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Malzfabrik Sch├Âneberg
© Malzfabrik, Foto: Matthias Friel

Malzfabrik Berlin

Die vier Ritter von Tempelhof-Sch├Âneberg

Wohin der Betrachter auch schaut: Wer sich am S├╝dkreuz umblickt, kann die Malzfabrik nicht ├╝bersehen.

Die Malzfabrik beherrscht ihre Umgebung vor allem dank der vier Metallhauben, die das Geb├Ąude ├╝berragen. Wie riesige Ritterhelme sehen sie aus ÔÇô der Vergleich dr├Ąngt sich geradezu auf. Auch die Bezeichnung als ÔÇ×SchlothexeÔÇť ist ├╝berliefert. Einst waren diese Metall- oder ÔÇ×DarrhaubenÔÇť f├╝r die Malzproduktion unerl├Ąsslich, heute sind sie nur noch dekorativ.
Denn ein Brauereibetrieb ist die Malzfabrik nicht mehr. Neue Unternehmen sind hier untergekommen, die die Malzfabrik zu einem modernen Standort f├╝r Kunst, Kultur und Medien machen.

Die neuen Nutzer des denkmalgesch├╝tzten Geb├Ąudes sind M├Âbelerfinder, Kreativmanufakturen, Foto-, Film- und Musikstudios, aber auch eine Computerwerkstatt und eine Schaufensterpuppenfabrikation.

Malzfabrik Sch├Âneberg
Malzfabrik Berlin Sch├Âneberg ┬ę Malzfabrik, Foto: Matthias Friel

Schulthei├č ÔÇô Geburt einer Marke

Im Jahr 1853 ├╝bernimmt der Kaufmann Jobst Schulthei├č eine kleine Brauerei in der Neuen Jakobstra├če im heutigen Bezirk Mitte. Mit beachtlichem Erfolg: Innerhalb weniger Jahre wird der geb├╝rtige Franke zu Berlins erfolgreichstem Bierwirt. Als 1864 neue Besitzer den Betrieb ├╝bernehmen, bleibt der Name erhalten, denn Schulthei├č ist eine Marke und so soll die neue Brauerei bis heute hei├čen.

Doch der gro├če Aufstieg steht erst noch bevor. Schulthei├č entwickelt sich zu einem der gr├Â├čten Industrieunternehmen Berlins, das fast alle notwendigen Produkte selbst herstellt. Schulthei├č braut nicht nur Bier, sondern verf├╝gt ├╝ber eigene M├Ąlzereien, Fassb├Âttchereien und Werkst├Ątten. Es verkauft sein Bier in unternehmenseigenen Gastwirtschaften, stattet andere Gastst├Ątten mit Garnituren aus und liefert ihnen das Schulthei├č-Bier mit dem eigenen Wagenpark.

Doch der Erfolg bringt auch Probleme mit sich. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg ist die Biernachfrage so gro├č, dass die eigene Malzproduktion nicht ausreicht. Schulthei├č muss Malz zukaufen und kann damit die Geschmacksqualit├Ąt des eigenen Bieres nicht mehr garantieren. Eine L├Âsung muss her und sie entsteht in Sch├Âneberg.

Die gr├Â├čte Malzfabrik Europas

Schulthei├č will nicht notd├╝rftig eine L├╝cke in der Malzproduktion schlie├čen, sondern das Problem grunds├Ątzlich l├Âsen. Die neue M├Ąlzerei soll kein Anh├Ąngsel der Brauerei sein, sondern eine neue, eigenst├Ąndige Fabrik, die ausschlie├člich der Malzherstellung dient. Und sie soll nicht nur den eigenen Malznachschub sichern, sondern ├ťbersch├╝sse produzieren, die Schulthei├č an andere Brauereien verkaufen kann. Im dichtbesiedelten Berlin ist f├╝r solch ein Projekt kein Platz. Daher entscheidet sich Schulthei├č f├╝r ein Gel├Ąnde im damals noch unabh├Ąngigen Sch├Âneberg.

Dort, an der heutigen Bessemerstra├če 2-14 an der Grenze zu Tempelhof, wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Der Architekt Richard Schl├╝ter entwirft f├╝r Schulthei├č die gr├Â├čte Malzfabrik Europas. Sie entsteht in nur drei Jahren zwischen 1914 und 1917, w├Ąhrend des Ersten Weltkriegs.

Die Fabrik ist ein gro├č angelegter Komplex, der neben den eigentlichen Produktionsgeb├Ąuden noch eine Kellerei, einen Pferdestall, eine Maschinenhalle, ein Lager, einen Waggonschuppen und ein repr├Ąsentatives Verwaltungsgeb├Ąude umfasst. Zudem verf├╝gt die Malzfabrik ├╝ber einen eigenen Anschluss ans Eisenbahnnetz, um Getreide, Malz und Kohle f├╝r die ├ľfen an- und abliefern zu k├Ânnen. Mit der roten Klinkerfassade ├Ąhnelt die monumentale Anlage den ├╝brigen Schulthei├č-Geb├Ąuden aus der Kaiserzeit und f├╝gt sich somit in die Corporate Identity der Brauerei ein.

