Nach dem Tod seiner Mutter erbte der Fotograf und Grafiker Ilja Niederkirchner zahlreiche Kartons mit Briefen, Fotos und Dokumenten, die ihm Ereignisse und Zusammenhänge enthüllten, über die zuvor niemand mit ihm gesprochen hatte. Die überlieferten Materialien stellten das durchweg heldenhafte Bild, das er bis dahin von seiner Familie gehabt hatte, grundlegend in Frage.
Im Zentrum dieser Irritation steht das Schicksal von Paul, dem Bruder von Käte, der während der stalinistischen Säuberungen umgebracht wurde. Weniger der Tod selbst, als vielmehr der Umgang damit, wurde für Niederkirchner bedeutsam. Paul hatte im kollektiven Gedächtnis keinen Platz – er wurde nicht erwähnt, nicht erinnert, gewissermaßen ausgelöscht. Die Arbeit mit diesen Hinterlassenschaften wurde für Niederkirchner so zu einem zwingenden Akt der Selbstvergewisserung. Gleichzeitig fragt er sich immer wieder, ob er ein Recht dazu hat, die bisherigen Geheimnisse an die Öffentlichkeit zu bringen.
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