Entstanden im damaligen West-Berlin, verweist das Werk auf eine frühe Schaffensphase der Künstlerin und auf einen historischen Moment, in dem sich politische, gesellschaftliche und ästhetische Umbrüche verdichteten. Nicht zuletzt wurde Life–Death 1972 auf der documenta 5 in Kassel gezeigt und manifestiert so die frühe kunsthistorische Relevanz des Werks.
Innerhalb von Sieverdings filmischem Werk nimmt Life–Death eine besondere Stellung ein. Gedreht wurde das Werk auf 16-mm-Film während einer biografisch wie künstlerisch prägenden Phase. Sieverding war zu dieser Zeit Studentin von Joseph Beuys an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf und erlebte die institutionellen Konflikte und Protestbewegungen der späten 1960er Jahre aus unmittelbarer Nähe. Die Dreharbeiten erfolgten kurz nach den Ereignissen rund um die zeitweilige Schließung der Akademie, an deren Protesten sie dokumentierend und aktiv beteiligt war. Life–Death steht damit nicht nur für eine ästhetische Suche nach neuen Bildformen, sondern auch für die Erfahrung einer Gesellschaft im Wandel.
Der Film verzichtet auf eine stringent lineare Handlung und entwickelt stattdessen eine Folge von Porträts, Körperstudien und metaphorischen Settings. Gemeinsam mit Othello, Stephan Runge und Holger Bombusch erscheint Sieverding in wechselnden Rollen und Inszenierungen. Starkes Make-up, androgyn wirkende Kostüme, Gesten der Verwandlung und bewusst künstliche Posen erzeugen einen Zustand permanenter Übergänge. Gegensätze wie männlich und weiblich, Leben und Tod, Bewegung und Erstarrung werden nicht aufgelöst, sondern in Spannung gehalten. Die Bildsprache des Films verweist bereits auf kulturelle Entwicklungen, die erst Jahre später unter Begriffen wie Glam Rock, Gender-Performance oder Nicht-binäre Ästhetik größere Sichtbarkeit erlangen sollten. Sieverdings Erfahrungen im Düsseldorfer Nachtleben, insbesondere im Umfeld des legendären Mora’s Lovers Club, flossen unmittelbar in die Arbeit ein. Dort gehörten extravagante Mode, Rollenspiele, Geschlechterüberschreitungen und performative Selbstinszenierungen zur allnächtlichen Routine. Im Film werden diese Praktiken nicht dokumentiert, sondern in eine eigenständige künstlerische Sprache überführt.
Eine zentrale Rolle spielt die Musik. Nachdem eine frühe Version des Films mit gesprochenem Text nicht überzeugen konnte, erhielt Life–Death 1972 eine neue Tonspur von den Musikern, die wenig später als Kraftwerk internationale Bekanntheit erlangen sollten. Die Aufnahme entstand improvisiert in einem einzigen Studiovorgang und dokumentiert eine frühe Übergangsphase zwischen Rock, experimenteller Klangforschung und elektronischer Musik. Psychedelisch schwebende, orgelartige Klangflächen durchziehen den Film und versetzen ihn in einen beinahe tranceartigen Zustand. Zeit scheint sich auszudehnen, narrative Strukturen lösen sich auf, während Bild und Ton zu einer komplexen Überlagerung verschmelzen. Gerade in dieser Verbindung von visueller und klanglicher Transformation liegt die außergewöhnliche Aktualität des Werks. So wie die Figuren zwischen unterschiedlichen Geschlechterrollen und Identitätsentwürfen oszillieren, bewegt sich die Musik zwischen akustischen und elektronischen Klangwelten. Weder die Bilder noch die Klänge erlauben eindeutige Zuordnungen. Stattdessen entsteht ein offener Raum der Ambivalenz, in dem Identität als etwas Prozesshaftes erscheint – als fortwährende Bewegung und nicht als feststehende Kategorie.
Zugleich markiert Life–Death einen Wendepunkt im Werk der Künstlerin. Die Arbeit verbindet Performance, Fotografie und Film zu einer dichten Bildstruktur und signalisiert die Ablösung von Sieverdings früher Theaterpraxis zugunsten einer eigenständigen visuellen Sprache. Bereits hier wird ein Verständnis von Bildproduktion sichtbar, das ihr späteres Werk nachhaltig prägen sollte: Bilder erscheinen nicht als abgeschlossene Abbilder der Wirklichkeit, sondern als Orte der Transformation, an denen Bedeutung immer wieder neu erzeugt wird.
Diese Perspektive erhält in der Ausstellung eine zusätzliche Ebene durch die spätere Transformation des Materials. Im Übergang vom analogen 16-mm-Film zum digitalen Video und durch die wiederholte Bearbeitung des Materials verschiebt sich der Status des ursprünglichen Bildes. Es erscheint nicht als historisches Dokument, sondern als offenes Material, das sich fortwährend neu konfigurieren lässt. In der Galerie Thomas Schulte entfaltet sich daraus ein vielschichtiger Bildraum: Die Doppelkanalprojektion des Films tritt in Dialog mit großformatigen Filmstills und fotografischen Tableaus, während die bislang unveröffentlichten Polaroids einen intimen Gegenpol bilden – unmittelbare Spuren eines Augenblicks, der sich bereits im Moment seiner Fixierung verändert. Vor dem Hintergrund heutiger Bildkulturen wirkt Life–Death überraschend gegenwärtig. In einer Zeit permanenter Bildproduktion, algorithmischer Sichtbarkeit und KI-generierter Bildwelten erscheinen die Fragen, die Sieverding bereits 1969 formulierte, aktueller denn je: Wie entstehen Identitäten durch Bilder? Wie verändern technische Medien unsere Wahrnehmung? Und wie lassen sich Bedeutungen offenhalten, anstatt sie festzuschreiben?
Die Ausstellung versteht Sieverdings Arbeit daher nicht allein als historisches Dokument einer avantgardistischen Generation, sondern als Werk von bemerkenswerter Gegenwart. Seine produktive Ambivalenz hält die Pole von Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart in Schwebe. Gerade darin liegt die intellektuelle und ästhetische Konsequenz dieser künstlerischen Praxis, die bis heute nichts von ihrer Spannung verloren hat. (Annika Karpowski)
Katharina Sieverding: Life-Death
- Eröffnung: Freitag, 11. September 2026, 18.00 – 21.00 Uhr
- Laufzeit: 12. September 2026 – 7. November 2026
- Ort: Galerie Thomas Schulte, Charlottenstraße 24, 10117 Berlin
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Öffnungszeiten:
Di-Sa 12:00 - 18:00
So & Mo geschlossen

