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Steinfassade des Gasometers in der Fichtestraße, Berlin
Gasometer Fichtestraße, Berlin © bzi, Foto: Florian Rizek

Gasometer Fichtestraße

Berlins ältester Gastank aus Stein

Mitten in Kreuzberg steht ein Gebäude, das früher Gas drinnen und später die Schrecken des Zweiten Weltkriegs draußen hielt: der Gasometer an der Fichtestraße, auch Fichtebunker genannt.

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Verglaste Wände, Dachgarten, ein weiter Blick über die Berliner Stadtlandschaft – schade, dass die Privatwohnungen nicht teil der öffentlichen Führungen im Fichtebunker sind. Hier können Interessierte mehr über die den Alltag der Berliner Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs erfahren, zwischen Fliegeralarm und Bunkerquartier. 
Kreisrunde Gebäude sind eher selten , umso imposanter ist der steinerne Gasometer, ein riesiger Zylinder an der Fichtestraße in Kreuzberg. Wer genau hinsieht, kann auf dem Dach eine Konstruktion aus Stahl und Glas erkennen. Hier hat der Architekt Paul Ingenbleek das Circle House errichtet, eine kreisförmige Anordnung von zehn Reihenhäusern. 
Die Anfänge des Gebäudes reichen allerdings viel weiter zurück, in eine Zeit bevor Berlin zur Elektropolis der 1920er Jahre wurde. 

Gas oder gar nicht 

Ohne Gasversorgung wäre Berlin wohl nicht die wichtige Metropole der Moderne geworden, als die es noch heute gefeiert wird. Heute kaum mehr vorstellbar, aber für die längste Zeit seiner Geschichte ist es nachts in Berlin duster. Nur hier und da hängen ein paar Öllämpchen vor den Türen. 
Das ändert sich erst 1826, als Unter den Linden die ersten Gaslaternen angehen. Das Licht kommt „nicht in dürftigen Flämmchen, sondern in handbreiten Strömen“ schreibt die Vossische Zeitung begeistert.
Anfangs müssen die Laternen noch von Hand angezündet werden. Der neue Beruf des Lampenanzünders entstand. Mit seiner langen Zündstange gehörte er fortan jeden Abend zum typischen Bild der Metropole. Erst seit den 1920er Jahren wurden die Gaslaternen automatisch durch eine Druckwellen-Fernzünder ferngesteuert. 

Mehr Licht an der Spree

Ein Grund dafür, die Straßen systematisch auszuleuchten, ist die Eindämmung nächtlicher Kriminalität und Prostitution. Doch auch für unbescholtene Bürger wird die Nacht nun plötzlich zum Tag und das künstliche Licht verändert das Leben in der Stadt vollkommen. 
Arbeiter können in Fabriken unabhängig vom Tageslicht malochen, Nachtschwärmer abends über hell erleuchtete Boulevards flanieren. 
Berlin expandiert und braucht mehr Licht, ab 1870 baut es sein Gasleitungsnetz erheblich aus. Das Gaswerk II an der Gitschiner Straße braucht mehr Kapazität. 
Aber die Speicherung von Gas ist nicht ungefährlich. Die Stadt erschließt deshalb Areale außerhalb ihrer Bebauungsgrenze, unter anderem das Köpenicker Feld nahe der Hasenheide – heute liegt hier der Stadtteil Kreuzberg. 

Der letzte von vier Gasbehältern 

Das Gebäude an der Fichtestraße ist der letzte noch stehende Stein-Gasometer in ganz Berlin. Ursprünglich besteht die Gasbehälter-Anstalt aus vier nahezu baugleichen Speichern. 
Der Gasometer entsteht in den Jahren 1883/1884 nach Plänen des Architekten Eugen Reissner. Zu der Zeit ist Reissner „technische Dirigent“, also ein leitender Techniker der städtischen Gasanstalten. . Sein Anspruch: Gebäude zu entwerfen, die den technischen Ansprüchen genügen, aber auch ästhetisch ansprechend sind. 
Der Form und Gestaltung nach ist der Gasometer eine Hommage an den berühmtesten Berliner Architekten des frühen 19. Jahrhunderts: Karl Friedrich Schinkel. An einen Entwurf von Schinkel lehnt Reissner sein Gebäude an. 
Die Fassade des riesigen Backsteinzylinders lockern Rundbogenfenster auf. Abwechselnde Lagen von hellen und roten Ziegeln schmücken die Außenmauern, auf dem Dach thront ursprünglich eine sogenannte Schwedlerkuppel. 

Eine Kuppel macht Karriere

Für die Kuppel und die Statik ist der Ingenieur Johann Wilhelm Schwedler verantwortlich. Seine innovativen Konstruktionen sind epochemachend: die erstmals 1863 bei der Neuen Synagoge eingesetzte, flach gewölbte Eisenkuppel ist einfach aufgebaut und leichter als die bis dahin üblichen Kegeldächer. 
Die Verbindung von Stahlringen, diagonalen Streben und einer Abdeckung aus Holz und Teerpappe ist leicht und stabil genug um den enormen Durchmesser von 56 Metern zu überspannen. So ermöglicht es die Schwedlerkuppel, das Speichervolumen zu vervierfachen: 30.200 Kubikmeter Gas
Andere Städte wie Hamburg, Leipzig und Wien ahmen Schwedlers Vorbild nach. Noch heute ist das Gerüst der Schwedlerkuppel auf dem Fichtebunker zu sehen. 

