Die „Mutprobe“ wird gefilmt und über soziale Netzwerke weiter an andere Mitschüler und schließlich auch an Alex gesendet. Am nächsten Tag betritt er bewaffnet die Schule, um zu erreichen, dass die Mitschüler gestehen ihn zu der Tat gezwungen zu haben. Sein Vorhaben misslingt. Nachdem er mehrere Stunden in einem Klassenraum eingeschlossen verbracht hat, will er sich das Leben nehmen. Hier setzt das Stück an: Alex beginnt zu erzählen.
Alex ist Erzähler und Protagonist zugleich. Von dem Moment an, in dem er die Waffe ansetzt, springt das Stück zurück — einige Monate in die Vergangenheit. Ab da führt er das Publikum als „wissender Erzähler" durch seine Geschichte: Er kennt den Ausgang, er kann sein eigenes Handeln kommentieren und reflektieren, und er kann auch die Motive der anderen benennen, die er damals nicht kannte oder nicht verstehen wollte.
Wir begegnen seiner Mutter, die glaubt, eine fürsorgliche Mutter zu sein, und es vielleicht auch ist — auf ihre Art.
Die Zuschauenden begegnen seinem Vater, den Alex verachtet und dem er um keinen Preis ähnlich werden will. Sie begegnen Jeanette, in die Alex heimlich verliebt ist und die zur Clique gehört, die ihn mobbt — ohne selbst zuzuschlagen, aber ohne einzugreifen. Und sie sehen, wie Alex in einer überhöht dargestellten Jahrmarktsszene das Publikum direkt anspricht und in die Logik des „Stärkeren gegen den Schwächeren" hineinzieht.
Die Szenen fließen ineinander. Zwei Schauspieler*innen spielen alle Rollen — eine Darstellerin übernimmt sämtliche weiblichen Figuren, der Darsteller verkörpert durchgehend Alex. Nach der letzten Spielszene wenden sich beide direkt an das Publikum.
Themen
Das Stück stellt keine einfachen Fragen — und gibt erst recht keine einfachen Antworten. Die Figur des Alex ist bewusst ambivalent angelegt: Er ist Opfer langjähriger Demütigungen und gleichzeitig jemand, der einem wehrlosen Menschen Schaden zugefügt hat, der Menschen als Geiseln genommen hat, der mit einer Waffe in eine Schule gegangen ist. Beides ist wahr. Das Stück zwingt dazu, beides gleichzeitig im Blick zu behalten.
Daneben stehen konkrete Fragen, die das Stück durchziehen: Was macht jahrelange Sprachlosigkeit mit einem Menschen — und warum lernen manche Jugendliche nie, über sich zu sprechen? Wo liegt die Grenze zwischen Zuschauen und Mitverantworten? Was bedeutet es, Teil einer Gruppe zu sein, die jemanden ausgrenzt — auch wenn man selbst nie zuschlägt? Welche Rolle spielen Handyvideos und soziale Netzwerke, wenn aus einem lokalen Konflikt innerhalb von Stunden etwas Öffentliches wird? Und was meint jemand, wenn er sagt, er wolle sich „Gerechtigkeit verschaffen"?
Diese Fragen sind nicht neu. Aber sie haben sich verändert — durch die Geschwindigkeit digitaler Kommunikation, durch den Druck, den Schulabgänger heute erleben, und durch eine Öffentlichkeit, die bei Gewalt an Schulen reflexartig nach einfachen Erklärungen sucht. Das Stück verweigert diese Erklärungen.
Zusätzliche Informationen
Informationen zur Barrierefreiheit
Das KungerKiez Theater ist barrierefrei für Rollstuhlfahrende zugänglich. Es gibt eine barrierefreie Toilette.
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