Nina Bachmann
Die Künstlerin Nina Bachmann interessiert sich für dieses Gefühl. Ihre Bilder handeln vom Schieben, Drücken und Treiben. Dabei ist die Stadt für Bachmann keineswegs nur negativ besetzt. Aus ihrer Dichte zieht sie Inspiration. Die vielen Menschen und Eindrücke erzeugen eine Energie, die beleben und erschöpfen kann.
„Man ist so getrieben und gleichzeitig braucht man das ja auch auf irgendeine Art und Weise.“ , beschreibt Bachmann eben jenen Zwiespalt.
Ausgangspunkt ihrer Arbeiten ist oft die eigene Umgebung, denn gesellschaftliche und soziale Fragen beginnen für sie genau dort. Die Stadt erscheint in ihren Arbeiten deshalb weniger als konkreter Ort. Sie ist der Rahmen, in dem sich beobachten lässt, wie Menschen miteinander umgehen und wie sich dieser Umgang unter Druck verändert. Schon die Titel ihrer Werke lesen sich wie Ausschnitte aus diesem Alltag. Stoßzeiten, Schienenersatzverkehr oder Daheim bleiben benennen keine besonderen Ereignisse. Im Gegenteil.
Einen Zugang zu der Werkgruppe Bachmanns liefert die Sprache selbst. „Treiben, Schieben, Drücken, das sind auch alles Begriffe aus der Jagd“ , erklärt die Künstlerin. Bei einer Treibjagd werden Tiere zusammengetrieben. Ein Tier „drückt sich“ , wenn es Deckung sucht. Plötzlich bekommen die gewöhnlichen Bewegungen der Stadt eine neue Zuschreibung. Man ist Gejagte:r und hetzt im nächsten Moment jemand anderes durch die Straßen. Der Druck, den Bachmann beschreibt, wird weitergegeben. Die Künstlerin selbst beobachtet darin auch eine Veränderung im Umgang miteinander, urteilt darüber jedoch nicht. Wer Arbeit, Arbeitswege, Familie und finanzielle Sorgen miteinander koordinieren muss, hat oft nur begrenzte Aufmerksamkeit für das, was um ihn herum passiert. Privileg in der Stadt: Ruhe, Raum und Rückzug. Das zu ermöglichen, ist nicht für alle gleich
einfach. Wer genug Geld hat, kann sich eine ruhige Wohnung leisten, Arbeitswege verkürzen oder die Stadt zeitweise verlassen. Was wie ein persönliches Gefühl von Stress erscheint, hat also auch mit den Bedingungen zu tun, unter denen Menschen leben.
Nina Bachmann übersetzt diese Beobachtungen in eine Bildsprache, die leicht wirkt. Ihre Figuren sind leuchtend, körperlich überzeichnet und auf den ersten Blick skurril: Hände übergroß, Gliedmaßen verlängert und Perspektiven aus dem Lot geraten. Bachmann hat Kommunikationsdesign studiert und fand über Grafik und Illustration zur Malerei. Das lässt sich ihrer direkten, figurativen Formensprache durchaus noch ansehen. Die Figuren in ihren Werken können auf den ersten Blick niedlich oder absurd erscheinen und auch die Titel haben oft etwas Lakonisches, fast humorvolles. Bachmann versteht den Humor als Einstieg. Beim längeren Hinsehen kommen Unsicherheit und Erschöpfung hinzu. Die Bilder funktionieren deshalb nicht trotz ihrer Komik, sondern gerade durch sie. Die Figuren lassen sich eher als Träger eines Gefühls lesen, das viele kennen. Man versucht mitzuhalten, sich abzugrenzen und trotzdem nicht vollkommen in der eigenen Welt zu verschwinden. Gerade diese Abgrenzung ist ambivalent. Noise-Cancelling-Kopfhörer machen eine volle U-Bahn erträglicher und blenden gleichzeitig die Umgebung komplett aus. Ein Mittel, mit der Überforderung zurechtzukommen, nimmt einen also auch ein bisschen aus dem gemeinsamen Raum heraus.
Neben den Gemälden zeigt Bachmann zahlreiche Skizzen mit Stadtszenen. Sie sind bewusst auf einfachem Papier zusammengebracht. Durch ihre schiere Menge entsteht ein Gewimmel aus Figuren, Situationen und kleinen Beobachtungen. Rush Hour bezeichnet normalerweise die Stunden, in denen die Stadt am vollsten ist. Bei Nina Bachmann beschreibt der Begriff ein Lebensgefühl. Das Getriebensein setzt sich im Arbeitsalltag fort. Eine Lösung dafür bietet die Künstlerin nicht. Ihre
Werke sind eher Beobachtung eines Zustands. Vielleicht liegt genau darin ein kleiner Gegenentwurf: miteinander zu sprechen und Erfahrungen zu teilen. In den Arbeiten können Menschen sich wiedererkennen. Die Stadt bleibt dabei widersprüchlich. Sie kann geliebt und hinterfragt werden. Vielleicht ist genau das der Zustand, den Bachmanns Bilder so treffend festhalten. Wir treiben, schieben und drücken. Und manchmal bleiben wir trotzdem kurz stehen und sind im Moment.
- Vernissage: 10. September 18:00 - 21:00 Uhr