Obwohl Ulay zu den bedeutenden deutschen Konzeptkünstlern zählt, ist sein Werk einem breiteren Publikum in Deutschland bis heute vergleichsweise wenig bekannt. Die Ausstellung nimmt das Jubiläum zum Anlass, sein Schaffen umfassender vorzustellen.
Identität, Transformation und Fotografie
Einen Schwerpunkt bildet Ulays frühes künstlerisches Werk. Dazu gehört „S’he“ (1973–1974), eine Serie intimer Selbstporträts, in denen er sich mit Identität und Transformation auseinandersetzt. In „FOTOTOT“ (1976) wiederum verschwinden unbelichtete beziehungsweise nicht fixierte Fotografien unter Lichteinwirkung allmählich.
Die Arbeit gehört zu einer Reihe von Experimenten, mit denen Ulay die vermeintliche Objektivität, Dauerhaftigkeit und Beweiskraft des fotografischen Bildes hinterfragte. Zugleich erweiterte er die Grenzen der Fotografie in Richtung Performance und anderer Formen künstlerischer Aktion.
Zwölf Jahre Ulay und Marina Abramović
Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich der zwölfjährigen Zusammenarbeit von Ulay und Marina Abramović. Die beiden lernten sich 1975 in Amsterdam kennen und entwickelten eine enge persönliche und künstlerische Partnerschaft. Zwischen 1976 und 1988 entstanden wegweisende Performances, in denen sie ihre Körper als künstlerisches Medium einsetzten und sich mit Identität sowie institutionellen und körperlichen Grenzen beschäftigten.
Ihre Zusammenarbeit begann mit „Relation in Space“ (1976), das im Rahmen der 38. Biennale di Venezia aufgeführt wurde. Darin untersuchten sie körperliche Begegnung, Wiederholung und gegenseitige Präsenz. Einen Schlusspunkt ihrer gemeinsamen Arbeit bildete „The Lovers“ (1988), eine 90-tägige Reise entlang der Chinesischen Mauer.
„Imponderabilia“ als Live-Performance
Videos, Fotografien, Skulpturen, Zeichnungen, Skizzen und Briefe geben Einblick in die gemeinsamen Arbeiten sowie in die dahinterliegenden Prozesse, Diskussionen und Überlegungen. Zu sehen ist außerdem „Imponderabilia“ (1977), eine wegweisende Performance von Ulay und Marina Abramović.
In der ursprünglichen Arbeit stehen sich die beiden Künstler:innen nackt in einem schmalen Eingang gegenüber, während die Besuchenden zwischen ihren Körpern hindurchgehen.
In der Ausstellung wird „Imponderabilia“ täglich von 15 bis 16.30 Uhr als Live-Performance aufgeführt.
Die präsentierten Arbeiten verdeutlichen, wie Ulay und Abramović ihre künstlerische Praxis mit dem Alltag verbanden und dabei Zusammenarbeit und Selbstrepräsentation neu definierten. Gleichzeitig hinterfragten sie etablierte Vorstellungen von Autor:innenschaft und Individualität sowie die Grenzen zwischen Kunst und Leben. Themen wie Verletzlichkeit, Ausdauer, Vertrauen und gegenseitige Abhängigkeit prägen ihre Performances, die zu den Meilensteinen der Performancekunst zählen.
Ulay: Fotografie und Performance
Ulay (Frank Uwe Laysiepen, 1943–2020) wuchs in Solingen auf und absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Maschinenbauingenieur, bevor er an den Kölner Werkschulen Fotografie studierte. 1968 zog er nach Amsterdam und begann dort, mit Polaroid zu arbeiten. Identität, Geschlecht und Transformation wurden zu zentralen Themen seiner künstlerischen Praxis.
Seine performative Fotografie fand früh Anerkennung in der internationalen Kunstszene Amsterdams. Zu den ersten Ausstellungsorten gehörten die Galerie Seriaal und die einflussreiche Institution De Appel. Internationale Aufmerksamkeit erlangte Ulay insbesondere durch die Zusammenarbeit mit Marina Abramović von 1976 bis 1988. Gemeinsam traten sie unter anderem auf der documenta 6, 7 und 8 auf und waren in Ausstellungen in Europa und den USA vertreten.
Nach dem Ende der Zusammenarbeit setzte Ulay seine eigenständige künstlerische Praxis fort. Bedeutende Einzelausstellungen und Retrospektiven widmeten sich später seinem Werk, darunter 2016 die Schirn Kunsthalle Frankfurt und 2020/21 das Stedelijk Museum Amsterdam mit „ULAY WAS HERE“, der bislang größten Retrospektive seines Schaffens.
Von 1998 bis 2004 lehrte Ulay als Professor für Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. In den folgenden Jahrzehnten realisierte er weltweit partizipative Kunstprojekte mit gesellschaftlich marginalisierten Gruppen, unter anderem in den USA, Australien, Indien, Myanmar und Syrien. Ulay starb 2020 in Ljubljana.
Marina Abramović: Pionierin der Performancekunst
Marina Abramović (1946 in Belgrad) zählt seit den frühen 1970er-Jahren zu den Wegbereiterinnen der Performance als eigenständiger Kunstform. Mit frühen Arbeiten wie „Rhythm 0“ (1974) und „Rhythm 5“ (1974) lotete sie körperliche und mentale Grenzen aus. Dauer, Stillstand und Schmerz dienten ihr dabei zur Auseinandersetzung mit Ausdauer, Verletzlichkeit und der Mitverantwortung des Publikums.
2012 gründete sie das Marina Abramović Institute (MAI), eine gemeinnützige Stiftung für Performancekunst und Langzeitperformances, deren Arbeit auf der von ihr entwickelten „Abramović Method“ basiert. Abramović gehörte zu den ersten Performancekünstler*innen, deren Werk umfassend Eingang in die internationale Museumslandschaft fand.
Zu den bedeutenden Stationen ihrer Karriere zählen ihre erste große Retrospektive in den USA und die mehr als 700 Stunden dauernde Performance „The Artist Is Present“ im Museum of Modern Art (MoMA) in New York 2010, die Retrospektive „The Cleaner“ (2017–2019) sowie 2023 ihre Einzelausstellung in den Main Galleries der Royal Academy of Arts in London.
Für ihr Werk erhielt Abramović zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Goldenen Löwen der Biennale di Venezia (1997), den Prinzessin-von-Asturien-Preis für Kunst (2021), den Sonning-Preis (2023) und den Praemium Imperiale für Skulptur (2025).
- „Ulay, Ulay & Abramović“ wird von Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie, gemeinsam mit Ricarda Bergmann, Neue Nationalgalerie, sowie Alenka Gregorič, künstlerische Leiterin der Cukrarna Gallery, kuratiert.
- Kuratorische Assistenz: Nikola Richolt.
- Eine Sonderausstellung der Neuen Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz


