Andrea Damp: Malerei zwischen Erinnerung, Natur und freier Form
Bevor Andrea Damp sich gänzlich der Malerei zuwandte, studierte sie von 1997 bis 1998
Philosophie und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. Anschließend wechselte sie an
die Universität der Künste Berlin und studierte dort Freie Kunst bei Hans-Jürgen Diehl. Bereits während ihres Studiums erhielt sie das Stipendium der Dorothea-Konwiarz-Stiftung für Malereimund arbeitete von 2001 bis 2003 als Assistentin ihres Professors. Nach ihrem Abschluss im Jahr 2004 führte sie ein Stipendium an die Glasgow School of Art. 2005 beendete sie ihr Studium an der Universität der Künste als Meisterschülerin von Hans-Jürgen Diehl.
Die Verbindung von theoretischer Reflexion und praktischer Erfahrung im Atelier prägt ihr Werk bis heute. Andrea Damp betrachtet Malerei nicht bloß als Mittel, um eine bestimmte Vorstellung möglichst genau wiederzugeben. Das Bild entsteht vielmehr in einem offenen Prozess, in dem Farbe, Linie, Fläche, Raum und Figuration immer wieder neu aufeinander reagieren. Kunsthistorisches Wissen und Naturerfahrung ergänzen sich dabei, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren.
In den Jahren nach ihrem Studium wurde Damps künstlerische Entwicklung durch zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen honoriert. Sie erhielt unter anderem das Elsa-Neumann- Stipendium (NaföG) des Berliner Senats, das Cranach-Stipendium der Stadt Wittenberg und das Karl Hofer Stipendium. 2010 wurde ihr der Dorothea-Konwiarz-Preis für Malerei verliehen, 2014 gehörte sie zu den Preisträgerinnen des zwölften Kunstpreises Tempelhof-Schöneberg. Von 2014
bis 2017 lehrte Andrea Damp Malerei an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in
Hamburg. Eine weitere wichtige Station war 2019 ihr Aufenthalt als Artist in Residence in der Budapest Art Factory.
Seit ihrem Studienabschluss wurde Andrea Damps Werk in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland und im internationalen Raum gezeigt. Bereits 2009 widmete ihr das Richard Haizmann Museum in Niebüll die Ausstellung „Pulsschlag der Farbe“.
2017 kehrte sie mit der Einzelausstellung „Magnificat“ an diesen Ort zurück. Weitere Einzelausstellungen führten sie unter anderem nach Frankfurt, Düsseldorf, Göttingen, Göteborg, Viborg, Stockholm und Berlin. Ihre Arbeiten wurden zudem auf internationalen Kunstmessen wie der Art Karlsruhe, der POSITIONS Berlin Art Fair, der VOLTA Basel, der Luxembourg Art Week und der Art Miami präsentiert.
Werke von Andrea Damp befinden sich heute in vielen öffentlichen und institutionellen Sammlungen. Dazu zählen die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, die Sammlung im
Willy-Brandt-Haus, das Museum für Aktuelle Kunst – Sammlung Hurrle, der Museumsberg Flensburg sowie verschiedene kommunale und regionale Sammlungen in Schweden.
Die Ausstellung GLIMMER in der janinebeangallery in Berlin führt großformatige Gemälde aus den Jahren 2015 bis 2017 mit neuen Arbeiten aus dem Jahr 2026 zusammen. Rund zehn Jahre liegen zwischen den Werkgruppen, dennoch wird keine lineare Entwicklung von einem früheren zu einem vermeintlich sublimeren Stil abgebildet. Die älteren Bilder erscheinen nicht als
abgeschlossene Vorstufen, die vom aktuellen Werk überwunden worden wären. Die Gegenüberstellung macht vielmehr sichtbar, dass in diesen Arbeiten bereits Möglichkeiten angelegt waren, die Andrea Damp heute erneut aufgreift. Was sich in den früheren Gemälden als spannungsreiche Verbindung von Figuration und freier malerischer Form zeigt, erhält in den neuen Arbeiten eine veränderte Gewichtung. Erzählerische Hinweise werden sparsamer gesetzt.
Farbe, Oberfläche, Rhythmus und räumliche Spannung gewinnen an Eigenständigkeit.
„Die Räume, das Kolorit werden erst möglichst spät geschlossen“, sagt Andrea Damp über ihre
Arbeitsweise.
Dieser Satz führt unmittelbar in das Zentrum ihrer Malerei. Am Anfang steht keine Geschichte,
die anschließend illustriert wird. Zunächst entwickelt sich ein Bild aus Farbe, Linie, Fläche, Struktur und Kontrast. Flüssige und transparente Farbschichten treffen auf dichtere Partien, Formen entstehen, werden überarbeitet, verdeckt oder wieder freigelegt. Über lange Strecken bleibt offen, ob sich aus diesen Vorgängen eine Landschaft, eine Figur oder eine erzählerische Situation bilden wird. Erst im Verlauf des Malens entscheidet sich, welche Elemente Bestand
haben. Figuren, Tiere, Pflanzen oder architektonische Fragmente können Beziehungen herstellen und dem Bild eine Richtung geben, sie erscheinen jedoch nicht wie nachträglich eingefügte Motive. Sie wachsen aus dem malerischen Geschehen heraus und bleiben mit ihm verbunden.
