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Theater Volksbühne in Berlin
Theater Volksbühne © Volksbühne

Die 20er Jahre – Kulturelles Leben in Berlin

Die Goldenen Zwanziger in Berlin – die Dekade der Neuen Sachlichkeit, der Bohémiens in den Kaffeehäusern und der neuen selbstbewussten Frau.
Als die Nachwehen des Ersten Weltkrieges überwunden sind, wird das Berlin im ersten demokratischen Deutschland zum Geburtsort von Perlen der Literatur-, Musik- und Kunstgeschichte. Stummfilme, die wir heute noch als Meilensteine der Kinogeschichte erachten, werden hier – im Berlin der 20er Jahre – produziert. Die künstlerische Bohème der Weimarer Republik trifft sich in den Kaffeehäusern Berlins. Es entsteht ein neuer Fraurntyp, der die alten Erwartungen an sich infrage stellt und ihren Platz in dieser Gesellschaft findet. Im demokratischen Deutschland ist die Kunst in der Lage, bisher unbetretene Wege zu gehen. Sie ist ausschweifend, glamourös, aber gleichzeitig auch kritisch, satirisch und politisch engagiert.

Die 20er – der geschichtliche Rahmen

Deutschland erlebt zwischen den Weltkriegen einen Aufschwung. Zum ersten Mal wird die einstige Monarchie zur parlamentarischen Republik mit liberalen Grundrechten und einer Verfassung. Die Weimarer Republik erfreut sich einer lang ersehnten, wenn auch kurzen Auszeit von weltpolitischen Auseinandersetzungen. Der Krieg hinterlässt Schulden und Inflation, deren Ausmaße jedoch Ende 1923 durch internationale Unterstützung begrenzt werden und für einen neuen finanziellen Aufschwung sorgen. Die Weichen für die glamouröse 20er Jahre-Kultur in Berlin sind gelegt.

Die deutsche Kunst erfindet sich neu

Die Kunst der Weimarer Republik steht unter dem Motto der Neuen Sachlichkeit, in der der Schwerpunkt auf unverschnörkelter und objektiver Darstellung liegt. Die Literatur dreht sich oft um die moderne Stadt und die Industrie. Aber auch um den Alltag des gewöhnlichen Menschen, der trotz der verbesserten finanziellen Situation des Landes oft unter Geldmangel und Arbeitslosigkeit leidet. Natürlich dient die Literatur auch der Verarbeitung der Kriegserlebnisse. Bekannte Vertreter sind der politische Schriftsteller Kurt Tucholsky und Thomas Mann mit seinem Bildungsroman „Der Zauberberg“. In den bildenden Künsten verbindet der Dadaismus Gegenständlichkeit und Abstraktes, und wird dabei auch der Neuen Sachlichkeit gerecht. Ein bekannter Vertreter ist der Berliner Georg Grosz, der mit seinen Bildern (zum Beispiel "Die Stützen der Gesellschaft") Kritik übt und zum Nachdenken anregt.

Theater, Film und Musik in der Hauptstadt

Auch das Theater der Weimarer Republik floriert. Bertolt Brecht und seine „Dreigroschenoper“ sind weltberühmt. Brechts episches Theater will in seinen Stücken die Illusion, die auf der Bühne entsteht, stören und den Zuschauer zum Hinterfragen statt Mitfühlen auffordern. Der klassische Aufbau eines Theaterstückes wird überworfen. Ein Erzähler, der das Publikum direkt anspricht, durchbricht die Illusion, indem er am Bühnengeschehen teilnimmt. Schließlich erlebt das Kino in den 20er Jahren als neues Medium einen massiven Aufschwung. Die Berliner Babelsberg-Studios sind bedeutende Produktionszentren von Stummfilmen, die heute noch als absolute Klassiker gelten. Darunter „Nosferatu“ und „Das Cabinett des Dr. Caligari“. In den 20er Jahren kommt auch der Jazz nach Berlin. Bands wie die Weintraubs Syncopators treffen den Nerv der Zeit und werden vom Berliner Publikum gefeiert. Getanzt wird der Charleston, aber auch Foxtrott und Tango. Weiterhin gelangt die A-capella-Gruppe Comedian Harmonists zu Ruhm, mit ihren witzigen und zum Teil unsinnigen Texten, wie in dem allseits bekannten Lied „Mein kleiner grüner Kaktus“.

Die Berliner Kaffeehauskultur

Die großen Künstler der 20er Jahre in Berlin haben eines gemeinsam: Zum inspirierenden Austausch treffen sie sich in den florierenden Kaffeehäusern der lebendigen Stadt. So soll im Restaurant Schlichter die bereits erwähnte „Dreigroschenoper“ entstehen. Das bekannteste Kaffeehaus ist jedoch das Romanische Café. Die geistigen und künstlerischen Größen der Stadt gehen hier ein und aus. Schriftsteller, Maler und Fotografen kommen her zum Diskutieren von Ideen und zum Ergattern neuer Aufträge. Das Ambiente ist eindeutig ein anderes als heute, denn man kann in den 20er Jahren noch den ganzen Tag an einem Kaffeetisch verbringen, ohne einen dauerhaften Nachschub an Getränken bestellen zu müssen. Trotz allem haben die meisten Künstler nicht allzu viel Geld, aber dafür hat man Verständnis. Es sind die Cafés, in denen sich die Berliner Bohème trifft, die intellektuellen Hauptstädter mit ihrer betont unbürgerlichen Einstellung.

Die neue Frau

Seitdem die Frauen im Krieg erlebt haben, wie wichtig sie für das Überleben und den Wiederaufbau ihres Heimatlandes sind, erlangen sie ein neues, emanzipierteres Selbstbewusstsein. Zum ersten Mal werden sie in Deutschland zum Medizinstudium zugelassen. Sie arbeiten und verdienen ihren eigenen Lebensunterhalt. Auch als Künstlerinnen nehmen die Frauen ihre Plätze ein. Else Simon, die man unter dem Künstlernamen Yva kennt zum Beispiel, ist als Fotografin eine Vertreterin der Neuen Sachlichkeit. Die neue Frau schneidet ihr früher langes, geflochtenes Haar zum kurzen Bubikopf und legt es in sanfte Wasserwellen. Sie verwendet roten Lippenstift, um kleine, puppenartige Lippen zu schminken und betont ihre Augen rauchig dunkel – denn ihre Vorbilder, die Schauspielerinnen der Stummfilme, erleben einen neu gefundenen Respekt. Die alten Silhouetten werden verworfen und die einengenden Korsagen verschwinden in den Tiefen des Kleiderschranks. Stattdessen werden bequeme Mieder getragen. Diese helfen, das eher schlanke Ideal des Jahrzehnts zu erreichen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Mode dürfen die Beine unter den Röcken hervorschauen und die Kleider fallen gerade von den Schultern herab, mit der engsten Stelle auf der Hüfte. Die Frau der 20er Jahre kann sich in ihrer Kleidung frei bewegen.