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Eine Veranstaltung der Mosse Lectures an der Humboldt-Universität zu Berlin im Sommersemester 2026 — Aus der Reihe »Du sollst, du sollst nicht. Verbote und Gebote zwischen Religion, Recht und Politik«

»Künftige Freiheit und die Gegenwart des Verbots« mit Lothar Müller.

Kämpfe ums Klima spielen sich auch entlang von Ge- und Verboten ab, und zwar in ihrem Verhältnis zu zeitlichen Dimensionen der Freiheit. Das Verbot wird politisch als Gegenspieler gegenwärtiger Freiheit stilisiert, während die Schonung künftiger Freiheit als rechtliches Gebot verstanden wird. Das Bundesverfassungsgericht spannt Freiheit temporal auf, in die Zukunft und wieder zurück in die Gegenwart. Dabei verrechnet es Möglichkeiten künftigen Freiheitsgebrauchs mit gegenwärtigen Freiheiten. Wenn – wie im Falle des Klimas – die Zukunft endlich wird, rücken zeitliche Aspekte des Verhältnisses von Recht und Politik in den Vordergrund.

Wie können rechtliche Formen künftige Freiheit einbeziehen? Wie können wir Freiheitsfragen ins Verhältnis zu temporalen Dimensionen setzen? Und warum zeigen sich solche Fragen ausgerechnet an der Gegenwart konkreter Verbote?

SABINE MÜLLER-MALL: Rechtsphilosophin; Professorin für Recht und Philosophie am Center for Critical Computational Studies der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ihre Forschungsinteressen gelten der Rechtsphilosophie, Verfassungstheorie und dem Verfassungsrecht. Gegenwärtig forscht sie insbesondere zur Rechtsnormativität, zur Theorie des Urteilens und zum Verhältnis zwischen Recht und Ästhetik sowie zu grundlegenden rechtlichen und politischen Fragen, die sich aus dem Einsatz computergestützter Techniken ergeben. 2020 erschien der Band »Freiheit und Kalkül. Die Politik der Algorithmen« bei Reclam. Ihr jüngstes Buch, in dem sie sich mit dem Einfluss von Gerichtsurteilen auf Verfassungsentwicklungen beschäftigt, wurde 2023 unter dem Titel »Verfassende Urteile. Eine Theorie des Rechts« veröffentlicht.

Die Vortragsreihe im Überblick

»Du sollst, du sollst nicht. Verbote und Gebote zwischen Religion, Recht und Politik«

Verbote und Gebote stehen im Zentrum religiöser und ethischer Lebensführung, stabilisieren gesellschaftliche Ordnungen, schützen vor Gewalt und begrenzen Machtmissbrauch. Rechte, einschließlich der Grundrechte, werden durch Verbote gesichert. Zugleich sind Verbote selbst Ausdruck politischer, ökonomischer und sozialer Machtverhältnisse. Anderen oder auch sich selbst etwas zu untersagen, bedeutet Handlungsspielräume und Selbstentfaltung einzuschränken. Dass dieser repressiven Funktion von Verboten und Tabus eine kulturstiftende Dimension innewohnt, macht das Unbehagen aus, welches Sigmund Freud schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Kultur attestiert hat. Auch etymologisch lässt sich die produktive Kraft von Verboten nachvollziehen: Bis ins ältere Niederhochdeutsch stand das Verbieten [mnd. vorbēden] in enger Beziehung zum Gebot, im Sinne einer nachdrücklichen Anordnung von Handlungen.

Im Sommersemester 2026 möchten die Mosse Lectures die Ambivalenzen von Verboten historisch-systematisch beleuchten und nach ihrer Relevanz für gegenwärtige gesellschaftliche Auseinandersetzungen fragen. Denn während die Kritik an Verboten in vielen sozialen Bereichen seit einiger Zeit allgegenwärtig scheint und »Enttabuisierung« aus guten Gründen positiv konnotiert wird, erleben Verbote dort eine Renaissance, wo sie zu Instrumenten der Krisenbewältigung werden. Etwa in den global geführten Diskussionen um die Notwendigkeit und Legitimität eines Social-Media-Verbots für Kinder und Jugendliche. Oder in der aktuellen Klimapolitik, die sich unter dem Stichwort der intertemporalen Freiheitssicherung der Aufgabe gegenübersieht, das Verhältnis von Generationengerechtigkeit und »Verbotskultur« neu zu justieren und ein aktuelles Gebot von Verboten zu diskutieren. Auch die Debatten um Cancel Culture, Fake News und digitale Persönlichkeitsrechte kreisen um Möglichkeiten prohibitiver Begrenzung.

Die Mosse Lectures bringen philosophische, kulturwissenschaftliche, ethnologische und rechtswissenschaftliche Perspektiven zusammen, um nach den Bedingungen zu fragen, unter denen Verbote legitim erscheinen, nach ihren kulturellen Voraussetzungen und politischen Funktionen und nicht zuletzt nach der Macht, die sich im Akt des Verbots konstituiert.

Weitere Veranstaltungen aus dieser Reihe:

Adrian Daub: »›Noch‹, ›Nicht mehr‹, ›Endlich wieder‹: Kollektive Zeitwahrnehmung und Verbotsdiskurse« | Do., 4. Juni 2026

Heike Behrend: »Schrecknisse des Wissenwollens: Frageverbot und die Fraglichkeit von Fragen in der ethnografischen Feldforschung« | Do., 11. Juni 2026

Jule Govrin: »Verbotene Körper? Demokratische Sorge und körperliche Selbstbestimmung in Zeiten autoritärer Austerität« | Do., 2. Juli 2026

Zusätzliche Informationen

Kontakt

Dr. Denise Reimann

Telefon: 030 2093-85033

info@mosse-lectures.de

Informationen zur Barrierefreiheit

Der Senatssaal der Humboldt-Universität [Unter den Linden 6] ist barrierefrei zugänglich.

Teilnehmende Künstler:innen
Sabine Müller-Mall
Lothar Müller
Termine
Juli 2026
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