Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Mein Lieblingsstück aus den Sammlungen
„Familie Rumpf“ von Lovis Corinth
Die Frage nach einem Lieblingsstück ist angesichts der Fülle und Vielfalt der Sammlungen wirklich nicht leicht zu beantworten. Ich versuche es trotzdem und entscheide mich für das Gemälde „Familie Rumpf“, das Lovis Corinth 1901 gemalt hat und das seit 1909 in der Alten Nationalgalerie hängt. Es ist für mich ein ganz besonderes Bild, an dem ich mich dank seiner Farb- und Lichtstimmung nicht sattsehen kann und bei dem ich immer wieder etwas Neues entdecke, Partien, die reine Farbmalerei und fast schon abstrakt sind.
Vielschichtige Familiendynamik im Licht- und Schattenspiel
Die porträtierte Familie gehörte zu einem Kreis, der das kulturelle Leben in Berlin und Potsdam um 1900 mitprägte. Ihr Haus war ein Treffpunkt für Künstler und Künstlerinnen, Schriftsteller, Wissenschaftler und Architekten. Lovis Corinth war dort regelmäßiger Gast. Er malte die Familie seines Freundes, des Landschafts- und Architekturmalers Fritz Rumpf, im Esszimmer ihrer Potsdamer Villa: Elisabeth Rumpf mit ihren sechs Kindern.
Und das tat er ganz anders, als man Familienporträts damals malte: Die Figuren befinden sich vor einem Fenster im Gegenlicht, was zu einem atmosphärischen Licht- und Schattenspiel führt. Im Zentrum thront ein kleines Mädchen im rosa Kleid, die beiden Kinder auf der Linken zeigen, auffällig nach rechts blickend ihr Profil, eine Tochter rechts unten füttert ihren grünen Papageienvogel mit einem Keks, die Mutter und ein Sohn schauen uns prüfend an, der Vater ist gar nicht zu sehen.
Einblick in eine bewegte Familiendynamik
Lovis Corinth ist hier ein höchst lebendiger und vielschichtiger Einblick in eine bewegte Familiendynamik gelungen. Mich persönlich erinnert der „geheime“ Star des Bildes, das Mädchen im rosa Kleid überdies daran, dass Kinder noch keine soziale Markierung haben und maximal intensiv Emotionen spiegeln. Kurz zur Entstehung dieses Familienporträts war das Buch von Ellen Key „Das Jahrhundert des Kindes“ erschienen, dass zum absoluten Bestseller des Jahrhundertanfangs wurde.
Corinth, Cassirer und der Impressionismus
Nicht nur die Anordnung und das Sujet, auch wie es auf die Leinwand gebracht wurde, waren für Corinths Zeitgenoss:innen etwas Neues: Die skizzenhafte Malweise, die sichtbaren Pinselstriche, das Spontane und Ausschnitthafte, die so typisch sind für den Impressionismus, forderten das Publikum um 1900 zunächst heraus. Dass diese neue Kunstströmung auch in Deutschland ihre Bewunderer fand, ist auch Paul Cassirer zu verdanken, der dem deutschen Impressionismus zum Durchbruch verhalf. Cassirer war einer der bedeutendsten Kunsthändler und Galeristen seiner Zeit – und gehörte zu den wichtigsten Förderern Lovis Corinths. So war „Familie Rumpf“ bereits 1902/03 im Kunstsalon Paul Cassirer zu sehen. Wenige Jahre später wurde das Gemälde für die Nationalgalerie erworben und gehört seit 1909 zur Sammlung.
Dem Engagement Paul Cassirers widmet sich die Ausstellung Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus, die noch bis zum 27. September 2026 in der Alten Nationalgalerie zu sehen ist.
Die Geschichte dieses Bildes erinnert daran, dass Kunst immer Menschen braucht, die sie entdecken, fördern und sichtbar machen.
Warum dieses Bild?
Lovis Corinth führt uns auf malerisch aufregende Weise die Möglichkeiten des Porträts vor Augen, von en face, Dreiviertel-Profil und vollkommenem Profil; dabei verwebt er sie malerisch mit verschiedenen Lichtwirkungen: im Gegenlicht, so dass die Profillinie hervortritt, bis zur modellierenden Beleuchtung von der Seite oder im Halbschatten.
Inhaltlich erscheint es als eine „Familienaufstellung“, die ganze Dynamik einer Familie auf dichtestem Raum in ein Bild eingebaut. Das Bild zeigt einen privaten Familienmoment, der in seiner Vielschichtigkeit trotz aller Einzigartigkeiten Universelles spürbar macht. Ich muss an Tolstois Sinnspruch aus Anna Karenina denken, ohne mich entscheiden zu können, ob die Rumpfs eher zur Kategorie „unglückliche Familien“ zählten, oder doch zu den glücklichen, die einander alle gleichen – wahrscheinlich beides.
Corinths Werk erzählt überdies von der sinnlichen Kraft des Impressionismus und wie die Leidenschaft für die Kunst einzelner Menschen dieser zu ihrem gebührenden Platz verhilft.
Prof. Dr. Marion Ackermann