Malzfabrik Sch├Âneberg
Halle der Malzfabrik Sch├Âneberg Berlin ┬ę Malzfabrik, Foto: Matthias Friel

Das Wahrzeichen am S├╝dkreuz

Der Hingucker ist jedoch bis heute das Ensemble der vier Dunstschlote oder ÔÇ×DarrhaubenÔÇť auf dem Produktionsgeb├Ąude. Schauen Sie einmal genau hin! Die Darrhauben sind st├Ąndig in Bewegung, denn sie drehen sich mit der Windrichtung. Was wie ein k├╝nstlerischer Kniff erscheint, erf├╝llte einst eine wichtige Aufgabe bei der Malzproduktion. Denn wird Gerste befeuchtet, dann entsteht durch Keimung das Malz. Dieses sogenannte Gr├╝nmalz ist wegen der Fl├╝ssigkeitszugabe jedoch noch ganz feucht. Um Bier zu produzieren, muss das Gr├╝nmalz zuerst getrocknet oder eben ÔÇ×gedarrtÔÇť werden. Hierbei leisten die Darrhauben unsch├Ątzbare Dienste. Durch ihre st├Ąndige Bewegung regulieren sie im Innenraum der beheizten Darren den Luftzug. Feuchte Luft weicht so nach au├čen ab.

Von der Industriefabrik zum Start-up-Center

Nach dem Ersten Weltkrieg produziert die Malzfabrik auf vollen Touren. Auch den Zweiten Weltkrieg ├╝bersteht sie ohne schlimmere Sch├Ąden, obwohl Bomben das Produktionsgeb├Ąude treffen. Eine gr├Â├čere Herausforderung ist hingegen die Zeit unmittelbar nach dem Kriegsende 1945. Die sowjetischen Besatzer demontieren den Maschinenpark als Reparation f├╝r den deutschen Eroberungskrieg.

Die Teilung Deutschlands und Berlins tut ihr ├ťbriges: Die DDR verstaatlicht den Schulthei├č-Besitz im Ostteil der Stadt, Fabrikanlagen wie die heutige Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg gehen damit verloren. Doch der westdeutsche Wirtschaftsaufschwung hilft auch der Sch├Âneberger Malzfabrik. Seit den 1950er Jahren wird hier nicht nur produziert, sondern auch modernisiert. Die Fabrik erh├Ąlt neue Maschinen und Produktionsanlagen. ┬á

In der Folge der deutschen Einheit 1990 kommt es auch zur Wiedervereinigung aller Schulthei├č-Fabrikanlagen in Berlin. Doch was wie eine vielversprechende Expansion erscheint, kann schwerwiegende Probleme nicht ├╝berdecken. Denn der Konzern Brau und Brunnen, zu dem Schulthei├č mittlerweile geh├Ârt, ger├Ąt in erhebliche Schwierigkeiten. Der Absatz sinkt und die Malzfabrik Sch├Âneberg erscheint nicht mehr wirtschaftlich. Im Jahr 1996 stellt Schulthei├č die Produktion endg├╝ltig ein. Zwar steht das Geb├Ąudeensemble seit 1995 unter Denkmalschutz und ist daher vor dem Abriss sicher. Aber eine neue Nutzung scheint nicht in Sicht. Die Fabrikanlagen stehen leer.

Doch das Ende der Malzproduktion ist nicht das Ende der Malzfabrik Sch├Âneberg. Wenige Jahre nach der Stilllegung entdecken K├╝nstler und Kreative das Areal als Veranstaltungsfl├Ąche. Sie organisieren Partys und Ausstellungen. Dann zieht f├╝r einige Jahre sogar der KitKubClub hier ein. Das bringt Aufmerksamkeit. Im Jahr 2005 steigt der Investor Frank Sippel mit der Real Future AG ein┬áund l├Ąsst die Malzfabrik als Start-up-Standort mit Fokus auf Kunst und Kultur sanieren. 2014 erh├Ąlt Sippel f├╝r sein Engagement um die Malzfabrik die Ferdinand-von-Quast-Medaille, die h├Âchste Auszeichnung des Landes Berlin f├╝r besondere Leistungen im Denkmalschutz.

Malzfabrik Sch├Âneberg
Au├čengel├Ąnde der Malzfabrik Berlin Sch├Âneberg ┬ę Malzfabrik, Foto: Nils Kr├╝ger

Unsere Tipps rund um die Malzfabrik

Wenn Sie mehr ├╝ber die Geschichte der Malzfabrik erfahren wollen, dann nehmen Sie an einer F├╝hrung teil, die die Malzfabrik jeweils an zwei Samstagen im Monat anbietet. Eine Entdeckungsreise mit vielen erhaltenen Maschinen und originalen Objekten. N├Ąhere Informationen gibt es unter https://www.tunneltours.de/project/industrie/

Weitere interessante Baudenkm├Ąler der Berliner Industriekultur finden Sie ganz in der N├Ąhe, zum Beispiel das Reichsbahnausbesserungswerk Tempelhof (Sachsendamm 47) oder die ehemalige Telegrafenbauanstalt und Telegrafendrahtfabrik Mix & Genest (Geneststra├če 5).