Eine Veranstaltung der Mosse Lectures an der Humboldt-Universität zu Berlin im Wintersemester 2026/27 — Aus der Reihe »Alone together. Figuren der Einsamkeit zwischen Pathologie und Euphorie«
»Einsamkeit, die soziale Frage unserer Zeit?«
– mit Michael Kämper-van den Boogaart
Einsamkeit gilt als soziale Frage unserer Zeit. Es wird von einer Einsamkeitsepidemie gesprochen. Überraschenderweise waren für die Bundesrepublik jedoch lange eher stabile bis abnehmende Einsamkeitsbelastungen zu konstatieren. Mit der Covid-19-Pandemie hat sich dieser Sachverhalt abrupt geändert.
Es ist daher Zeit für eine Bestandsaufnahme, die fragt: Welche gesellschaftlichen Dynamiken begünstigen Vereinsamungsprozesse? Diese Frage entpuppt sich bei genauer Betrachtung als die Frage, welche Arten einsamer Figuren in einer Zeit eigentlich zu- oder abnehmen? Die unfreiwillig partnerlose Frau der 1950er Jahre etwa, ist so erkennbar ein Kind ihrer Zeit, wie der junge Mann der 2020er Jahre, der glaubt, dass der Feminismus ihm die Frauen für immer abspenstig gemacht hat, eins der unseren ist. Gefragt wird daher, wie sozialer Wandel und die unterschiedlichen Arten des Einsamseins zusammenhängen.
JANOSCH SCHOBIN: Soziologe; Privatdozent und Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kompetenznetz Einsamkeit des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt am Main. Dort entwickelt er unter anderem das Einsamkeitsbarometer für das BMBFSFJ. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Ernährungssoziologie, Freundschaftssoziologie und Einsamkeitsforschung. Neben seinen vielfältigen wissenschaftlichen Tätigkeiten ist Janosch Schobin in der Beratung zur Entwicklung von Angeboten gegen Einsamkeit tätig. So unterstützte er beispielsweise die Enquete-Kommission IV des Landtags NRW mit einem Gutachten zu Einsamkeit und gesellschaftlichem Wandel. Zuletzt hat er unter anderem Forschungsarbeiten zur Auswirkung der Geschlechterungleichheit auf die Verbreitung von Einsamkeitsbelastungen, zum Zusammenhang von Einsamkeit und Vertrauen in demokratische Institutionen und zur Stigmatisierung von Einsamkeit veröffentlicht. 2025 erschien sein jüngstes Buch »Zeiten der Einsamkeit. Erkundungen eines universellen Gefühls«.
Die Vortragsreihe im Überblick
»Alone together. Figuren der Einsamkeit zwischen Pathologie und Euphorie«
Die Einsamkeit als unfreiwillige Form des Alleinseins zählt zu den großen Beunruhigungsfaktoren westlicher Industriegesellschaften. Nicht zuletzt die Erfahrungen der Pandemie haben die gesellschaftlichen Folgen sozialer Isolation sichtbar gemacht und ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt.
Einsamkeit wird heute zunehmend als »Einsamkeitsbelastung« statistisch erfasst, als Symptom von »lost communities« diagnostiziert und als gesellschaftliches Risiko politisch adressiert.
Gegenmaßnahmen reichen von sozialmedizinischen Präventionsprogrammen, nationalen Strategiepapieren bis zur Einrichtung eigener politischer Ämter. Die Allgegenwart der Einsamkeitsdiagnose bildet den Ausgangspunkt der Mosse Lectures im Wintersemester 2026/27.
Jenseits einer rein pathologischen Perspektive soll es um die grundsätzliche Ambivalenz von Einsamkeitserfahrungen gehen, wie sie bereits in der begrifflichen Differenzierung zwischen »Loneliness« und »Solitude« zum Ausdruck kommt. Figuren der Einsamkeit wurden und werden seit je in Philosophie, Literatur, Musik und bildender Kunst entworfen, wobei sie nicht nur als Ausdruck sozialer Isolation, sondern ebenso als Voraussetzung ästhetischer Erfahrung, existenzieller Selbstbefragung und individueller Freiheit in Erscheinung treten. Die Stichwortgeber:innen einer programmatischen, bisweilen euphorisch aufgeladenen Einsamkeit in der Moderne verbanden im 19. Jahrhundert den Rückzug in die Natur mit Projekten des Nature Writing.
Die Mosse Lectures erkunden die Vitalität dieser Tradition in Literatur, Film und Populärkultur der Gegenwart und fragen insbesondere nach dem Verhältnis von »Eleanor Rigby« und »Lonesome Hero«, nach weiblichen, männlichen und queeren Figuren der Einsamkeit zwischen Isolation und Selbstbestimmung sowie nach den geschlechtsspezifischen, kulturellen und politischen Codierungen des Alleinseins.
Ergänzt wird die Vortragsreihe durch ein filmisches Begleitprogramm, das in Kooperation mit dem Zeughauskino am Deutschen Historischen Museum in Berlin an sechs Abenden im Januar und Februar 2027 zu sehen sein wird.
Weitere Veranstaltungen aus dieser Reihe:
– Diane Enns: »The Ambiguity of Solitude« | Do., 3. Dezember 2026
– Christian Petzold: »Gespenster« | Do., 14. Januar 2027
– Jessica J. Lee: »The Wilder World: Retreating from the Peace and Quiet of Nature« | Do., 28. Januar 2027
Filmisches Begleitprogramm im Zeughauskino des DHM Berlin [Pei-Bau]:
12. Januar 2027, 19 Uhr
Die innere Sicherheit [D 2000, R: Christian Petzold]
19. Januar 2027, 19 Uhr
Certain Women [USA 2016, R: Kelly Reichardt]
26. Januar 2027, 19 Uhr
All of Us Strangers [GB/USA 2023, R: Andrew Haigh]
2. Februar 2027, 19 Uhr
Her [USA 2013, R: Spike Jonze]
9. Februar 2027, 19 Uhr
Perfect Days [D/Japan 2023, R: Wim Wenders]
16. Februar 2027, 19 Uhr
Days [Taiwan 2020, R: Tsai Ming-liang]
Zusätzliche Informationen
Informationen zur Barrierefreiheit
Der Senatssaal der Humboldt-Universität [Unter den Linden 6] ist barrierefrei zugänglich.
Teilnehmende Künstler:innen
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