Siebrand Rehberg kam 1969 nach West-Berlin, absolvierte 1971–1973 seine Ausbildung am Lette-Verein und wurde Schüler von Michael Schmidt. Als freier Bildjournalist (u. a. für Die Zeit und Der Spiegel) und später als wissenschaftlicher Fotograf an der TU Berlin dokumentierte er vor allem seinen eigenen Kiez: Kreuzberg SO 36. Der Bezirk war damals auf drei Seiten von der Mauer umschlossen – ein „Hinterhof West-Berlins“, geprägt von Kriegsruinen, drohenden Kahlschlagsanierungen, verfallenen Fassaden und dem täglichen Leben direkt am Todesstreifen.
Rehbergs Bilder zeigen keine großen Helden, sondern die Menschen, die den Alltag der Aufbruchzeit prägten: spielende Kinder auf Abrissgeländen und vor der Mauer, Freaks mit Baby im Arm, türkische Gastarbeiterfamilien, Hausbesetzer, ein bepackter VW-Bus für die Heimreise in die Türkei, Mülltonnenreihen und verbotene Grenzschilder. Mit feinem Gespür für Licht, Komposition und menschliche Würde fängt er den „Riss der Zeit“ ein – jenen zerbrechlichen Moment zwischen Teilung, Verfall und gesellschaftlichem Wandel.
Der Sammler Marc Barbey schrieb 2014 zur ersten großen Präsentation der Serie „Signale des Aufbruchs“ (Collection Regard): „Ich habe selten Bilder der Berliner aus den Siebzigern von solcher Qualität gesehen.“
Heute, mehr als 35 Jahre nach dem Mauerfall, gewinnen diese Aufnahmen eine neue, drängende Aktualität. Während die Berliner Mauer weltweit als Symbol der Überwindung von Teilung gefeiert wird und ihre verbliebenen Reste weiterhin Touristen aus aller Welt anziehen, entstehen anderswo neue Mauern und Zäune – an Grenzen, in Städten, in Köpfen. Rehbergs Fotos erinnern uns daran, dass physische Barrieren fallen können, der „Riss der Zeit“ jedoch in veränderter Form fortbesteht: als Mahnung an die Zerbrechlichkeit von Freiheit und Zusammenhalt.
Die Ausstellung spannt so einen eindrucksvollen Bogen über fünf Jahrzehnte und macht Rehberg als einen der authentischsten Streetfotografen des Berliner Aufbruchs sichtbar.
Zusätzliche Informationen
Vernissage:
Donnerstag, 23. April 2026, 18:00 Uhr
Öffnungszeiten:
Samstag, 15 - 18:00 Uhr
Sonntag, 15 - 18:00 Uhr
und nach Verabredung