So wie Eisen aus der Erde extrahiert wird, extrahiert er Bildfragmente aus der digitalen Welt und verarbeitet sie in seinen Bildern. Es ist wohl die modernste Form, die klassische Malerei mit der digitalen Bildwelt zu verbinden. Dafür zoomt Fischer ganz nah heran, an ein Objekt oder an einen Ort, meist mit Navigationsprogrammen. Er zoomt so nah heran, bis ein gegenteiliger Effekt eintritt: anstatt die Dinge immer genauer erkennen zu können, verschwimmen die Pixel und man versteht irgendwann nicht mehr, ob man gerade einen Kran anschaut oder die Haut eines vor Jahrtausenden ausgestorbenen Dinosauriers. So seltsam schön gemasert zeigt sich die Oberflächenstruktur des Krans, wenn man ihn millionenfach vergrößert, sich so nah heranklickt, als wolle man geradezu hineinkriechen in das Objekt. Oft besucht er Orte des Kohle- oder Erzabbaus auf diesen digitalen Reisen oder Orte, an denen diese Rohstoffe verarbeitet werden. Diese Bilder lässt Fischer auf PVC-Platten drucken, auf denen er dann mit Ölfarben malt.
Damit stellt er auch die Idee davon, dass es eine weiße Leinwand überhaupt geben könnte, in Frage, und überführt die Behauptung des sauberen Neuanfangs, den die weiße Leinwand suggeriert, der Lüge. Fischer findet für diese Welt, in der eine immer größere Diskrepanz herrscht zwischen dem, was man sieht, und dem, was dahinter ist, Bilder.
Als Hintergrund für die Ausstellung dient eine Fototapete, auf der man Eisenspan sieht. Dabei sieht man ihn eigentlich nicht wirklich. Denn eigentlich sieht man eine graue Lavamasse vor sich, die wirkt, als würde sie blubbern. Es sind die mikroskopisch klein dargestellten Späne, die übrig bleiben, wenn Fischer die Stahlrahmen für seine Bilder sägt.
Doch die durch die Zoom-Funktion der digitalen Landkarte suggerierte Nähe zum Objekt erzeugt kein besseres Verständnis. Im Gegenteil, sie verklärt den Blick und man kann nicht mehr einordnen, wo man sich im Gefüge des großen Ganzen eigentlich befindet. Man verliert den Überblick. Der Gegensatz zwischen Mikro und Makro hört meist an der Oberfläche der Erde auf. Fischers Methode geht weiter. Er begibt sich in die Tiefen des Digitalen.
Zeit lässt sich an den Schichten der Erde ablesen. Über Millionen von Jahren lagern sich Sedimentschichten ab, an denen man ihr Alter feststellen kann. Und nicht nur das, man begibt sich auch in das kollektive kulturelle Gedächtnis, wenn man beginnt, ins Erdinnere vorzudringen. Ist man beispielsweise in Rom, dann stößt man auf Überbleibsel der alten Römer, auf antike Tempel und Skulpturen, deren Entdeckung immer wieder den Bau der U-Bahn verzögert oder ganz verhindert. In Deutschland schlummert unter der Erde das Eisenerz, dessen Extraktion über Jahrhunderte ganze Landschaften kulturell geprägt hat. Fischer macht also gewissermaßen auch Tiefenbohrungen in der deutschen Vergangenheit. Einer Vergangenheit, die in bestimmten Landschaften geprägt ist von Eisenerz- und Kohleabbau.
Doch es braucht neue Bilder, um sich dieser Gegenwart, die so brüchig geworden ist, anzunähern. Seit der Industrialisierung hat sich die Welt nicht mehr so fundamental verändert wie durch das Aufkommen der Digitalisierung. Doch weder ist der eine ganz abgeschlossen, noch der andere komplett losgegangen. Beide Prozesse finden in Fischers Bildern zusammen und bilden so die Schwelle ab, an der sich die Gesellschaft im Jahr 2026 befindet. Irgendwo zwischen unbarmherzigem Fortschrittswillen, dem vieles Alte weichen muss, und einer kulturellen Identität, die sich noch nicht vollständig im Digitalen befindet, aber ihren alten Symbolen bereits entwachsen ist.
Auf diesen Bildern, die Mischwesen aus digitaler Collage und klassischer Ölmalerei sind, öffnet Fischer das Panorama einer technologisierten Gegenwart, die sich schon fast wieder selbst überholt hat.
Text: Laura Helena Wurth

