Zwischen 1954 und 1963 fertigte Ehrhardt im Auftrag des Tabakkonzerns Reemtsma & Co. zahlreiche filmische und fotografische Arbeiten an. Diese Werke blieben bislang weitgehend unbeachtet und stehen in Kontrast zu seinen bekannten, freikünstlerischen Natur- und Landschaftsaufnahmen. Die bisher kaum ausgestellten Dokumente bilden das Fundament für die neueste Arbeit Photography’s Claim to Property. Bilder im Auftrag Reemtsmas der Leipziger Künstlerin Ramona Schacht (*1989). Schacht setzt sich intensiv mit den dargestellten Arbeitswelten auseinander und hinterfragt, welche politischen, ökonomischen sowie körperlichen Ordnungen in diesen Bildern sichtbar werden und welche verdeckt bleiben. Der Rohstoff Tabak ist dabei in Form von selbst gezogenen Pflanzen in der gesamten Ausstellung präsent.
Ehrhardts Film Die Welt des Tabaks (1956) sowie die parallel dazu entstandenen Fotografien, die ebenfalls Teil der Ausstellung sind, dokumentieren verschiedene Produktionsräume des Tabaks. Die Reise führt vom ursprünglichen Tabakanbau in Mazedonien über die technologische Modernität US-amerikanischer Fabriken bis nach Hamburg, um die Produktionskraft des Reemtsma-Konzerns zu inszenieren.
Ausgehend davon führte Schacht umfangreiche Recherchen im Reemtsma-Fotoarchiv sowie in weiteren Archiven zur Tabakproduktion der 1920er bis 1950er Jahre durch und verschiebt somit den Blick vom einzelnen Dokument hin zu übergreifenden Bildordnungen.
Ihre künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Archivmaterial ist dabei bewusst fragmentarisch angelegt, da kein einzelnes Bild heute die gesamte historische Realität tragen kann. Statt einer geschlossenen Erzählung sucht sie nach wiederkehrenden Strukturen wie spezifischen Haltungen, Blickachsen, Abständen, Reihungen und Körperordnungen. Aus einer gesellschaftskritischen Perspektive untersucht sie, wie weibliche Arbeit in Ehrhardts Bildern zugleich sichtbar gemacht und bewertet wird.
Über alle Ebenen hinweg lädt die Ausstellung dazu ein, historische Bilder nicht als neutrale Dokumente zu behandeln. Sie ermöglicht eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Schichten von Geschichte, Arbeit und kultureller Wahrnehmung. Besonders bei der Darstellung weiblicher Arbeit eröffnet Schacht neue Sichtachsen auf oft übersehene Realitäten in den Produktionsprozessen, darunter prekäre Arbeitsverhältnisse, globale Lieferketten und Körper, die durch ökonomische Systeme kontrolliert und austauschbar gemacht werden. Ihre Recherche ist kein reiner Blick zurück, sondern der präzise Versuch, in den historischen Bildern Strukturen zu erkennen, die bis in die Gegenwart spürbar nachwirken.
- kuratiert von Stefanie Regina Dietzel
Begleitende Veranstaltungen:
Freitag, 11. September 2026, 19.00 bis 21.00 Uhr
Eröffnung in Anwesenheit der Künstlerin
Donnerstag, 24. September 2026, 18 Uhr
Führung durch die Ausstellung mit der Künstlerin Ramona Schacht und der Kuratorin Stefanie Regina Dietzel
Donnerstag, 8. Oktober 2026, 19 Uhr
In der Reihe Literaturhaus der Fotografie: »Feuer gefällig?«, Lesung und Gespräch mit Melanie Aufenvenne zur Kulturgeschichte des Rauchens, Moderation: Thomas Böhm (radioeins: Die Literaturagenten)
Sonntag, 11. Oktober 2026, 14 Uhr
»Das neue Rauchen: Ein künstlerischer Blick auf die Gegenwart der Tabakindustrie«, Gespräch mit dem Fotografen Oliver Heise und Prof. Dr. Steffen Siegel, Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste
Donnerstag, 26. November 2026, 19 Uhr
»Labour as Image, Gender as Medium: Women's Work in the Industrial Archive, from the Filmfabrik Wolfen to Ramona Schacht«, slide presentation by Dr. Katerina Korola, Assistant Professor of Film & Media, University of California, Berkeley (in English)
Sonntag, 29. November 2026, 16 Uhr
Führung durch die Ausstellung mit der Künstlerin Ramona Schacht und der Kuratorin Stefanie Regina Dietzel, mit einer Sound-Performance von Kyoco Taniyama
Voranmeldung ist erforderlich unter info@aestiftung.de
Zusätzliche Informationen
Öffnungszeiten:
Di bis So 11–18 Uhr | An gesetzlichen Feiertagen sowie zwischen Karfreitag und Ostermontag geschlossen