Mehr als 30 Beiträge und künstlerische Positionen erzählen von Club-, Sub- und Jugendkultur in Berlin und Ostdeutschland vor, während und nach der Wiedervereinigung.
Persönliche Erinnerungen, Fotografien, Filme, Oral Histories, Objekte sowie private und institutionelle Archive richten den Blick auf unterschiedliche Erfahrungen der Umbruchsjahre.
Was geschah auf den Tanzflächen, während eine Gesellschaft neu geordnet wurde? Welche Räume und Gemeinschaften bestanden bereits vor 1989? Was entstand in den Freiräumen der Nachwendezeit? Wer konnte diese Freiheiten nutzen, wer erlebte Verlust, Gewalt oder Ausschluss? Und welche Geschichten fanden Eingang in das kulturelle Gedächtnis?
Die Ausstellung entwirft kein lineares Narrativ. Sie bringt Erfahrungen zusammen, die gleichzeitig existierten: Aufbruch und Desintegration, Freiheit und rechte Gewalt, neue Gemeinschaften und Ausschluss, Aneignung und Enteignung.
Im Mittelpunkt stehen dabei auch ostdeutsche Perspektiven jenseits Berlins sowie Schwarze, migrantische, queere und weibliche Perspektiven, die in den bekannten Erzählungen über Clubkultur und Nachwendezeit bislang wenig Raum erhalten haben.
Der Raum als Teil der Erzählung
In eigens für den Ort entwickelten Arbeiten von dem bekannten Lichtkünstler Lars Murasch, der DJ und Produzentin Cecilia Tosh und dem Medienkünstler Jascha Müller-Guthof verbinden sich Licht, Sound und Videofragmente zu einer immersiven Raumerfahrung.
Muraschs Lichtinstallation greift die rohe Architektur der verborgenen Kellergewölbe des Kraftwerk auf und erinnert an jene temporären Orte, Leerstände und angeeigneten Brachen, in denen sich Clubkultur während der Umbruchsjahre entfaltete.
In ihrer mehrkanaligen Soundinstallation „Sediment“ reagiert Cecilia Tosh auf die Resonanz und die sichtbaren Spuren des Raumes. Gesampelte Stimmen und Originalaufnahmen aus Archiven verbinden sich mit Fragmenten von Gefühlen und Erinnerungen aus der Club- und Subkultur rund um die Zeit des Mauerfalls. Eine installative Video-Collage von Jascha Müller-Guthof erweitert die Raumerfahrung um eine visuelle Ebene. So wird der unterirdische Raum selbst zum ersten Teil der Ausstellung und eine Annäherung an die Gleichzeitigkeit vieler Realitäten zwischen Umbruch und Aufbruch geschaffen.
Clubkultur vor und nach 1989
Die Ausstellung beginnt nicht erst mit dem Mauerfall. Fotografien der Leipziger Fotografin Christiane Eisler dokumentieren die Punk-Szene der DDR in Konzerten, privaten Räumen und selbst geschaffenen Treffpunkten.
Materialien aus dem Jugendclub EXTREM in Lugau erzählen von einem überregional bedeutenden Ort der Punk-, Post-Punk-, New-Wave- und Independent-Szene. Fotografien, Flyer, Dokumente und Erinnerungen zeichnen seine Geschichte von der Mitte der 1980er-Jahre bis in die Nachwendezeit nach. Sie zeigen, dass wichtige Vorgeschichten ostdeutscher Clubkultur auch abseits der Metropolen entstanden.
Der Beitrag von Sebastian Wischmann führt nach Wismar. Milchbars, Ferienlagerdiscos, Jugendclubs, Studentenkeller und die Säle der Seemannsfrauenheime erscheinen als Orte des Tanzens und des kulturellen Austauschs. Selbst gebaute Lautsprecher und improvisierte Lichtanlagen verweisen auf Praktiken, die nach 1989 in verlassenen Fabriken, Kellern und auf freien Flächen weiterlebten.
Deindustrialisierung, Transformation und neue Freiräume
Weitere Beiträge führen nach Chemnitz beziehungsweise Karl-Marx-Stadt, Jena, Dresden, Haldensleben und Apolda. Jugendclubs, ehemalige Industrieanlagen, Dorfsäle und improvisierte Veranstaltungsorte werden als Räume der Selbstorganisation und der Auseinandersetzung mit einer radikal veränderten Gesellschaft sichtbar.
Das Theaterkollektiv Panzerkreuzer Rotkäppchen verbindet mit „TreuhandTechno“ elektronische Musikkultur mit Deindustrialisierung und den sozialen Folgen der Treuhandpolitik. Historische Objekte, Interviews, Soundarbeiten und Archivmaterial zeigen, wie Tanzflächen dort entstanden, wo Betriebe, Arbeitsplätze und vertraute gesellschaftliche Strukturen verschwanden.
Eine Multiscreen-Installation von Christian Gesellmann erzählt die Geschichte des Kassablanca in Jena. Sie führt von Jugendkultur und musikalischen Aufbruch der 1970er-Jahre über Punk und oppositionelle Subkultur bis zu den Freiräumen, Brüchen und Aneignungen der Nachwendezeit.
In der Fotoserie „Hecht“ begleitet Lysann Buschbeck Jugendliche im Dresdner Hechtviertel von den 1990er- bis in die Mitte der 2000er-Jahre. Ihre Bilder erweitern die Erzählung von Freiheit und Aufbruch um soziale Unsicherheit, zerbrechende Strukturen und die Suche nach eigenen Gemeinschaften.
