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Anlässlich des 75. Geburtstags zeigt die Browse Gallery Berlin eine Ausstellung mit Originalwerken von Rio Reiser, Pionier und einflussreichster Poet der deutschsprachigen Rockmusikgeschichte: Fragmente seines kreativen Kosmos - Zeichnungen, Fotografien, Notizen, Tagebuchaufzeichnungen, Songtexte – vieles davon aus dem Rio Reiser Archiv.


Der kuratorische Ansatz folgt der Perspektive der ebenfalls von der Browse Gallery konzipierten Wanderausstellung WENN DIE NACHT AM TIEFSTEN – TON STEINE SCHERBEN IN IHRER ZEIT (aktuell im Küstenmuseum Wilhelmshaven zu sehen): Das Werk von Rio Reiser und seine zeitüberdauernde Relevanz erschließen sich in persönlichen Bezügen zu und politischer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichem Kontext – zeitgeschichtlich und gegenwärtig. Für Rio war das Persönliche politisch und das Politische persönlich.


Zu sehen sind Fotografien (v.a. von Jutta Matthess und Rita Kohmann), die Rio Reiser und Ton Steine Scherben zeigen in Berlin-Kreuzberg Anfang der 70er Jahre, außerdem ein Video, das den lokalen und zeitgeschichtlichen Kontext der Jugendrevolte Ende der 60er Anfang der 70er Jahre aufzieht (mit Kurzinterviews von Bandmitgliedern und Rios Bruder Gert Möbius) sowie eine audiovisuelle Video-Collage, die den Geist des schonungslosen Karikaturen-Werks „Ecce Homo“ von George Grosz aus der Zeit der Weimarer Republik (1923) und Rios epischem humanistischen Song „Mein Name ist Mensch“ in die Jetztzeit transportiert.

"Ecce Homo" – „Seht, der Mensch“  sind die Worte, mit denen der römische Statthalter Pontius Pilatus, laut Johannes Evangelium, den gegeißelten Jesus vor der Kreuzigung dem Volk präsentiert hat.

Das Motiv wurde über die Jahrhunderte zu einer Ikone christlicher Leidens- und Erlösungsgeschichte in der europäischen Kunst. 1923 bricht der Künstler George Grosz mit dieser Tradition und nutzt den Titel ironisch für eine Mappe mit 100 grotesk überzeichneten Karikaturen, die den sozialen und moralischen Bankrott der Weimarer Gesellschaft nach dem ersten Weltkrieg entblößen sollten: Eine sarkastische Anklage: Seht, was aus den Menschen geworden ist.

1971, rund 50 Jahre später, veröffentlichen Ton Steine Scherben auf ihrer ersten LP den Song „Mein Name ist Mensch“ von Rio Reiser. Auch der kann als subversive Variation des Ecce Homo-Motivs gelesen werden. Mit Grosz teilt Rio Reiser den kritischen Blick auf soziale Realitäten und eine politische Haltung als Künstler. Sein "Ecce Homo" zeigt uns, was seit Anbeginn der Zeit "Menschenfressermenschen" (Rio Reiser) Menschen antun. Er begründet daraus keine religiöse Heilsgeschichte. Erlösen können wir uns aus dem Leid nur selbst.

In der Ausstellung sehen wir die Welt mit Rios Augen. Er sieht sozialen Realitäten ins Auge und darüber hinaus, nicht kritisch distanziert, sondern mitfühlend solidarisch, vor allem mit den besonders Verletzbaren – sicher auch aus der eigenen zerrissenen Identität, dem persönlichen Erleben von Verzweiflung und Ungerechtigkeit. Als Mensch und Künstler sucht er nach Wahrhaftigkeit des Ausdrucks seines Wirklichkeitserlebens und seiner Träume – Orte der Sehnsucht und Zuflucht und zugleich Räume und Quelle für Veränderung. An ihr und an der Liebe hält er immer mutig fest: Mensch, du hast die Wahl und die Verantwortung!
Heute, da wir an einer Gegenwart verzweifeln, in der die Lüge regiert und uns der Sinn für das, was uns zu Menschen macht, abhandenkommt, helfen uns Grosz und Rio klar zu sehen und Klartext zu sprechen. Ecce Homo!

Foto-Buch/Katalog zur Ausstellung, Wenn die Nacht am tiefsten - Ton Steine Scherben in ihrer Zeit,  Hrsg. Browse Gallery, erweiterte 2. Auflage 2025, 336 Seiten, 250 Fotos  


  • Ausstellungszeiten: 14. September bis 12. Oktober 2025
  • Ort: Browse Gallery (temporär), Bergmannstr. 5, 10961 Berlin, Innenhof rechts
  • Ausstellungszeiten: Die-So, 14:00 – 19:00 Uhr
  • Eintritt: 4 EUR, ermäßigt 2 EUR, bis 18 Jahre kostenfrei

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