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Pianist Georg Graewe gehört zu den Schlüsselfiguren der deutschen Free-Jazz-Geschichte. Als unermüdlicher Entdecker hat er sich in seiner fast sechs Jahrzehnte währenden Karriere nie auf eine einzige Spielweise oder Denkschule festgelegt. Seine frühe Liebe zum Progressive Rock führte ihn und seine Bandkollegen bald zum Free Jazz.


Mitte der 1970er-Jahre veröffentlichte sein Quintett zwei bemerkenswerte Alben beim legendären Label FMP – beides sträflich vernachlässigte Juwelen, die das doppelte Interesse des Pianisten an struktureller Strenge und grenzenloser Improvisation dokumentieren. In den folgenden Jahrzehnten leitete er eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte, darunter ein wegweisendes Kammertrio mit dem Cellisten Ernst Reijseger und dem Schlagzeuger Gerry Hemingway sowie eine Reihe von Großensembles, die die Prinzipien des Free Jazz zunehmend in die zeitgenössische Musik einbrachten.


Sowohl im GrubenKlangOrchester als auch im jüngeren Sonic Fiction Orchestra konzentriert sich Graewe zunehmend auf ausgedehnte Kompositionen, bei denen aufwendig ausgearbeitete Partituren durch sorgfältig geplante Improvisationen belebt und erweitert werden, ohne dass sich die Musiker:innen an etablierten stilistischen Sprachen orientieren.


Doch so sehr sich der Pianist auch komplexeren, kompositionsbasierten Werken verschrieben hat:

Er bleibt ein beeindruckender Improvisationsmusiker. Das bewies auch sein erstmaliges Zusammentreffen mit dem Chicagoer Schlagzeuger Hamid Drake und dem in Lissabon lebenden US-amerikanischen Bassisten Brad Jones beim Festival Konfrontationen in Nickelsdorf im Jahr 2024. Diese bei 35 Grad eingespielte Session wurde später unter dem Titel More Than Anything veröffentlicht. Graewe hatte bereits mit dem Schlagzeuger zusammengearbeitet, als er im Jahr 1997 für eine Weile in Chicago lebte und dort eine bemerkenswerte Band gründete:

ein Quartett mit Drake, Frank Gratkowski und Kent Kessler. Als er sich an diesem heißen Julitag in Österreich wieder mit Drake zusammentat und zum ersten Mal auf Jones traf, kam das Trio sofort in Fahrt. Die Gruppe lieferte eine fesselnde Darbietung, die sich durch atemberaubende Höhen und Tiefen schlängelte – ein Paradebeispiel für meisterhafte Free-Jazz-Intensität.


18:30

Graewe / Jones / Drake

(DE, US)

Deutschlandpremiere


Line-up


  • Georg Graewe – Klavier
  • Brad Jones – Kontrabass
  • Hamid Drake – Schlagzeug, Rahmentrommel, Stimme


20:00

ganavya

(AT, DE, US)

Es gibt wohl kaum eine andere Musikerin, die das künstlerische Schaffen der großartigen Alice Coltrane mehr würdigt und konsequenter weiterdenkt als die mittlerweile in Berlin ansässige indisch-US-amerikanische Sängerin ganavya. Aus der Erkenntnis heraus, dass Improvisation das verbindende Element beider musikalischer Traditionen ist, löst die Sängerin und Komponistin seit geraumer Zeit die Grenzen zwischen Jazz und südasiatischen Andachtstraditionen auf. Über Jahre hinweg brachte sie ihre Studien der Ethnomusikologie und der kritischen Gesellschaftsanalyse – unter anderem bei Vijay Iyer in Yale – mit Auftritten an der Seite unterschiedlichster Musiker:innen in Einklang. Doch ein gemeinsamer Auftritt mit der geheimnisvollen britischen R&B-Band Sault im Dezember 2023 in London markierte einen entscheidenden Wendepunkt in ihrer Karriere. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits die Aufmerksamkeit von Shabaka Hutchings auf sich gezogen, der ihr atemberaubendes Album like the sky, I’ve been too quiet aus dem Jahr 2024 auf seinem Label Native Rebel veröffentlichte. Zwei weitere Alben folgten anschließend bei LEITER, dem Label des Pianisten Nils Frahm.