Alles in allem…absolut sicher 

Der Gasometer versorgt die Berliner Laternen für über fünfzig Jahre mit Gas. 1936 nimmt ihn die nationalsozialistische Regierung außer Betrieb und baut ihn vier Jahre später zum Mutter-Kind-Bunker um. Die alten Außenmauern werden dabei einfach als Verschalung für den neuen Bunker aus Beton genutzt 
Innen, wo zuvor ein Zylinder voller Gas war, gibt es nun 750 fensterlose Räume. Bei Luftangriffen suchen hier Familien Schutz, Einlass kriegen aber nur Menschen mit Berechtigungskarte. Bis zu 7000 Personen konnte der Bunker dank seiner fast 2 Meter dicken Stahlbetonmauern aufnehmen. 
Regina Schwenke, eines der Kinder von damals, erinnert sich: „Bei schweren Angriffen spürte man ein leichtes Zittern. Aber alles in allem fühlte man sich absolut sicher im Bunker.“ Das massive Gebäude ist ein vergleichsweise sicherer Zufluchtsort im Lärm und den Wirren des Bombenkriegs. „Man konnte sich glücklich schätzen, wenn man hier einen Platz bekam“ sagt Regina Schwenke.

Bunker der Hoffnungslosen 

Nach dem Krieg macht das Gebäude eine wechselvolle Geschichte durch. Es dient unter anderem als Auffanglager für Geflüchtete, Ausgebombte und heimgekehrte Soldaten. Die zellenartigen Räume legen andere Nutzungen nahe: Schon ein Jahr später, 1946, wird unter anderem eine Jugendarrestanstalt im Fichtebunker eingerichtet. 
In den 1950er Jahren wird der Fichtebunker zum Obdachlosenasyl, auch „Republik-Flüchtlinge“ aus der DDR kommen hier unter. In der Reportage „Bunker der Hoffnungslosen“ von 1962 heißt es: „Der Bau ist ein Kreis, und das Leben drin ist ein Kreis. Rundgänge und kein Tageslicht. Hier verliert die Seele ihren Schmelz, und jedes Empfinden muss Hornhaut ansetzen.
Nach dem Bau der Mauer kommen weniger Flüchtlinge aus dem Osten, das Asyl schließt. Lange Zeit nutzt das Land Berlin den Bau für die sogenannte Senatsreserve, um für eine zweite Blockade West-Berlins gerüstet zu sein. Statt mit Gas oder Schutzsuchenden ist das Gebäude an der Fichtestraße nun voll mit Grundnahrungsmitteln, Medikamenten und Rohstoffen. 

Eine runde Sache 

Nach der Wende steht der Fichtebunker jahrelang leer. 2006 geht das Gebäude in Privatbesitz über, der Architekt Paul Ingenbleek baut sein Circle House. Er beseitigt die massiven Eingangsbauten des ehemaligen Bunkers und öffnet die Schwedlerkuppel. Übrig bleibt nur ihr Stahlgerippe, das zehn kreisförmig angeordnete Reihenhäuser überspannt. 

Unsere Tipps rund um den Gasometer Fichtestraße 

Zu Führungen der Berliner Unterwelten durch Räume des ehemaligen Bunkers können Sie sich hier online anmelden. Buchen Sie rechtzeitig, denn die Touren sind schnell ausverkauft. Für die Führung sollten Sie warme Kleidung tragen, da die Temperatur im Bunker das ganze Jahr über nur 10 Grad beträgt. Außerdem sollten Sie festes Schuhwerk tragen. Für Kinder unter 7 Jahren ist die Tour nicht geeignet. Dauer: 90 Minuten. Danach können Sie einen Abstecher in den Park Hasenheide machen. Durchqueren Sie den Park in Richtung Columbiadamm, um ein anderes Berliner Gebäude zu besichtigen, das eine wichtige Rolle im Zweiten Weltkrieg spielte: Den Flughafen Tempelhof.

Hinweise für Fahrradfahrer

Das Gasometer Fichtestraße liegt an der Fahrradroute: Tour: Warmes Licht und kühles Bier
Weitere Fahrradrouten finden sind in unseren Tourenvorschlägen.

Praktische Tipps von VisitBerlin

Zum Gasometer Fichtestraße fahren Sie am besten mit der U-Bahn-Linie 7 bis zur Haltestelle Südstern und gehen von dort wenige Minuten zu Fuß. Um die Stadt zu erkunden, empfehlen wir für den öffentlichen Nahverkehr die Berlin Welcome Card.
 

berliner-unterwelten.de 

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