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Eine Veranstaltung der Mosse Lectures an der Humboldt-Universität zu Berlin im Sommersemester 2026 — Aus der Reihe »Du sollst, du sollst nicht. Verbote und Gebote zwischen Religion, Recht und Politik«

»Verbotene Körper? Demokratische Sorge und körperliche Selbstbestimmung in Zeiten autoritärer Austerität« mit Martina Wernli.

Demokratien scheinen derzeit gefährdet, inmitten von Krisenkaskaden und gesellschaftlicher Krisenstimmung. Rechtsextreme Parteien wie die AfD profitieren von den krisenzeitlichen Unsicherheiten. Mit dem Aufwind autoritärer Kräfte zeichnet sich global eine neue Phase der Austerität ab, deren disruptive Politiken extreme Konsequenzen für demokratisches Leben haben. Pionierfiguren dieser autoritären Austerität wie Javier Milei in Argentinien und Donald Trump in den USA fallen durch politische Performanzen autoritärer Männlichkeit auf. Gezielt kürzen sie bei Gleichstellungsmaßnahmen und schränken die Rechte von Frauen und queeren Menschen ein.

Wie lassen sich die Zusammenhänge zwischen Austerität, Autoritarismus und Antifeminismus fassen? Wie manifestieren sie sich körperpolitisch, als Angriffe auf die soziale Reproduktion der gesamten Gesellschaft und als Angriffe auf die körperliche und geschlechtliche Selbstbestimmung? Wo finden sich Gegenstrategien einer demokratischen Sorge, die Demokratie nachhaltig stärkt?

JULE GOVRIN: Philosophin; Gastprofessorin für Praktische Philosophie an der Bergischen Universität Wuppertal. Govrin forscht an der Schnittstelle von Sozialphilosophie, Feministischer Politischer Philosophie, Ethik und Ästhetik. Ihre Schwerpunkte bilden Fragen der Gleichheit und des Universalismus, der Sorge und Solidarität sowie der politischen Dimension von Körpern. Neben Forschungsaufenthalten in Marseille und Porto Alegre war sie Gastwissenschaftlerin am Centre Marc Bloch in Berlin und dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main.

Zu ihren Veröffentlichungen zählen »Politische Körper. Von Sorge und Solidarität« [2022], »Begehrenswert. Erotisches Kapital und Authentizität als Ware« [2023] sowie »Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosophische Studie« [2020]. Zuletzt erschien ihr Buch »Universalismus von unten. Eine Theorie radikaler Gleichheit« [2025].

Die Vortragsreihe im Überblick

»Du sollst, du sollst nicht. Verbote und Gebote zwischen Religion, Recht und Politik«

Verbote und Gebote stehen im Zentrum religiöser und ethischer Lebensführung, stabilisieren gesellschaftliche Ordnungen, schützen vor Gewalt und begrenzen Machtmissbrauch. Rechte, einschließlich der Grundrechte, werden durch Verbote gesichert. Zugleich sind Verbote selbst Ausdruck politischer, ökonomischer und sozialer Machtverhältnisse. Anderen oder auch sich selbst etwas zu untersagen, bedeutet Handlungsspielräume und Selbstentfaltung einzuschränken. Dass dieser repressiven Funktion von Verboten und Tabus eine kulturstiftende Dimension innewohnt, macht das Unbehagen aus, welches Sigmund Freud schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Kultur attestiert hat. Auch etymologisch lässt sich die produktive Kraft von Verboten nachvollziehen: Bis ins ältere Niederhochdeutsch stand das Verbieten [mnd. vorbēden] in enger Beziehung zum Gebot, im Sinne einer nachdrücklichen Anordnung von Handlungen.

Im Sommersemester 2026 möchten die Mosse Lectures die Ambivalenzen von Verboten historisch-systematisch beleuchten und nach ihrer Relevanz für gegenwärtige gesellschaftliche Auseinandersetzungen fragen. Denn während die Kritik an Verboten in vielen sozialen Bereichen seit einiger Zeit allgegenwärtig scheint und »Enttabuisierung« aus guten Gründen positiv konnotiert wird, erleben Verbote dort eine Renaissance, wo sie zu Instrumenten der Krisenbewältigung werden. Etwa in den global geführten Diskussionen um die Notwendigkeit und Legitimität eines Social-Media-Verbots für Kinder und Jugendliche. Oder in der aktuellen Klimapolitik, die sich unter dem Stichwort der intertemporalen Freiheitssicherung der Aufgabe gegenübersieht, das Verhältnis von Generationengerechtigkeit und »Verbotskultur« neu zu justieren und ein aktuelles Gebot von Verboten zu diskutieren. Auch die Debatten um Cancel Culture, Fake News und digitale Persönlichkeitsrechte kreisen um Möglichkeiten prohibitiver Begrenzung.

Die Mosse Lectures bringen philosophische, kulturwissenschaftliche, ethnologische und rechtswissenschaftliche Perspektiven zusammen, um nach den Bedingungen zu fragen, unter denen Verbote legitim erscheinen, nach ihren kulturellen Voraussetzungen und politischen Funktionen und nicht zuletzt nach der Macht, die sich im Akt des Verbots konstituiert.

Weitere Veranstaltungen aus dieser Reihe:

Adrian Daub: »›Noch‹, ›Nicht mehr‹, ›Endlich wieder‹: Kollektive Zeitwahrnehmung und Verbotsdiskurse« | Do., 4. Juni 2026

Heike Behrend: »Schrecknisse des Wissenwollens: Frageverbot und die Fraglichkeit von Fragen in der ethnografischen Feldforschung« | Do., 11. Juni 2026

Sabine Müller-Mall: »Künftige Freiheit und die Gegenwart des Verbots« | Do., 9. Juli 2026

Zusätzliche Informationen

Kontakt

Dr. Denise Reimann

Telefon: 030 2093-85033

info@mosse-lectures.de

Informationen zur Barrierefreiheit

Der Senatssaal der Humboldt-Universität [Unter den Linden 6] ist barrierefrei zugänglich.

Teilnehmende Künstler:innen
Jule Govrin
Martina Wernli
Termine
Juli 2026
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