Ein weiterer Beitrag erzählt am Beispiel des Jugendfreizeitzentrums „Der Club“ in Haldensleben von der Entstehung einer ostdeutschen Hardcoreszene, ihren internationalen Verbindungen, der Konfrontation mit rechter Gewalt und dem Verschwinden subkultureller Räume in ostdeutschen Kleinstädten.
Berlin zwischen Hausbesetzungen und temporären Clubs
Historische Film- und Videoaufnahmen von Mark Reeder führen in die Musik- und Subkulturen Ost- und West-Berlins vor dem Mauerfall. Sie zeigen, dass die kulturellen Entwicklungen nach 1989 auf bereits bestehenden Szenen, musikalischen Netzwerken und Orten aufbauten.
Archivmaterialien zum Schizzo-Tempel und zur Mainzer Straße erzählen von der Hausbesetzer*innenbewegung und den selbstorganisierten Räumen im Ost-Berlin der frühen 1990er-Jahre. Improvisierte Clubs, Bars, besetzte Häuser und Kulturorte verbanden politische Selbstorganisation mit neuen Formen des Zusammenlebens und Feierns.
Beiträge aus dem Umfeld von Tresor und Fischbüro führen zu Orten, an denen sich Ost- und West-Berliner*innen begegneten und neue ästhetische und soziale Verbindungen entstanden. Der Filmemacher und Archivar Ulli Happe zeigt historische Aufnahmen von besetzten Häusern, dem Tacheles, der East Side Gallery, der Mutoid Waste Company sowie der Techno- und Underground-Szene der 1990er-Jahre.
Interviews, Musik, Videos und Archivmaterial zur Geschichte des E-Werk erzählen von einem zentralen Club der frühen 1990er-Jahre, aber auch von der zunehmenden Kommerzialisierung der Berliner Clubkultur. Der Dschungel und das Delicious Doughnuts Research erweitern die musikalische Perspektive um Disco, Acid Jazz, Soul, Rare Grooves, House und Trip-Hop.
Der Film „Klub 2000 – Rom, Paris, Marzahn“ von Nina Fischer und Maroan el Sani reflektiert die Codes, Versprechen und die beginnende Verdrängung der Berliner Clublandschaft und Gentrifizierung.
Schwarze, migrantische und queere Perspektiven
Der Kulturtheoretiker Alexander G. Weheliye betrachtet die Wiedervereinigung und die Berliner Clubgeschichte aus Schwarzer und autobiografischer Perspektive. Sein Videoessay verbindet die Gewalt der frühen 1990er-Jahre mit der Frage, welche Schwarzen und migrantischen Erfahrungen aus der Geschichtsschreibung von Techno und Clubkultur ausgeblendet wurden.
Gayhane, die seit 1999 im SO36 stattfindende queere Partyreihe, steht für eine Berliner Clubgeschichte, in der Migration, Queerness, diasporische Erfahrungen und Community zusammenkommen. Dekorationen, Musik und Stimmen aus dem Umfeld der Reihe zeigen, wie Gayhane Vorstellungen davon erweitert hat, wer Berliner Clubkultur prägt und welche Musik auf ihren Tanzflächen stattfindet.
Die Forscherin Verda Kaya widmet sich der Berliner Hip-Hop-Kultur, die seit den 1980er-Jahren von Menschen unterschiedlicher Herkunft geprägt wird. Stimmen aus der Szene erzählen von Hip-Hop zwischen neuen Freiräumen, gesellschaftlichem Umbruch und rassistischer Gewalt. Weitere Beiträge stellen die Nachwendezeit in Beziehung zu den Schwarzen musikalischen Ursprüngen von Techno in Detroit und hinterfragen die Vorstellung einer ausschließlich deutschen oder weißen Ursprungsgeschichte.
Beteiligte
Zu den beteiligten Künstlerinnen, Autorinnen, Zeitzeuginnen, Wissenschaftlerinnen, Projekten und Archiven gehören:
Alexander Ghedi Weheliye, Anna Seifert & Josephine "Pepita" Niang, Archiv der Jugendkulturen & Daniel Schneider, Brox +1, Björn Reichardt, CaptCha (Richard Haufe-Ahmels, Jonin Herzig, Paul Marwitz-Seyffert), Cecilia Tosh, Christiane Eisler, Dariya Susak & Ann Titovets aka Intektra, Delicious Doughnuts Research Group, Eberhard Elfert, E-Werk Preservation, Gayhane & Ipek Ipekcioglu aka Dj Ipek, Gerriet Schultz, Jascha Müller-Guthof, Jugendclub EXTREM (Alexander Kühne, Henri Manigk & Frank Kiesewetter), Kassablanca (Christian Gesellmann & Till Morgenfrüh), Kunstkopf, Lars Murasch, Lena Szankay & Matías Maroevic, Lysann Buschbeck, Mark Reeder, Martin Conrads, Nachtarchiv Chemnitz, Nina Fischer & Maroan el Sani, Paul Snowden, Romy Jaehnig, Schwules Museum, Sebastian Wischmann, Sophie Yukiko, Soundwatch Music Film Festival, Thale Reitz, Theaterkollektiv Panzerkreuzer Rotkäppchen (PKRK), Tresor Records Archive, Uli Happe, Ulrich Gutmair & Mo Loschelder, Verda Kaya.
Die Ausstellung wird kuratiert und produziert von:
Katharin Ahrend & Lisa Weinhold von der Clubcommission Berlin e.V.
Zusätzliche Informationen
- Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 15:00 bis 21:00 Uhr
- Finissage: 9. November 2026, ab 17:00 Uhr