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Eine Veranstaltung der Mosse Lectures an der Humboldt-Universität zu Berlin im Sommersemester 2026 — Aus der Reihe »Du sollst, du sollst nicht. Verbote und Gebote zwischen Religion, Recht und Politik«

»Schrecknisse des Wissenwollens: Frageverbot und die Fraglichkeit von Fragen in der ethnografischen Feldforschung« mit Ethel Matala de Mazza.

In diesem Vortrag geht es um Fragen und ihre Fraglichkeit und damit auch um die Fraglichkeit der fragenden Ethnologin während der Feldforschung.

Ausgehend vom Schock eines Frageverbots, das der Wissenschaftlerin während ihrer ersten Feldforschung im Nordwesten Kenias Ende der 1970er Jahre von den Ältesten erteilt wurde, versucht sie im Folgenden, Bruchstücke einer Geschichte des ethnografischen Fragens zu erzählen.

Die ethnografische Forschung entstand aus der Reise in die Fremde, die einen Riss, Verwunderung und Staunen und damit neue Fragen hervorrief. Die Forscherin folgt Hans Blumenbergs »Prozess der theoretischen Neugierde«, der zunehmenden Professionalisierung und Verwissenschaftlichung des Reisens bis zur Herausbildung von Fragekatalogen für die ethnografische Arbeit. Am Beispiel der Forschungen von Bronisław Malinowski in Melanesien, Victor Segalen in China und Marcel Griaule in Westafrika werden unterschiedliche Verfahren der Produktion von ethnografischem Wissen und der Befragung vorgestellt und die jeweiligen Schrecknisse des Wissenwollens, die Asymmetrien und die Gewalt aufgezeigt, die in ihnen enthalten sind, zugleich aber auch die Widerständigkeit der Befragten provozieren.

Der Vortrag endet mit Klaus Heinrichs Frage nach den Möglichkeiten eines solidarischen Fragens, einem Bündnis zwischen fragender und befragter Person, das den Schrecknissen des Wissenwollens Einhalt gebieten könnte.

HEIKE BEHREND: Ethnologin; Professorin emerita für Ethnologie am Institut für Afrikanistik und Ägyptologie der Universität zu Köln.

Zu ihren Fachgebieten zählen ethnografische Forschung vor allem in Ostafrika, populäre afrikanische Medienkultur sowie das Verhältnis von Religion, Krieg und Gewalt. Sie lehrte und forschte unter anderem an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, an der Northwestern University in Evanston [USA], am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften [IFK] in Wien und an der Tokyo University of Foreign Studies in Japan.

In ihrem 2020 erschienenen Rückblick auf fast 50 Jahre Forschungspraxis »Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung« dreht sie den kolonialen Blick um und erkennt sich selbst als Objekt der Ethnografie aus den Augen der Ethnografierten. Das Buch wurde 2021 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie »Sachbuch und Essayistik« ausgezeichnet. Ihr jüngstes Werk trägt den Titel »Gespräche mit einem Toten. Gustaf Nagel, Prophet vom Arendsee« [2025].

Die Vortragsreihe im Überblick

»Du sollst, du sollst nicht. Verbote und Gebote zwischen Religion, Recht und Politik«

Verbote und Gebote stehen im Zentrum religiöser und ethischer Lebensführung, stabilisieren gesellschaftliche Ordnungen, schützen vor Gewalt und begrenzen Machtmissbrauch. Rechte, einschließlich der Grundrechte, werden durch Verbote gesichert. Zugleich sind Verbote selbst Ausdruck politischer, ökonomischer und sozialer Machtverhältnisse.

Anderen oder auch sich selbst etwas zu untersagen, bedeutet Handlungsspielräume und Selbstentfaltung einzuschränken. Dass dieser repressiven Funktion von Verboten und Tabus eine kulturstiftende Dimension innewohnt, macht das Unbehagen aus, welches Sigmund Freud schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Kultur attestiert hat. Auch etymologisch lässt sich die produktive Kraft von Verboten nachvollziehen: Bis ins ältere Niederhochdeutsch stand das Verbieten [mnd. vorbēden] in enger Beziehung zum Gebot, im Sinne einer nachdrücklichen Anordnung von Handlungen.

Im Sommersemester 2026 möchten die Mosse Lectures die Ambivalenzen von Verboten historisch-systematisch beleuchten und nach ihrer Relevanz für gegenwärtige gesellschaftliche Auseinandersetzungen fragen. Denn während die Kritik an Verboten in vielen sozialen Bereichen seit einiger Zeit allgegenwärtig scheint und »Enttabuisierung« aus guten Gründen positiv konnotiert wird, erleben Verbote dort eine Renaissance, wo sie zu Instrumenten der Krisenbewältigung werden. Etwa in den global geführten Diskussionen um die Notwendigkeit und Legitimität eines Social-Media-Verbots für Kinder und Jugendliche. Oder in der aktuellen Klimapolitik, die sich unter dem Stichwort der intertemporalen Freiheitssicherung der Aufgabe gegenübersieht, das Verhältnis von Generationengerechtigkeit und »Verbotskultur« neu zu justieren und ein aktuelles Gebot von Verboten zu diskutieren. Auch die Debatten um Cancel Culture, Fake News und digitale Persönlichkeitsrechte kreisen um Möglichkeiten prohibitiver Begrenzung.

Die Mosse Lectures bringen philosophische, kulturwissenschaftliche, ethnologische und rechtswissenschaftliche Perspektiven zusammen, um nach den Bedingungen zu fragen, unter denen Verbote legitim erscheinen, nach ihren kulturellen Voraussetzungen und politischen Funktionen und nicht zuletzt nach der Macht, die sich im Akt des Verbots konstituiert.

Weitere Veranstaltungen aus dieser Reihe:

Adrian Daub: »›Noch‹, ›Nicht mehr‹, ›Endlich wieder‹: Kollektive Zeitwahrnehmung und Verbotsdiskurse« | Do., 4. Juni 2026

Jule Govrin: »Verbotene Körper? Demokratische Sorge und körperliche Selbstbestimmung in Zeiten autoritärer Austerität« | Do., 2. Juli 2026

Sabine Müller-Mall: »Künftige Freiheit und die Gegenwart des Verbots« | Do., 9. Juli 2026

Zusätzliche Informationen

Kontakt

Dr. Denise Reimann

Telefon: 030 2093-85033

info@mosse-lectures.de

Informationen zur Barrierefreiheit

Der Senatssaal der Humboldt-Universität [Unter den Linden 6] ist barrierefrei zugänglich.

Teilnehmende Künstler:innen
Heike Behrend
Ethel Matala de Mazza
Termine
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