mit weiterem Material – Metall, Nylon, Polyester etc. – anreicherte. Auch bearbeitete sie die textilen Oberflächen massiv, indem sie diese aufritzte oder intaktes Gewebe bewusst beschädigte. Die avantgardistische Künstlerin verstieß mit Absicht „gegen alle Regeln“ und durchbrach damit die traditionellen Webtechniken. Ihre Arbeiten sind nicht an die Fläche gebunden, sondern greifen häufig in den Raum hinein: Sie sind textile Skulpturen.

Die 22 Werke von Sofie Dawo sowie ausgewählte Arbeiten auf Papier, die im Kunstgewerbemuseum präsentiert werden, sind aufgrund ihres künstlerischen Wertes von besonderem Interesse und stellen einen repräsentativen Querschnitt von Dawos Schaffen dar. Sie sprechen aber auch Kernfragen des Kunstgewerbemuseums an: Wo liegen die Grenzen zwischen Kunst und Handwerk? Und wer legt diese wann und aus welchen Gründen fest?

  • Eine Sonderausstellung des Kunstgewerbemuseums – Staatliche Museen zu Berlin
  • 17. Juli 2026 – 17. Januar 2027
  • Eröffnung: Donnerstag, 16. Juli 2026, 19 Uhr

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Zusätzliche Informationen

Kulturforum Berlin, Kunstgewerbemuseum Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz / Matthäikirchplatz, 10785 Berlin Öffnungszeiten: Di – So 10 – 18 Uhr

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