Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum
Mein Lieblingsstück aus den Sammlungen
Das Aleppo-Zimmer im Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum
Ich habe viele Jahre in Syrien gewohnt und geforscht und hunderte Häuser besucht: Das Aleppo-Zimmer ist einmalig. In die Jahre 1601/1603 datiert, ist es die älteste und künstlerisch wertvollste Wandvertäflung aus dem Osmanischen Reich. Bald wird es endlich wieder zu sehen sein:
Das weltberühmte Pergamonmuseum feiert am 4. Juni 2027 die Wiedereröffnung zu großen Teilen.
Ein Fest für die Sinne
Das reiche Bildprogramm und die fein kalligraphierten Texte boten reichliche Themen für kultivierte Zerstreuung. So unterhalten uns Ringkämpfer und Gauklerdarstellungen. Prächtige Pfauen, Paradiesvögel, und andere Tiere beleben die Wände. Chinesisch aussehende Fabelwesen, wie der mystische Vogel Simurgh als Phönix oder ein geflügelter Löwendrache führen in eine phantastische Tierwelt. Die Augen bleiben auch an christlichen-biblischen Themen hängen: das letzte Abendmahl, Maria mit dem Kind im Tempel, die Opferung Isaaks und vieles mehr. Die Vertäfelung stammt aus dem Empfangssaales (qa’a) des inschriftlich genannten Marklers Isa ibn Butrus (Jesus der Sohn von Petrus).
Aleppo: über Jahrtausende Knotenpunkt der Handelsrouten
Aleppo, die vielleicht älteste durchgehend besiedelte Stadt der Welt, war über Jahrtausende hinweg Knotenpunkt verschiedener Handelsrouten. Auch Christen fast aller Konfessionen lebten in den weit verzweigten Gassen mit beeindruckenden Häusern. Jedes bessere Haus in Syrien verfügte über einen Innenhof und ein Zimmer für Besucher. Nach einem langen Tag in der trockenen Hitze war auch für mich ein solcher begrünter Innenhof mit den Wassergeräuschen von Brunnen und Düften, dem Zwitschern der Schwalben immer ein Ort der Entspannung und Kontemplation.
Einzige vollständig erhaltene Vertäfelung
Die Vertäfelung in Berlin wurde 1912 legal gekauft und ist die einzige uns bekannte vollständig erhaltene bemalte Vertäfelung aus Aleppo. In der Schlacht um Aleppo (2012-16) und durch ein Erdbeben (2023) wurde das Haus selber schwer zerstört. Das Museum für Islamische Kunst konnte mit seinem Freundeskreis (FMIK e.V.) das Gebäude jüngst restaurieren. Seit 2013 dokumentieren syrische und deutsche Wissenschaftler:innen am Museum die Kulturschätze Syriens.
Prof. Dr. Stefan Weber