Martin Maischberger, Direktor der Antikensammlung
Mein Lieblingsstück aus den Sammlungen
Das Propylon des Athenaheiligtums von Pergamon im Pergamonmuseum
Eines meiner Lieblingsobjekte im Pergamonmuseum ist das rekonstruierte Eingangstor (Propylon) zum Heiligtum der Göttin Athena in Pergamon. Bald wird es endlich wieder zu sehen sein:
Das weltberühmte Pergamonmuseum feiert am 4. Juni 2027 die Wiedereröffnung zu großen Teilen.
Das Pergamonmuseum - eine Faszination
Die Faszination des Pergamonmuseums auf die Besucherinnen und Besucher hat ganz viel mit dem unvergleichlichen Raumerlebnis zu tun: Man taucht geradezu ein in Architekturen, steigt und sitzt auf Treppen, durchschreitet Tore, fühlt sich wie mittendrin auf einer antiken Platzanlage mit ihren Säulenhallen, Tempeln, Altären und Statuen.
In besonderem Maße stellt sich dieses immersive Gefühl ein, wenn man vom Saal des Pergamonaltars in den nächsten Raum tritt: Ein schmaler und niedriger Durchgang führt vom Altarsaal in den „Saal der Hellenistischen Architektur“. Geht man vor bis zur überlebensgroßen Statue der Athena und dreht sich dann um, merkt man erst, dass man ein reichverziertes zweistöckiges Tor durchschritten hat! Museumsgebäude und Exponat sind zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen.
Das Eingangstor ins Heiligtum der Athena
Das Tor mit seinen dorischen Säulen im unteren und den ionischen Säulen im oberen Geschoss stammt aus der gleichen Zeit wie der berühmte Pergamonaltar nebenan, aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. Auch der Bauherr war derselbe: König Eumenes II. (197-159 v. Chr.) aus der Dynastie der Attaliden, unter dem das pergamenische Reich seine größte Ausdehnung und Blüte erreichte.
Der siegbringenden Athena geweiht
Die griechische Inschrift auf dem Gebälk oberhalb der dorischen Säulen nennt den Stifter und die Gottheit, zu deren Ehren der Bau errichtet wurde: der siegbringenden (NIKEPHOROS) Athena. Der Beiname der Göttin sowie die Reliefs mit Waffendarstellungen zwischen den Säulen im Obergeschoss verweisen auf die Siege des Eumenes gegen seine Feinde, sowohl Griechen benachbarter Königreiche als auch die keltischen Galater.
Überwältigender Gesamteindruck
Wie überall im Pergamonmuseum besteht auch diese Architekturrekonstruktion aus originalen Werksteinen und modernen Ergänzungen, und sie zeigt nur einen Ausschnitt aus einem größeren Ganzen. Dieses aber im Maßstab 1:1, unter Wahrung der antiken Proportionen, in voller Höhe. Auch wenn die archäologische und bauhistorische Forschung seit der Zeit der Konzeption und Eröffnung des Pergamonmuseums im Jahre 1930 hier und da neue Erkenntnisse erbracht hat und das eine oder andere Detail als überholt angesehen werden muss, ist der Gesamteindruck doch überwältigend, überzeugend und mittlerweile ein museumshistorisches Denkmal ersten Ranges.
Im Juni 2027 wieder zu erleben: Faszinierende antike Architektur im Pergamonmuseum
Ganz bewusst haben wir uns daher dafür entschieden, dieses Tor und alle anderen Architekturen in den großen Sälen der Antikensammlung im bauzeitlichen Zustand zu bewahren und wiederherzustellen. Ich bin mir sicher, dass alle Besucherinnen und Besucher, die das Athena-Propylon im nächsten Jahr zum ersten Mal zu Gesicht bekommen werden wie ich als junger Archäologiestudent im Jahr 1985, genauso begeistert sein werden!
Dr. Martin Maischberger