Frauen im komischen Musiktheater um 1960
Wer an komisches Musiktheater denkt, denkt sofort an „Die lustige Witwe“ oder „Die lustigen Weiber von Windsor“. Doch während Frauen auf der Bühne seit Jahrhunderten als komische Figuren auftreten, ist kaum bekannt, dass Komponistinnen selbst ebenso originelles, geistreiches und humorvolles Musiktheater geschaffen haben. Die Berliner Reihe „Die lustigen Komponistinnen. Frauen im komischen Musiktheater um 1960“ widmet sich dieser bislang wenig beachteten Seite der Musikgeschichte.
An vier Abenden im Dezember präsentiert Jazz am Helmholtzplatz e.V. im Institut français / Maison de France und in der Brotfabrik Werke von Claude Arrieu, Marguerite Monnot und Madeleine Dring. Das Programm spannt einen Bogen von der französischen „opéra bouffe“ über Chanson, Jazz und Musical bis zu britischen Cabaret Songs. Zu erleben sind selten gespielte Werke, neue Arrangements und deutsche Erstaufführungen.
Im Mittelpunkt steht unter anderem "La cabine téléphonique" (1958) von Claude Arrieu, eine „opéra bouffe“, die als deutsche Erstaufführung zu hören sein wird. Arrieu, deren bürgerlicher Name Louise-Marie Simon war, verwendete bewusst ein Pseudonym: Der geschlechtsneutral gewählte Vorname „Claude“ sollte verhindern, dass ihre Arbeit von Vorurteilen gegenüber Komponistinnen beeinträchtigt wurde. Sie schrieb zahlreiche „opéras bouffes“, von denen heute nur wenige bekannt sind. "La cabine téléphonique" entstand ungefähr zur selben Zeit wie Francis Poulencs "La voix humaine" nach Jean Cocteau. Während dieses berühmte Werk die dramatische und regelrecht zerstörerische Seite einer Liebe am Telefon auslotet, betrachtet Arrieu die Tücken der telefonischen Kommunikation mit leichterem Ton und komödiantischem Esprit (Libretto: Michel Vaucaire). Beide Werke zeigen, wie unterschiedlich sich die Geschichten menschlicher Beziehungen am selben technischen Medium entfalten können.
Eine weitere Wiederentdeckung ist Marguerite Monnot, eine hochbegabte klassische Pianistin, die am Pariser Conservatoire unter anderem bei Olivier Messiaen studierte. Später wandte sie sich dem Chanson zu und schrieb zahlreiche Hits für Édith Piaf, darunter das weltberühmte "Hymne à l’amour". Monnot und Piaf verband nicht nur eine enge künstlerische Zusammenarbeit, sondern auch eine persönliche Freundschaft, die bis zu Monnots Tod 1961 anhielt. Wenig später starb auch Piaf.
Doch Monnot war weit mehr als die musikalische Partnerin einer großen Chansonnière. Sie komponierte auch "Irma la Douce", zunächst für Gesang und Klavier. Der Jazzpianist, Komponist (unter anderem für France Gall) und Arrangeur André Popp formte daraus die Bühnenfassung, die am Pariser Théâtre Gramont zum großen Erfolg wurde und anschließend auch in London gefeiert wurde. Die spätere Verfilmung durch Billy Wilder mit Shirley MacLaine und Jack Lemmon machte den Stoff international bekannt. Die musikalische Leitung übernahm André Previn, dessen Name heute häufig mit der Filmmusik verbunden wird, während Monnots ursprüngliche kompositorische Leistung weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist. Sie starb zwei Jahre vor der Entstehung des Films – unter welchen Umständen sich Hollywood die Rechte an dem Material sicherte, ist nicht bekannt.
Ihr Leben und Werk sind bis heute nur unzureichend aufgearbeitet; eine umfassende Biografie fehlt. Auch die unterschiedlichen Überlieferungen zu den Umständen ihres frühen Todes werfen Fragen auf. Die Wiederentdeckung ihrer Musik ist deshalb zugleich eine Einladung, die Geschichte einer außergewöhnlich erfolgreichen Komponistin neu zu betrachten.
Dass Monnots Name in Darstellungen des Films häufig in den Hintergrund tritt, während Previn als musikalischer Urheber wahrgenommen wird, ist symptomatisch für die mangelnde Sichtbarkeit von Komponistinnen in der Musikgeschichte. Es geht deshalb nicht nur darum, eine vergessene Künstlerin wiederzuentdecken, sondern auch darum, ihre Leistung korrekt zu benennen und ihr den Platz in der Musikgeschichte zurückzugeben, der ihr zusteht.
Mit Madeleine Dring richtet sich der Blick nach Großbritannien. Die ausgebildete Oboistin und Komponistin gehörte zu den vielseitigen Musikerinnen ihrer Generation. Ihre "Cabaret Songs" sind ein grandioser Beitrag zu einer Form des leichten, aber gleichzeitig musikalisch anspruchsvollen, komischen Musiktheaters. Hinter den komischen Situationen verbergen sich häufig ernstere Fragen: nach Liebe und Selbstbehauptung, nach der gesellschaftlichen Stellung von Frauen und ihren Möglichkeiten im Berufsleben. Auch Drings Werke sind heute nur selten zu hören.
Die Reihe „Die lustigen Komponistinnen“ macht deutlich, wie viel musikalische Entdeckungsgeschichte noch zu schreiben ist. Sie bringt drei eigenständige künstlerische Positionen zusammen und fragt zugleich, warum die Werke erfolgreicher Komponistinnen so häufig aus dem Repertoire verschwinden. Mit Witz, musikalischer Vielfalt und kritischem Blick auf die Musikgeschichte lädt das Projekt dazu ein, vergessene Stimmen wieder hörbar zu machen.
- Ein Projekt von Jazz am Helmholtzplatz e.V..
- Konzept und Umsetzung: Regina Câmara.
Termine und Mitwirkende
4. Dezember 2026, 19.30 Uhr
Institut français / Maison de France, Salle Boris Vian
La cabine téléphonique – opéra bouffe von Claude Arrieu (deutsche Erstaufführung)
- Constance Grandperrin – La jeune fille (Sopran)
- Sarah Papadopoulou – La dame sentimentale (Sopran)
- Sarah van der Kemp – La vieille fille (Mezzosopran)
- Thomas Guilbert – Le gros monsieur (Bariton)
- Hartmut Schröder – L’expert en autographes (Tenor)
- Berthold Schindler – Le jeune homme timide (Tenor)
Dirigat: Aurélien Bello
Inszenierung und Ausstattung: Jasmin Solfaghari
Irma la Douce – Marguerite Monnot
The Occasional Trio unter der Leitung von Simon-Mary Vincent
- Ricarda Ulm – Irma
- Rolando Guy – Nestor
11. Dezember 2026, 19.30 Uhr
Institut français / Maison de France, Salle Boris Vian
La cabine téléphonique – opéra bouffe von Claude Arrieu
Cabaret Songs – Madeleine Dring
- Amanda Becker – Sopran
- Yvonne Gesler – Klavier
18. Dezember 2026, 20 Uhr
Brotfabrik
Irma la Douce – Marguerite Monnot
Cabaret Songs – Madeleine Dring
19. Dezember 2026, 20 Uhr
Brotfabrik
Das Lustige Komponistinnen Quartett
- Allan Praskin – Saxofon
- Uli Bartel – Violine
- Lars Gühlcke – Bass
- Jan Leipnitz – Schlagzeug
Eintritt: 15/10 Euro
Gefördert vom Hauptstadtkulturfonds
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