Reihe Gästezimmer
Brigitte Schiffer studierte Anfang der 1930er Jahre Komposition und Musikwissenschaft in Berlin. Im Rahmen ihrer Promotion führte sie Feldforschungen in der Oase Siwa durch, einer abgelegenen Oase im Westen Ägyptens. Mit einem Phonographen dokumentierte sie eine Vielzahl vokaler Praktiken der dort lebenden Amazigh-Gemeinschaft. Zu ihren Aufnahmen gehören seltene Klangdokumente, darunter ein Trauergesang eines Kinderchors sowie eine Sammlung von Liebesliedern mit queeren Untertönen, die von Landarbeitern in den Gärten der Oase gesungen wurden.
Nach Abschluss ihrer Dissertation floh Schiffer 1935 infolge der Machtübernahme der Nationalsozialisten aus Deutschland und ging ins Exil nach Ägypten, wo sie die folgenden 30 Jahre lebte und zu einer der zentralen Figuren des Musiklebens im kosmopolitische Kairo wurde.
Schiffers Aufnahmen aus Siwa haben sich im Phonogramm-Archiv erhalten – einer Institution, die historisch in koloniale Wissensproduktion eingebunden war und heute Teil des Ethnologischen Museums Berlin ist. Die Künstlerin Netta Weiser aktiviert Schiffers Archiv in ihrer Klangausstellung fuga, die derzeit im Hörraum des Humboldt Forums zu erleben ist.
Im Rahmen der Gästezimmer-Reihe spricht Netta Weiser mit dem Musikwissenschaftler Dr. Matthias Pasdzierny, der seit über zehn Jahren zu Leben und Werk Brigitte Schiffers forscht. Im Dialog zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Forschung reflektieren sie koloniale Klangarchive, die Herausforderungen transkultureller Forschung sowie das politische Potenzial eines anderen Zuhörens.
Beteiligte
Netta Weiser (geb.1991) ist eine in Berlin lebende Künstlerin und Choreografin, die in den Bereichen Performance, Klanginstallation und experimentelles Radio arbeitet. 2019 initiierte sie das langfristige künstlerische Forschungsprojekt Radio-Choreography, das die Transformation von Tanz in Klang, das Verhältnis zwischen Live-Übertragung und verdrängten Geschichten sowie kollektives Zuhören als choreografische Praxis erforscht.
Ihre Arbeiten wurden international präsentiert, zuletzt unter anderem im Tanzquartier Wien, im KW Institute for Contemporary Art Berlin, bei Onassis Stegi Athen, beim WDR, in der Villa Medici Rom,und im Badischen Kunstverein Karlsruhe. Sie erhielt Fellowships am Studio für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste Berlin sowie am VALIE EXPORT Center Linz. Neben ihrer künstlerischen Praxis moderiert sie eine monatliche Radiosendung auf reboot.fm .
Prof. Dr. Matthias Pasdzierny (* 1976 in Goettingen) ist ein Musikwissenschaftler aus Berlin (Universität der Künste Berlin/Berlin-Brandenburg Akademie der Wissenschaften). Seine Forschungsgebiete sind: kritisch-wissenschaftliche Edition der (Tonband-)Musik von Bernd Alois Zimmermann, Musik und Migration nach 1945, Geschichte und Geschichtsschreibung von Techno/Electronic Dance Music; Publikationen u.a.: Wiederaufnahme? Rückkehr aus dem Exil und das westdeutsche Musikleben nach 1945, text + kritik München 2014; Inside the Studio. Spaces of Electronic Music Production Berlin/Cairo, Hatje Cantz Berlin 2025.
- kostenfrei
- Dauer: 60 min
- ab 12 Jahre
- Mechanische Arena im Foyer
- Teil von: Gästezimmer
Zusätzliche Informationen
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