Es beginnt wie in einem spannenden Abenteuerfilm: Ein Junge rennt durch den Wald, der Junge erscheint cool und tough. Aber dann bekommt er Probleme, verliert Ausrüstung, er ist verletzt, wird schwächer und müder. Der Junge ist Vincent und ER HAT ANGST! Mit diesem furiosen Auftakt zieht die neue Produktion des ATZE Musiktheaters das junge Publikum direkt hinein in eine starke Geschichte über die Angst vor anderen und die Angst in sich selbst. Verstärkt bearbeitet das ATZE Musiktheater auch Themen, die unmittelbar auf der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen beruhen: „Ich bin Vincent und ich habe keine Angst“ nach dem gleichnamigen Buch der niederländischen Autorin Enne Koens handelt von Mobbing. Vincent ist elf Jahre alt und schüchtern. Gefühlt geht es für ihn jeden Tag ums Überleben, denn er wird nach der Schule ständig von Mitschülern drangsaliert, die ihn für seltsam und nicht „normal“ halten. Am liebsten würde er gar nicht mehr zum Unterricht kommen und einfach verschwinden. Er ist Survival-Fan und hat schon einige Bücher darüber gelesen. Deshalb vervollständigt er auch immer weiter seine Ausrüstung, um für das Überleben in der Wildnis gerüstet zu sein. In seiner Einsamkeit hat der 11-Jährige sich selbst vier Tierfreunde ausgedacht, nur die halten wirklich zu ihm. Und nun steht auch noch eine Klassenfahrt bevor, der blanke Horror für Vincent. Aber dann tritt Jacqueline, Spitzname „Die Jacke“, in sein Leben und alles scheint sich zum Guten zu wenden. Doch weit gefehlt, zunächst kommt es noch schlimmer... ATZE macht Musiktheater. Und so ist auch Vincents Geschichte, geeignet für Menschen ab 10 Jahren, kein „Klassenzimmerstück“, wie Regisseur Matthias Schönfeldt sagt, sondern eine Art Performance-Erzählung mit Musik und Tanz. Diese Auflösung eines konventionellen Erzählstranges bietet dem Publikum ganz verschiedene Perspektiven an: Die Choreografien von Maria Walser erfassen eben auch die non-verbalen Strukturen, wie sie so häufig im Mobbing-Kontext erscheinen, und vermeiden die allzu realistische Illustration von Gewalt. Der Tanz gibt den fantasierten Freundeswesen Gestalt, zeigt ohne Worte Protest oder Klage. Die musikalische Gestaltung geschieht, erstmals im ATZE Musiktheater, elektronisch. Die Räume, in denen sich Vincent bewegt – seine Erinnerungen, Gedanken, Imaginationen, werden komplett auf dieser Ebene zum Klingen gebracht. Die elektronischen Live-Bearbeitungen von akustischen Instrumenten, von Sprache und Gesang durch Sounddesignerin RUSNAM, die vertonten Texte und Balladen von Singer-Songwriter-Schauspieler Ilja Pletner sowie die Choral- und Instrumentalkompositionen von Sinem Altan: Dieses spannende Dreieck erzeugt ein akustisches Gewebe, das die Innen- und Außenwelten der Geschichte atmosphärisch, textlich und musikalisch verknüpft und verdichtet. „Ich bin Vincent und ich habe keine Angst“ des ATZE Musiktheaters bleibt nicht an der so häufig nur sensationalisierten Oberfläche von Mobbing und Gewalt. Vielmehr zeigt die Inszenierung mit den Mitteln des Musiktheaters für ein junges und jugendliches Publikum, wie vielschichtig das Problem bei Opfern, Täter:innen und Mitläufer:innen ist, und – auch das ist eine ATZE-Botschaft – dass es immer Auswege gibt, um zu einem wachsenden, souveränen Selbst zu werden.