Mitunter verzichtet Andrea Damp bewusst auf eine abschließende gegenständliche Verdichtung. Dann tragen Farbe, Oberfläche und räumliche Bewegung das Bild nahezu allein. Figuration und Abstraktion stehen sich in ihrem Werk insofern nicht als Gegensätze gegenüber, sondern gehören zu demselben Verfahren der Bildfindung.
Diese Offenheit ist keine Unentschlossenheit, vielmehr entsteht sie durch einen langen und konzentrierten Arbeitsprozess. Andrea Damp hält verschiedene Möglichkeiten so lange wie möglich im Bild, bevor einzelne Entscheidungen verbindlich werden. Ihre Gemälde können deshalb zugleich präzise und schwer greifbar erscheinen. Etwas tritt hervor, bleibt für einen Moment sichtbar und entzieht sich einer eindeutigen Benennung.
Die großformatigen Arbeiten der Jahre 2015 bis 2017 führen dieses Prinzip in besonderer Dichte vor. In „Das große Welttheater“ von 2015 überlagern sich vegetabile Formen, Körperfragmente, lineare Bewegungen und farbige Felder. Die Komposition besitzt keinen ruhenden Mittelpunkt und der Blick wandert durch ein komplexes Geschehen, in dem sich einzelne Erscheinungen zeigen, verdecken und neu miteinander verbinden. Der
kulturgeschichtlich aufgeladene Titel erinnert an die Vorstellung der Welt als Bühne. Andrea Damp entwirft jedoch kein geordnetes Schauspiel mit klar verteilten Rollen. Ihr Welttheater ist eine kaum zu überblickende Gleichzeitigkeit in der Natur, Körper, Raum und malerische Form miteinander in Beziehung treten, ohne sich einer abgeschlossenen Erzählung zu unterwerfen.
Auch „Halbschlaf“ von 2017 bezeichnet keinen genau bestimmbaren Ort, sondern einen Zustand eingeschränkter Gewissheit. Helle Körperformen, dunkle Linien und farbige Partien treten hervor, lösen sich wieder auf und fügen sich nur vorübergehend zu einer möglichen Szene. Der Titel entspricht der Erfahrung, die dem Bild zugrunde liegt: Im Halbschlaf erscheinen Wahrnehmungen deutlich und verwandeln sich doch im nächsten Augenblick. Andrea Damp manifestiert diesen Schwebezustand, ohne ihn zu fixieren. Das Gemälde bleibt präzise in seinen malerischen Entscheidungen sowie offen in dem, was diese Entscheidungen darstellen könnten.
Die neuen Arbeiten aus dem Jahr 2026 knüpfen an dieses Fundament an, ohne die ältere Werkgruppe zu wiederholen. Die erzählerischen Details treten zurück, während Andrea Damp noch stärker auf die Eigenkraft der Malerei vertraut. Farbe dient nicht allein dazu, einen Gegenstand sichtbar zu machen, sie wird selbst zum Ereignis. Oberflächen öffnen und verschließen sich, räumliche Tiefen entstehen und werden im nächsten Moment wieder aufgehoben.
„Wie die Erinnerung es will“ von 2026 zeigt einen Seerosenteich. Das Motiv ist unverkennbar und fügt sich dennoch nicht zu einer konventionellen Landschaft. Seerosenblätter und Blüten liegen deutlich umrissen auf einer dunklen Wasserfläche. Darüber verdichten sich schwarze, gelb konturierte Formen zu einem kaum bestimmbaren Ufer, einer Spiegelung oder einer sich auflösenden Vegetation. Die räumlichen Verhältnisse bleiben unsicher, denn Nähe und Ferne greifen ineinander. Der Blick findet keinen festen Standpunkt, sondern bewegt sich zwischen erkennbaren Dingen und offenen malerischen Zonen. Erinnerung erscheint hier nicht als zuverlässige Aufbewahrung eines vergangenen Anblicks. Sie wird zu einer schöpferischen Kraft, die auswählt, verstärkt, auslässt und neu zusammensetzt. Das Bild erinnert weniger an einen konkreten Ort als an die Art, wie ein Ort im Gedächtnis fortlebt und bei jeder Rückkehr eine
leicht veränderte Gestalt annimmt.
