Am Dienstag kam Ethan Hawke zur Berlinale und stellte seinen neuen Film vor. Eigentlich hätte er gleich auch einen Film zur Retro mit vorstellen können, ist doch sein Before Sunrise einer der Filme der 1990er Jahre, der das Lebensgefühl jener Zeit perfekt einfängt und der einen Silbernen Bären für die beste Regie gewonnen hat. Leider läuft Before Sunrise nicht in der Retrospektive ...
Und so blieb es bei seinem umjubelten Auftritt im Zoo Palast, dem "beautiful cinema".
Der Zoo Palast ist wahrlich das schönste Kino auf dem ganzen Festival, das auch immer die Filmschaffenden durch seine Größe und Eleganz begeistert. Es bietet wirklich den festlichen Rahmen für eine glanzvolle Premiere, sei es ein starbesetztes Special Event, sei es ein mit viel Herzblut produzierter Generation-Film oder ein Panoramafilm mit einem aufgeregten Regisseur, der es kaum fassen kann, hier auf der Bühne zu stehen.
The Weight
The Weight, das ist Gewicht der Goldbarren, die Murphy (Ethan Hawke) und drei Mitgefangene durch die Wälder tragen müssen, um sie aus der Mine zu schmuggeln. Nur so hat er die Chance, von seiner korrupten Lageraufsicht (Russell Crowe) früher die Entlassungspapiere zu erhalten und seine Tochter rechtzeitig vor der Freigabe zur Adoption aus dem Waisenhaus zu holen. Natürlich bleibt ihre Wanderung nicht unbemerkt und gewalttätige Goldsucher heften sich an ihre Fersen.
Der Film, der 1933 zur Weltwirtschaftskrise spielt, ist ein solider, atmosphärisch dichter Actionfilm, dessen schön eingefangenen Bilder und Stimmungen ihn hervorheben aus diesem Genre. Ethan Hawke gibt seinem Murphy genug Komplexität, um mit ihm mit zu fiebern, und Russell Crowe schafft es in seinen wenigen Szenen eine sinistre Figur hinter der freundlichen Fassade zu gestalten. Doch der eigentliche Star des Film ist die Tonspur, auf der allein durch die Geräusche wie das Brechen der Knochen der Film nochmal an Bedrohlichkeit gewinnt.
Die Retrospektive
"Lost in the 90s" ist das Motto der diesjährigen Retrospektive - so alt sind die Filme also gar nicht, und doch wirken sie und ihr Lebensgefühl wie aus einer anderen Zeit. Die Filme sind ausgewählt unter den drei Schwerpunkten „Berlin“, „East Meets West“ und „The End of History“. So laufen nicht die großen Blockbuster, sondern Filme, die den Moment des Aufbruchs jener Zeit festhalten.
Vom Lebensgefühl jener Zeit erzählen die amerikanischen Independent-Filme wie Richards Linklaters Slacker und Spike Lees Boys in the Hood, auch wenn mit Before Sunrise und auch Reality bites leider zwei Filme fehlen, die kaum wie andere das Lebensgefühl vom Jungsein in den 1990ern festgehalten haben. Dafür bietet die Retrospektive die seltene Möglichkeit, Raritäten wie wie Gorillas bathes at Noon und Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990 und damit Berlinbilder jener Zeit, in der Mauer zwar gefallen, aber zum Teil noch stand, zu sehen.