ganavyas Stimme entzieht sich analytischen Kategorien. Sie ist eine warme, fließende Energie, die die weichen Konturen ihrer Lieder sanft umschmeichelt und sich zwischen ihnen hin und her bewegt. Auf ihren Alben ist eine Vielzahl herausragender Musiker*innen zu hören, im Live-Setting wird sie jedoch nur von Harfe und Kontrabass begleitet, die die schlanken Strukturen und luftigen Harmonien mit kaskadenartigen Arpeggios nachzeichnen. Das gibt ganavyas Stimme und Bühnenpräsenz den Raum, ihre volle Wirkung zu entfalten. Die Musikerin scheint ganz in der Musik aufzugehen: Melodien entsteigen sanft und großzügig ihrer Vorstellungskraft. Zugleich sind die Klänge untrennbar mit dem Publikum verbunden. ganavya erzählt von ihrer Musik, als wäre sie eine enge Freundin aller, die sich zum Zuhören um sie versammelt haben.



Line-up

  • ganavya – Stimme
  • Miriam Adefris – Harfe
  • Sebastian Singwald – Kontrabass


21:20

Globe Unity Orchestra – 60 Years: Apokalyptische Nabelschau

(DE, DK, GB, IT, JP, NO, PL, US)


Pianist Alexander von Schlippenbach blickt auf eine glorreiche Geschichte mit dem Jazzfest Berlin zurück, die sich über Jahrzehnte erstreckt. Tatsächlich wurde er bereits im Jahr 1966 von Joachim-Ernst Berendt, dem ersten künstlerischen Leiter des damals noch unter dem Namen Berliner Jazztage laufenden Festivals, beauftragt, eine mehrköpfige Improvisationsgruppe zu gründen.

Diese Anfrage führte zur Gründung des Globe Unity Orchestra. Seitdem versucht das Ensemble auf immer neue Weisen, das Unbeschreibliche in die Tat umzusetzen – die schwer fassbare Kreativität der freien Improvisation. Der Pianist hat immer wieder Musiker*innen aus aller Welt um sich geschart, die sein Streben nach einer Choreografie der Spontaneität teilen. Dieser unermüdliche Einsatz hat ihm dabei geholfen, seit 60 Jahren klangliche Blitze einzufangen. Im Laufe dieser langen Zeit sind Mitglieder gekommen und gegangen, wobei neue Kräfte die Plätze der ausgeschiedenen Kolleg:innen eingenommen haben.

Die Besetzung für diesen seltenen Anlass ist etwas ganz Besonderes, denn sie umfasst drei Musiker, die bereits seit den 1970er-Jahren in der Gruppe mitwirken: Saxofonist Evan Parker, Schlagzeuger Paul Lytton und Posaunist George Lewis, der mittlerweile nur noch selten auf seinem ursprünglichen Instrument spielt, da er sich weitgehend der Komposition und der Lehre verschrieben hat. Natürlich sind auch einige der jüngeren Mitglieder des Ensembles, wie Bassklarinettist Rudi Mahall und Trompeter Axel Dörner, nach wie vor fester Bestandteil des Globe Unity Orchestra. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Band wird Schlippenbach am Klavier von der großartigen Aki Takase begleitet, mit der zusammen er vierhändig spielen wird.


Line-up

  • Alexander von Schlippenbach – Klavier, Komposition, Leitung
  • Aki Takase – Klavier
  • Evan Parker – Sopran- und Tenorsaxofon
  • Daniel Erdmann – Tenorsaxofon
  • Henrik Walsdorff – Altsaxofon
  • Rudi Mahall – Klarinette, Bassklarinette
  • Tomasz Dąbrowski – Trompete
  • Kasper Tranberg – Trompete
  • Axel Dörner – Trompete
  • George Lewis – Posaune
  • Christof Thewes – Posaune
  • Gerhard Gschlößl – Posaune
  • Antonio Borghini – Kontrabass
  • Paul Lytton – Schlagzeug
  • Dag Magnus Narvesen – Schlagzeug


Mit freundlicher Unterstützung durch die Robert D. Bielecki Foundation

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