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„Ich habe mich stets der Macht der Zeit widersetzt, aus einem inneren Zwang heraus, den ich selbst nie verstanden habe, und mich von den sogenannten aktuellen Ereignissen abgeschnitten, in der Hoffnung, wie ich heute glaube“, sagte Austerlitz, „dass die Zeit nicht vergeht, nicht vergangen ist, dass ich ihr nachgehen kann und dann alles so vorfinde, wie es einst war, oder genauer gesagt, dass alle Augenblicke der Zeit gleichzeitig existiert haben.“

So schrieb W. G. Sebald in seinem letzten Roman „Austerlitz“ (2001), der nur wenige Monate vor seinem Tod bei einem Autounfall erschien. Sebald beschäftigte sich, wie sein Protagonist, mit den Schichten der Geschichte und wie wir in ihnen leben. Geboren im Mai 1944 in Bayern, während sein Vater in der Wehrmacht diente, verbrachte Sebald seine Kindheit im Schatten des Holocaust und der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs, in einer Gesellschaft, die zwischen Schweigen und Mitschuld, zwischen Katastrophe und Wiederaufbau hin- und hergerissen war. Diese Spannungen, die Banalität des Alltags vor dem Hintergrund unsagbarer Tragödien, prägten sein Werk nachhaltig.

Obwohl er in verschiedenen Genres schrieb, waren es Sebalds vier Romane, die ihn berühmt machten. Darin etablierte er einen Stil, der Fakten und Fiktion miteinander verband, indem er mal ausführlich aus von ihm erfundenen Autoren zitierte, mal Fotografien oder Dokumente zweifelhafter Herkunft einfügte. Seine Werke nahmen oft die Form von Reiseberichten an, wobei die äußere Welt und ihre Offenbarungen die innere Welt ersetzten oder gar überlagerten. Sein Ansatz inspirierte eine ganze Generation von Schriftstellern, zog aber auch zahlreiche Kritiker auf sich.

Im Zentrum von Sebalds Werk steht ein tiefes Verständnis für Krisen, eine Untersuchung der Auswirkungen von Katastrophen auf die menschliche Psyche, individuell wie kollektiv. Er beschreibt eindrücklich den narrativen Zerfall und die Selbstentfremdung, die mit dem Exil einhergehen, da er selbst die zweite Hälfte seines Lebens in Großbritannien verbrachte. Auch in Werken wie „Eine Naturgeschichte der Zerstörung“ thematisierte er das deutsche Kriegsleid und die Zerstörung deutscher Städte, stets mit Blick auf die Politik der Vergangenheit.

Bei „Sebald Remembering“ diskutieren die Schriftsteller Marcel Krueger, Paul Scraton und Madeleine Watts in einem von Sanders Isaac Bernstein moderierten Gespräch über Sebalds Werk und sein Vermächtnis. Nach einer kurzen Pause sind Berliner Schriftsteller eingeladen, aus ihren von Sebald inspirierten Werken vorzulesen.

Bitte beachten Sie, dass das Gespräch auf Englisch stattfindet. Die Lesungen können jedoch in jeder Sprache gehalten werden.

AUFRUF ZUR LESUNG

„Das also“, dachte ich, als ich mich umsah, „ist die Darstellung der Geschichte. Sie erfordert eine Verfälschung der Perspektive“, schrieb Sebald in „Die Ringe des Saturn“. „Wir, die Überlebenden, sehen alles von oben, sehen alles auf einmal, und dennoch wissen wir nicht, wie es war.“

Inspiriert von Sebalds Werk laden sie Autor:innen ein, Texte zum Thema KRISE einzureichen. Die Beiträge müssen keine Nachahmungen Sebalds sein und sollten sich nicht auf ihn beziehen. Vielmehr suchen sie nach Ansätzen, die versuchen, einen Krisenzustand (gegenwärtig oder vergangen, nah oder fern) zu verstehen, die das Beobachten problematisieren, die Geografie einbeziehen und versuchen, historische Schichten freizulegen, um deren Inhalt zu erfassen. Ortsbezogene Texte, als Fiktion getarnte Fakten und Fiktion als Fakten sowie Multimedia-Experimente sind ausdrücklich erwünscht.

Ausgewählte Leser.innen werden eingeladen, ihre Texte auf der Veranstaltung vorzustellen. Diese werden online und in einem gedruckten Magazin, das an den Abend erinnert, veröffentlicht. Bitte senden Sie Ihren Beitrag (600–800 Wörter oder bis zu 30 Zeilen Gedicht) bis zum 17. Mai an JosephRothToday@gmail.com.

Madeleine Watts ist die Autorin der Romane „Elegy, Southwest“ (2025) und „The Inland Sea“ (2020), der für den Miles Franklin Literary Award nominiert war. Geboren in Sydney, Australien, lebt sie derzeit in Berlin.

Marcel Krueger ist ein deutsch-irischer Schriftsteller und Übersetzer, der in Berlin lebt. Seine Essays wurden unter anderem im Guardian, in Notes from Poland, 3:AM, Paper Visual Art, CNN Travel, The Diasporist, Przekrój und der Irish Times veröffentlicht. Marcel ist Mitherausgeber von „Elsewhere: A Journal of Place“ und hat fünf Sachbücher in englischer und deutscher Sprache veröffentlicht, darunter „Berlin: A Literary Guide for Travellers“ (zusammen mit Paul Sullivan, 2016) und „Babushka’s Journey: The Dark Road to Stalin’s Wartime Camps“ (2018).

Paul Scraton wurde in Nordengland geboren und lebt seit 2002 in Berlin. Er ist Mitbegründer von „Elsewhere: A Journal of Place“ und Autor mehrerer Bücher des Influx Press Verlags, darunter „Ghost on the Shore: Travels Along Germany’s Baltic Coast“ und die Waldnovelle „In the Pines“ (2021). Sein jüngster Roman ist „A Dream of White Horses“ (2024).

Sanders Isaac Bernstein ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Seine Arbeiten, die sich häufig mit historischen und persönlichen Erinnerungen auseinandersetzen, erschienen unter anderem in Jewish Currents, Cabinet und The Baffler. Er ist Mitglied des Berliner jüdischen Schriftstellerkollektivs Die Sammlung und Mitherausgeber.

IN ENGLISCHER SPRACHE

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