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Die Madonna von Stalingrad: Ikone der Hoffnung

Starke Geschichten aus Berlin

Gedenkfeier 8. Mai in der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche
Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche, Foto: Gerald Zabel

Mit Mut und Humor hat es Berlin schon durch so manche Krise geschafft. Deshalb haben wir für euch einen Blick auf die vergangenen 600 Jahre Geschichte geworfen und dabei viele heitere und starke Geschichten entdeckt, die unverwechselbar sind für Berlin, für Berlinerinnen und Berliner. Lasst euch inspirieren und ein bisschen stärken.

Sie ist in mehrfacher Hinsicht ein Wunder: Die Madonna von Stalingrad, die heute in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zu sehen ist, berührt noch heute genauso wie am Heiligen Abend 1942.

Weihnachten 1942, seit Wochen sitzen die Soldaten eingekesselt in einem Bunker in Stalingrad. Die Temperaturen liegen 30 bis 40 Grad unter Null, die Versorgungslage ist schlecht. Da schenkt der evangelische Pastor und Arzt Kurt Reuber seinen Kameraden am Heiligen Abend mit einer einfachen Kohlezeichnung einen Funken Hoffnung.

Eingekesselt in Stalingrad

Draußen tobt die Schlacht um Stalingrad, Bomben fallen. Die Soldaten sind in ihrem Bunker eingesperrt, hungrig und frierend. Unter ihnen ist auch der Theologe und Mediziner Kurt Reuber. Der dreifache Vater und Pfarrer aus Hessen ist den Nationalsozialisten bereits mehrfach wegen seiner antifaschistischen Einstellung aufgefallen. 1939 wird er als Truppenarzt an die Ostfront geschickt. Auch hier setzt er sich für Menschlichkeit und Nächstenliebe ein, versorgt etwa Zivilisten und vermittelt seinen Kameraden christliche Zuversicht.

Weihnachten 1942 ist die Schlacht um Stalingrad, wohl eine der schlimmsten und verlustreichsten Schlachten der Weltgeschichte, längst entschieden. Die Wehrmacht hat verloren. Die Soldaten glauben schon lange nicht mehr an die versprochene Befreiung aus dem Kessel. Dennoch bereiten sie sich auf das Weihnachtsfest vor, sparen sich die ohnehin knappen Lebensmittelrationen vom Munde ab, schnitzen und basteln weihnachtliche Dekorationen aus Holzspänen.

„Festliches Niveau im armen Dreck“

„Festliches Niveau in allem armen Dreck“, schreibt Reuber nach Hause an seine Frau Martha Reuber-Iske. Er selbst ist damit beschäftigt eine ganz besondere Überraschung für den Heiligen Abend vorzubereiten. Heimlich arbeitet er an einer schlichten Zeichnung, die er mit einem Stück Holzkohle auf der Rückseite einer russischen Landkarte anfertigt.

Licht, Leben, Liebe

Stalingrad Madonna
Madonna von Stalingrad Foto: Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche

Das Bild zeigt eine sitzende Frau, die in ihrem weiten Kapuzen-Mantel ein Neugeborenes birgt. Ihre starke Hand hält schützend den Kopf des Kindes. Die Augen der beiden sind geschlossen. Die Gesichtszüge der barfüßigen Madonna wirken ergeben, aber auch friedlich. „Weihnachten im Kessel: Licht, Leben, Liebe“ schreibt Reuber an den Rand der Zeichnung.

Am 24. Dezember stimmt die Bunkerbesatzung gemeinsam „Stille Nacht“ an, Kommandeur Wilhelm Grosse hält eine Ansprache. Und dann öffnet Reuber für seine Kameraden die Tür zu einem kleinen Verschlag im engen Bunker. Von einer Kerze beleuchtet sehen die Soldaten zum ersten Mal ihre Madonna. Reuber hat die Zeichnung an einem Holzbrett an die Lehmwand genagelt. 

Ikone der Hoffnung

„Schau in dem Kind das Erstgeborene einer neuen Menschheit an, das unter Schmerzen geboren, alle Dunkelheit und Traurigkeit überstrahlt. Es sei uns ein Sinnbild sieghaften, zukunftsfrohen Lebens, das wir nach aller Todeserfahrung umso heißer und echter lieben wollen, ein Leben, das nur uns lebenswert ist, wenn es lichtstrahlend rein und liebeswarm ist“, schreibt Reuber in seinem Abschiedsbrief an seine Frau. Ein schwerverwundeter Offizier überbringt diesen gemeinsam mit der „Madonna von Stalingrad“. Er war mit dem letzten deutschen Flugzeug aus Stalingrad ausgeflogen worden. Doktor Reuber kehrte nicht mehr nach Hause zurück.

Seine Madonna von Stalingrad ist seitdem zur Ikone geworden. Auf Anregung von Bundespräsident Karl Carstens übergab die Familie Reuber das Original der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin. Zahlreiche Kopien der Stalingrad-Madonna mahnen heute weltweit zum Frieden und erzählen von dem wundersamen Schimmer der Hoffnung, den Kurt Reuber seinen Kameraden in Stalingrad Weihnachten 1942 schenkte.

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Es gibt viel zu erzählen. ABOUT BERLIN.

Josefine Köhn-Haskins

Josefine

ist in München aufgewachsen, hat dort studiert und bei der SZ volontiert. Auf der Suche nach neuen Abenteuern entdeckte sie erst New York, dann Miami und berichtete als Trendscout und Korrespondentin für verschiedene Publikationen. Ihr Zuhause fand sie dann aber in Berlin. Fasziniert von den vielen Facetten der Stadt ist sie kreuz und quer in den Kiezen unterwegs und beschäftigt sich gerne mit Zukunftsideen und Smart City Konzepten für ein innovatives Berlin.