ALEXANDER VON REISWITZ
Die analogen Schwarzweiß-Familienporträts verstehen Fotografie dabei nicht als Dokumentation, sondern als Setzung und stellen Fragen nach der Konstruktion von Wirklichkeit und der Kraft menschlicher Zuschreibung.
Das Besondere an Catching Strangers ist die enge Verschränkung von Bild und Sprache.
Dreiundzwanzig namhafte Autorinnen und Autoren haben die fotografischen Vorlagen aufgegriffen und ihnen fiktive Biografien eingeschrieben. Fotografie und Literatur begegnen sich hier als gleichwertige Formen der Welterzeugung. Die Texte erklären die Bilder nicht, sondern entwerfen eigene, parallele Erzählwelten, in denen die Fotografie etwas behauptet und der Text widerspricht. Es entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen fotografischer Setzung und literarischer Imagination, das über die bloße Illustration weit hinausgeht.
Manche Themen in den Geschichten sind ganz weltlich: Bei der für ihre sprachgewaltige Prosa gefeierten Autorin Mariana Leky ist das Foto das letzte, das vom japanischen Familienvater mit seinen 102 Jahren gemacht wurde. Die leicht skurrile Stimmung, die wir aus den Romanen von Leky kennen, sie findet sich auch in dieser kurzen, warmherzigen Geschichte über das unaufhaltsame Ende eines alten Mannes. Die Berliner Romanautorin Ulla Lenze hat dagegen aus ihrer Geschichte ein kleines Märchen gemacht, ein Gegenmodell zur nimmersatten Ilsebill im „Fischer und seiner Frau“. Ein Fischer, der Fisch und eine Frau liebt, sie aber liebt nur ihn und keinen Fisch.
Am 6. Juni 2026 findet im Roten Salon der Volksbühne Berlin die Berliner Buchpremiere von Catching Strangers – The Family Constellation Project im Rahmen von Parole Text:Buch statt. Der Abend überführt das Prinzip des Bildbandes in eine einmalige Bühnenform und folgt dabei keiner linearen Erzählung. Er nähert sich dem, was wir Wirklichkeit nennen – tastend, ohne Sicherheitsnetz. Die beteiligten Autorinnen und Autoren lesen ihre Texte an diesem Abend selbst. Für einen Moment scheint die Welt dann näher zu rücken: Stimmen aus unterschiedlichen literarischen Perspektiven treffen auf Bilder, die sich einer festen Zuordnung entziehen. Kurze reale Beobachtungen und Anekdoten aus dem Entstehungsprozess der Fotografien und den Begegnungen mit ihren zufälligen Protagonisten lassen etwas von der Wahrheit und Wahrhaftigkeit dieser Momente durchscheinen. Klang öffnet die Zwischenräume.
WENN FREMDE ZUR FAMILIE WERDEN
- Berliner Buchpremiere
- 6. Juni 2026
- 20 Uhr
- Roter Salon der Volksbühne Berlin
Mit u. a. Felicitas Hoppe, Ulrike Draesner, Mariana Leky, Nicol Ljubić, Ulla Lenze,
Anna Katharina Hahn, Verena Jütte, Marjana Gaponenko sowie Christian Stahlhut.
Der Abend eröffnet mit einem eigens für Catching Strangers geschriebenen Text von John Burnside, gelesen von seinem langjährigen Übersetzer Bernhard Robben.
Klang: Matthias Millhoff
Konzept und Fotografie: Alexander von Reiswitz
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