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Eine Veranstaltung der Mosse Lectures an der Humboldt-Universität zu Berlin im Wintersemester 2026/27 — Aus der Reihe »Alone together. Figuren der Einsamkeit zwischen Pathologie und Euphorie«

»The Wilder World: Retreating from the Peace and Quiet of Nature«


– mit Stefan Willer


»When despair for the world grows in me […] I come into the peace of wild things«, schreibt Wendell Berry und greift damit ein Gefühl auf, das im heutigen Nature Writing ebenso verbreitet ist wie 1968, als sein Gedicht veröffentlicht wurde.


»Geh hinaus in die Natur und finde Trost«, wird oft gesagt. Dieser Ratschlag zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Welt: in Werbungen für Wellness-Retreats, in den Beiträgen von »Tradwife«-Influencerinnen, auf den Seiten von Nature Writing-Bestsellern. Sie liegen nicht ganz falsch, aber es ist nicht das ganze Bild.


Dieser Vortrag befasst sich damit, inwiefern ein Rückzug in die Natur vielmehr eine Konfrontation mit den Schwierigkeiten, Privilegien, Ungerechtigkeiten, Gewalttätigkeiten und sogar Hoffnungen des Menschen beinhaltet. Ausgehend von ihren Erfahrungen als Autorin und Herausgeberin im oft als »New Nature Writing« bezeichneten Genre wird JESSICA J. LEE untersuchen, wie zeitgenössische Nature Writing-Autor:innen die Darstellung der Natur als Ort des Friedens, des Trostes und der Erholung ablehnen und stattdessen einen fruchtbaren Boden finden, um Fragen nach Umweltkrisen, kolonialem Erbe, Geschlecht, race und Körper neu zu reflektieren. Sie wird Geschichten von politischem Widerstand gegen die Privatisierung von Land nachzeichnen, von Künstler:innen, die sich der Vorstellung von »Heilung« in der Natur verweigern, und von jenen, die Nature Writing als Raum neu konzipieren, um das Erbe von Migration und Verlust zu entfalten. Wie können Menschen aus den Versuchen dieser Autor:innen lernen, ihre Beziehung zur Natur neu zu erzählen? Und welche Geschichten warten noch darauf, gehört zu werden, inmitten der überwältigenden Aufrufe, sich selbst zu finden, indem sie sich in die Wildnis wagen?



JESSICA J. LEE: Autorin und Umwelthistorikerin; Gründerin und Herausgeberin der Literaturzeitschrift »The Willowherb Review« sowie Faculty Mentor in Creative Nonfiction am King’s College in Halifax. 2016 promovierte sie an der York University in Umweltgeschichte und -ästhetik und war von 2017 bis 2018 Writer-in-Residence am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin.


Mit »Turning« [2017], »Two Trees Make a Forest« [2019] und »Dispersals« [2024], ist sie Autorin dreier Bücher des Nature Writing, in denen sie sich unter anderem mit Fragen von Zugehörigkeit und Fremdheit sowie der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt auseinandersetzt. Außerdem ist sie Mitherausgeberin der Essaysammlung »Dog Hearted« [2023] und veröffentlichte 2024 das Kinderbuch »A Garden Called Home«.


Für ihre literarische Arbeit wurde sie unter anderem mit dem Hilary Weston Writers‘ Trust Prize for Nonfiction, dem Boardman Tasker Award for Mountain Literature und dem Banff Mountain Book Award ausgezeichnet.



Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.



Die Vortragsreihe im Überblick


»Alone together. Figuren der Einsamkeit zwischen Pathologie und Euphorie«


Die Einsamkeit als unfreiwillige Form des Alleinseins zählt zu den großen Beunruhigungsfaktoren westlicher Industriegesellschaften. Nicht zuletzt die Erfahrungen der Pandemie haben die gesellschaftlichen Folgen sozialer Isolation sichtbar gemacht und ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Einsamkeit wird heute zunehmend als »Einsamkeitsbelastung« statistisch erfasst, als Symptom von »lost communities« diagnostiziert und als gesellschaftliches Risiko politisch adressiert. Gegenmaßnahmen reichen von sozialmedizinischen Präventionsprogrammen, nationalen Strategiepapieren bis zur Einrichtung eigener politischer Ämter.


Die Allgegenwart der Einsamkeitsdiagnose bildet den Ausgangspunkt der Mosse Lectures im Wintersemester 2026/27.

Jenseits einer rein pathologischen Perspektive soll es um die grundsätzliche Ambivalenz von Einsamkeitserfahrungen gehen, wie sie bereits in der begrifflichen Differenzierung zwischen »Loneliness« und »Solitude« zum Ausdruck kommt. Figuren der Einsamkeit wurden und werden seit je in Philosophie, Literatur, Musik und bildender Kunst entworfen, wobei sie nicht nur als Ausdruck sozialer Isolation, sondern ebenso als Voraussetzung ästhetischer Erfahrung, existenzieller Selbstbefragung und individueller Freiheit in Erscheinung treten. Die Stichwortgeber:innen einer programmatischen, bisweilen euphorisch aufgeladenen Einsamkeit in der Moderne verbanden im 19. Jahrhundert den Rückzug in die Natur mit Projekten des Nature Writing


Die Mosse Lectures erkunden die Vitalität dieser Tradition in Literatur, Film und Populärkultur der Gegenwart und fragen insbesondere nach dem Verhältnis von »Eleanor Rigby« und »Lonesome Hero«, nach weiblichen, männlichen und queeren Figuren der Einsamkeit zwischen Isolation und Selbstbestimmung sowie nach den geschlechtsspezifischen, kulturellen und politischen Codierungen des Alleinseins.


Ergänzt wird die Vortragsreihe durch ein filmisches Begleitprogramm, das in Kooperation mit dem Zeughauskino am Deutschen Historischen Museum in Berlin an sechs Abenden im Januar und Februar 2027 zu sehen sein wird.



Weitere Veranstaltungen aus dieser Reihe:


– Janosch Schobin: »Einsamkeit, die soziale Frage unserer Zeit?« | Do., 5. November 2026


– Diane Enns: »The Ambiguity of Solitude« | Do., 3. Dezember 2026


– Christian Petzold: »Gespenster« | Do., 14. Januar 2027

Filmisches Begleitprogramm im Zeughauskino des DHM Berlin [Pei-Bau]:


12. Januar 2027, 19 Uhr

Die innere Sicherheit [D 2000, R: Christian Petzold]


19. Januar 2027, 19 Uhr

Certain Women [USA 2016, R: Kelly Reichardt]


26. Januar 2027, 19 Uhr

All of Us Strangers [GB/USA 2023, R: Andrew Haigh]


2. Februar 2027, 19 Uhr

Her [USA 2013, R: Spike Jonze]


9. Februar 2027, 19 Uhr

Perfect Days [D/Japan 2023, R: Wim Wenders]


16. Februar 2027, 19 Uhr

Days [Taiwan 2020, R: Tsai Ming-liang]

Zusätzliche Informationen

Kontakt

Dr. Denise Reimann

Telefon: 030 2093-85033

info@mosse-lectures.de

Informationen zur Barrierefreiheit

Der Senatssaal der Humboldt-Universität [Unter den Linden 6] ist barrierefrei zugänglich.

Teilnehmende Künstler:innen
Jessica J. Lee
Stefan Willer
Termine
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