Eine Veranstaltung der Mosse Lectures an der Humboldt-Universität zu Berlin im Wintersemester 2026/27 — Aus der Reihe »Alone together. Figuren der Einsamkeit zwischen Pathologie und Euphorie«
»Gespenster«
– mit Joseph Vogl
Im Kino darf man einsam sein. In der Dunkelheit ist man umgeben von anderen. Aber man ist für sich. Man ist anwesend und abwesend zugleich. Vielleicht kommt daher die tiefe Verbindung zu all den Einsamen, den Flüchtigen, den Rächenden, den Suchenden. Zu all denen, die sich verloren haben und die noch einmal alle Kräfte zusammennehmen. Den Glücksuchern. Um solche Gestalten soll es in den Lectures gehen.
CHRISTIAN PETZOLD: Regisseur und Drehbuchautor; Nach seinem Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin sowie einer Ausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin [dffb] gelang Petzold mit »Die innere Sicherheit« [2000] der internationale Durchbruch. Zu seinen bedeutendsten Arbeiten zählen »Gespenster« [2005], »Yella« [2007], »Jerichow« [2008], »Barbara« [2012], »Phoenix« [2014], »Transit« [2018], »Undine« [2020] und »Roter Himmel« [2023]. Petzold und seine Filme wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Silbernen Bären für »Barbara« und mit dem Großen Preis der Jury der Berlinale für »Roter Himmel«. Im Jahr 2021 wurde ihm darüber hinaus das Bundesverdienstkreuz verliehen. Seine Filme kreisen immer wieder um Menschen, die aus ihrer bisherigen Lebenswelt herausgefallen sind, mit Verlust und Isolation umgehen und in der Begegnung mit anderen nach Nähe und einem neuen Anfang suchen. Sein jüngster Film »Miroirs No. 3« [2025] erzählt von einer jungen Pianistin, die nach dem Unfalltod ihres Partners bei einer fremden Familie Zuflucht findet. Seit 2025 ist Petzold Präsident der Viennale.
Die Vortragsreihe im Überblick
»Alone together. Figuren der Einsamkeit zwischen Pathologie und Euphorie«
Die Einsamkeit als unfreiwillige Form des Alleinseins zählt zu den großen Beunruhigungsfaktoren westlicher Industriegesellschaften. Nicht zuletzt die Erfahrungen der Pandemie haben die gesellschaftlichen Folgen sozialer Isolation sichtbar gemacht und ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Einsamkeit wird heute zunehmend als »Einsamkeitsbelastung« statistisch erfasst, als Symptom von »lost communities« diagnostiziert und als gesellschaftliches Risiko politisch adressiert. Gegenmaßnahmen reichen von sozialmedizinischen Präventionsprogrammen, nationalen Strategiepapieren bis zur Einrichtung eigener politischer Ämter. Die Allgegenwart der Einsamkeitsdiagnose bildet den Ausgangspunkt der Mosse Lectures im Wintersemester 2026/27.
Jenseits einer rein pathologischen Perspektive soll es um die grundsätzliche Ambivalenz von Einsamkeitserfahrungen gehen, wie sie bereits in der begrifflichen Differenzierung zwischen »Loneliness« und »Solitude« zum Ausdruck kommt. Figuren der Einsamkeit wurden und werden seit je in Philosophie, Literatur, Musik und bildender Kunst entworfen, wobei sie nicht nur als Ausdruck sozialer Isolation, sondern ebenso als Voraussetzung ästhetischer Erfahrung, existenzieller Selbstbefragung und individueller Freiheit in Erscheinung treten. Die Stichwortgeber:innen einer programmatischen, bisweilen euphorisch aufgeladenen Einsamkeit in der Moderne verbanden im 19. Jahrhundert den Rückzug in die Natur mit Projekten des Nature Writing
Die Mosse Lectures erkunden die Vitalität dieser Tradition in Literatur, Film und Populärkultur der Gegenwart und fragen insbesondere nach dem Verhältnis von »Eleanor Rigby« und »Lonesome Hero«, nach weiblichen, männlichen und queeren Figuren der Einsamkeit zwischen Isolation und Selbstbestimmung sowie nach den geschlechtsspezifischen, kulturellen und politischen Codierungen des Alleinseins.
Ergänzt wird die Vortragsreihe durch ein filmisches Begleitprogramm, das in Kooperation mit dem Zeughauskino am Deutschen Historischen Museum in Berlin an sechs Abenden im Januar und Februar 2027 zu sehen sein wird.
Weitere Veranstaltungen aus dieser Reihe:
– Janosch Schobin: »Einsamkeit, die soziale Frage unserer Zeit?« | Do., 5. November 2026
– Diane Enns: »The Ambiguity of Solitude« | Do., 3. Dezember 2026
– Jessica J. Lee: »The Wilder World: Retreating from the Peace and Quiet of Nature« | Do., 28. Januar 2027
Filmisches Begleitprogramm im Zeughauskino des DHM Berlin [Pei-Bau]:
12. Januar 2027, 19 Uhr
Die innere Sicherheit [D 2000, R: Christian Petzold]
19. Januar 2027, 19 Uhr
Certain Women [USA 2016, R: Kelly Reichardt]
26. Januar 2027, 19 Uhr
All of Us Strangers [GB/USA 2023, R: Andrew Haigh]
2. Februar 2027, 19 Uhr
Her [USA 2013, R: Spike Jonze]
9. Februar 2027, 19 Uhr
Perfect Days [D/Japan 2023, R: Wim Wenders]
16. Februar 2027, 19 Uhr
Days [Taiwan 2020, R: Tsai Ming-liang]
Zusätzliche Informationen
Informationen zur Barrierefreiheit
Der Senatssaal der Humboldt-Universität [Unter den Linden 6] ist barrierefrei zugänglich.
Teilnehmende Künstler:innen
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