Auch in den kleinen Formaten verdichtet sich diese Offenheit. „Poker Face“, nur 15 mal 15 Zentimeter groß, verlangt gerade aufgrund seiner geringen Ausdehnung eine unmittelbare Nähe des Betrachters. Eine maskenhafte Figur erscheint in einem dunklen, bewegten Farbraum, ihr Gesicht bleibt verschlossen. Es ist unklar, ob sie sich schützt, eine Rolle übernimmt oder lediglich für einen kurzen Moment aus der Malerei hervortritt. Der Titel verweist auf ein Gesicht, das seine Regungen nicht preisgibt und beschreibt zugleich die Haltung des gesamten Bildes, denn es zeigt etwas und bewahrt dennoch sein Geheimnis. Erst aus kurzer Distanz werden die Spuren des Malens, die Überlagerungen und die feinen Veränderungen der Oberfläche sichtbar.
In „The Lucky Ones“ stehen zwei pilzartige Gestalten nebeneinander in einem hellen, von Linien, Farbspritzern und durchscheinenden Schichten bestimmten Raum. Sie wirken zugleich komisch, verletzlich und beharrlich. Zwar klingt der Titel wie eine Auszeichnung, er lässt jedoch offen, worin das Glück dieser beiden Figuren bestehen könnte. Andrea Damp setzt einen erzählerischen Impuls, ohne ihn aufzulösen, indem die Figuren eine mögliche Geschichte eröffnen, anstatt sie zu Ende zu erzählen. Gerade darin liegt ein charakteristischer Zug ihres Werkes, in dem auch ein klar erkennbares Motiv einen Überschuss besitzt, der sich nicht in seiner Benennung erschöpft.
Der Titel GLIMMER verbindet die unterschiedlichen Werkgruppen und Erfahrungen dieser Ausstellung. Glimmer bezeichnet keine einzelne Substanz, sondern eine Gruppe von Mineralen, die aus feinen, übereinanderliegenden Schichten bestehen. Ihre Oberflächen reagieren auf das Licht und verändern je nach Blickwinkel ihre Erscheinung. Auch Andrea Damps Gemälde entstehen aus Schichtungen, in denen Farbe aufgetragen, übermalt, durchbrochen oder erneut freigelegt wird. Einzelne Elemente behalten ihre Eigenständigkeit und entwickeln im Zusammenspiel eine Wirkung, die sich keinem Bestandteil allein zuschreiben lässt.
Zugleich besitzt der Begriff eine zweite, gegenwärtige Bedeutung. Als „Glimmers“ werden im Englischen kleine alltägliche Augenblicke bezeichnet, die unerwartet Freude, Ruhe oder ein Gefühl von Sicherheit auslösen können. Sie bilden flüchtige Gegenbilder zu Erfahrungen, die Unruhe oder Angst hervorrufen. In Andrea Damps Malerei erscheinen solche Momente nicht als ungetrübte Idylle und zeigen sich als Lichtpunkte innerhalb komplexer und mitunter dunkler Bildwelten. Sie können in einer Blüte liegen, in einer eigentümlichen Figur, in einem überraschenden Farbklang oder in jener kaum erklärbaren Vertrautheit, die ein Bild plötzlich auslösen kann.
GLIMMER beschreibt damit sowohl die materielle als auch die emotionale Erfahrung dieser Werke. Ihre Erscheinung verändert sich mit dem Licht, der Entfernung und der Dauer der Betrachtung. Aus der Nähe treten Linien, Übermalungen und Oberflächen hervor und mit größerem Abstand können sich Landschaften, Figuren und räumliche Zusammenhänge bilden.
Keine dieser Wahrnehmungen ist endgültig, denn die Gemälde erschöpfen sich weder in einem einzigen Blick noch in einer eindeutigen Erklärung. Sie behalten etwas zurück und gewinnen gerade dadurch an Präsenz.
Die Gegenüberstellung der Werke Andrea Damps aus den Jahren 2015 bis 2017 mit den neuen Arbeiten von 2026 zeigt deshalb keinen abgeschlossenen Wandel. Sie macht die Konsequenz einer Malerin sichtbar, die ihre eigenen Verfahren nach Jahren erneut befragt und darin ein weiterhin wirksames Potenzial freilegt.
Die älteren und die neuen Bilder erklären einander nicht, sie verändern den Blick aufeinander. Zwischen ihnen entsteht ein Raum, in dem sich Kontinuität und Erneuerung, Erinnerung und Gegenwart, Figuration und freie malerische Form begegnen. Gerade im Original wird erfahrbar, worauf Andrea Damps Kunst beruht: auf der Gleichzeitigkeit von materieller Präsenz und bildlicher Vorstellung. Ihre Gemälde sind abgeschlossen, ohne sich zu verschließen. Sie tragen die Fähigkeit in sich, mit jeder Begegnung anders zu erscheinen und über lange Zeit neue Wahrnehmungen freizusetzen.
Zusätzliche Informationen
Andrea Damp: GLIMMER
28. August bis 17. Oktober 2026
Vernissage: 28. August 2026, 18 bis 20 Uhr
janinebeangallery, Torstraße 154, 10115 Berlin
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