Eine Gruppenausstellung mit Tomáš Rafa, Patrick Goddard und Xie Lei
Die multimediale Gruppenausstellung Challenge der drei Künstler Tomáš Rafa, Patrick Goddardund Xie Lei markiert ein Jahrzehnt seit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ 2015 in der EU. Gezeigt werden drei eindrückliche Werke unterschiedlicher Genres: dokumentarische Videografie,ein satirischer Kurzfilm und zeitgenössische figurative Malerei.
Die beteiligten Künstler wurden alle um 1980 geboren, stammen jedoch aus sehr unterschiedlichen Kontexten. Was sie hier verbindet, sind ihre Arbeiten zum Thema Migration und die Auseinandersetzung mit dem Gespenst von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Europa.
Der slowakische Künstler und Filmemacher Tomáš Rafa (geb. 1979, Žilina) ist bekannt für seine energiegeladenen Videoarbeiten – und Refugees Are Welcome Here (2020, überarbeitet 2023, 96 Minuten, Farbe, Ton) bildet keine Ausnahme.
Diese audiovisuelle Wucht dokumentiert „die dramatische Reise von Geflüchteten, gefangen im Spannungsfeld zwischen empathischen Freiwilligen und feindseligen staatlichen wie gesellschaftlichen Kräften“ und bietet „ein unmittelbares Erleben des Kampfes um Freiheit unter prekären Bedingungen“.
Was das Werk deutlich von Nachrichtensendungen unterscheidet, ist die offensichtlich gefährliche physische Nähe des Künstlers zu den Ereignissen.
Seine Methode, sich mitten ins Geschehen, in Konfliktzonen und Spannungsfelder zu begeben, lässt jede Illusion einer sicheren Beobachterposition zusammenbrechen. So stehen die Betrachter*innen sinnbildlich in den Schuhen des Künstlers, wenn sie Väter aus nächster Nähe sehen, die ihre verängstigten Kinder gegen einen improvisierten Grenzzaun drücken, oder in einer anderen Szene einer rechtsextremen Politikerfigur lauschen, die vor einer jubelnden, glatzköpfigen,fahnenschwenkenden Menge hasserfüllte Parolen ruft.
Rafa verzichtet bewusst auf Kommentare oder die tröstende Eindeutigkeit politisch-moralischer Urteile – eine Entscheidung, die ebenso bewusst wie umstritten ist. Sie wirft ethische Fragen auf: Die Gefahr, durch die Darstellung solcher Szenen selbst zur Reproduktion von Menschenrechtsverletzungen beizutragen – etwa durch Entmenschlichung, fehlende Zustimmung oder die Dramatisierung von Leid – ist real.
Doch einfach wegzusehen ist ebenso wenig eine Lösung. (Und sind moralische Skrupel womöglich nur der Wunsch der Privilegierten, nicht beunruhigt zu werden?) Auf einer grundlegenden Ebene bleibt Rafas Werk offen für Interpretation– und auch für mögliche Fehlinterpretationen. Doch gerade dieses Unbehagen ist das umkämpfteTerrain der Kunst; ihre Antwort auf Propaganda.
Kurze Interviews mit jungen, erschöpften Freiwilligen in Flüchtlingslagern und Hilfsstationen bilden einen wichtigen moralischen Bezugspunkt.
Der Kontrast zwischen Rafas schonungslosem Realismus und dem schwarzen Humor des britischen Künstlers Patrick Goddard (geb. 1984, London) könnte nicht deutlicher sein.
In seinem Kurzfilm Whoopsie’s Dream (2023, 20 Minuten, Farbe, Ton) karikiert der Künstler die kleingeistige, fremdenfeindliche Atmosphäre des britischen Vorstadtlebens aus der Perspektive von Whoopsie, einem plüschigen, bigotten kleinen Schoßhund, der sprechen kann. Der giftige, meinungsstarke Hund mit seiner rauen Stimme hält sich selbst für „G-O-D“, der über seine Miniaturwelt aus Modelleisenbahnen herrscht.
Begegnungen mit vermeintlichen äußeren Bedrohungen verwandeln sich in einen schleimigen Albtraum, in dem riesige Schlangen eindringen. In einer unvergesslichen Szene beobachtet Whoopsie heimlich eine Schneckenorgie und gesteht verbotene Begierden gegenüber dem sexualisierten „Anderen“.
Der dunkle Humor verbindet sich mit surrealen Bildern und typischbritischer Ironie – man denkt unwillkürlich an Monty Python, The Goodies (1970–1982) oder Peter Greenaways A Zed and Two Noughts (1985). Goddards Praxis umfasst neben Film auch Umweltskulptur und Installation.
Bei der Erstpräsentation des Films wurden gespenstisch vertraute Modellbauten englischer Dörfer gezeigt. Wie Whoopsie selbst bemerkt: „Das Zuhause definiert sich schließlich durch die Fähigkeit, die Anwesenheit anderer Lebewesen zu begrenzen.“
Den Abschluss des Trios bildet ein großformatiges, schillerndes Ölbild auf Leinwand von Xie Lei (geb. 1983, Huainan), der in Paris und Madrid lebt. Es trägt denselben Titel wie die Ausstellung: Challenge (2015).
Das Werk markiert innerhalb seines Œuvres eine Phase, in der seine Motive das geopolitische Weltgeschehen in Form von fragmentierten, teils widersprüchlichen Bildern reflektierten. Ursprünglich Teil seiner Einzelausstellung Sans Rivage (2015), zeigt Challenge einen Fischtrawler, dessen Deck voller Menschen ist – in leuchtendem Rosa gemalt, auf einem dunklen, bewegten indigoblauen Meer.
Das Werk ist unübersehbar inspiriert von den endlosen Bildernirregulärer Migration über das Mittelmeer. Eine eigentümliche Ambivalenz durchzieht das Bild,eine tiefe Traurigkeit, hervorgerufen durch die Gesichtslosigkeit der Figuren und die traumartige, zwischen Realität und Imagination schwebende Atmosphäre. Es handelt sich eindeutig um eine künstlerische Antwort: Kein unmittelbares politisches Statement steht im Vordergrund, trotz des ambivalenten Titels und des monumentalen, an Historienmalerei erinnernden Formats.
Wie ein Kommentator bemerkte, „weigert sich der Künstler, diese Ereignisse oder ihre manchmal tragische Unmittelbarkeit auszuschlachten; er erlegt sich selbst Distanz auf und nutzt die unendlichen Nuancen der Malerei, um sie auszudrücken.“ Die in der Ausstellung gestellte Challenge ist daher auch eine künstlerische: die Frage, mit welchen Mitteln eine subjektive Antwort auf eine komplexe Welt Gestalt annehmen kann.
- Text von Dominic Eichler, 2025
Zusätzliche Informationen
Teilnehmende Künstler
Xie Lei
Patrick Goddard
Tomáš Rafa
Termine
November 2025
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