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4. Tag auf der Berlinale 2022

Starke Frauen auf der Berlinale

Zoopalast
Kinosaal Zoopalast © visitBerlin, Foto: Wolfgang Scholvien

Starke Frauen und französische Filme - das sind auf jeden Fall zwei große Themen auf der diesjährigen Berlinale - und am Sonntag haben beide die Filme des Tages bestimmt. Mit Charlotte Gainsbourg und Emmanuelle Béart kamen am Abend dann große Stars des französischen Kinos in den Berlinale Palast und brachten Eleganz und Charme auf den roten Teppich und in den Saal.
Bei nachfolgendem Film Call Jane war leider außer der Regisseurin keine der Schauspielerinnen angereist, so dass der rote Teppich leer und verwaist wirkte. Lange wirkten auch die Reihen im Saal recht leer, bis sie sich kurz vor Beginn dann doch noch füllten.

Es ist immer noch ungewohnt, dass wir nicht eine halbe Stunde vorher schon genervt vor den Türen stehen und warten, um dann in den Saal zu stürmen, damit wir dann einen möglichst guten Platz ergattern. Jetzt können wir recht entspannt kurz vorher kommen und direkt zum Platz gehen. Wichtig ist neben der Karte auch die Impfinformation schon parat zu haben, um die Einlasskontrollen zu verkürzen. Die Kontrollen sind mehrfach und genau, da kann es dann schon zum Stau kommen.

Heute bleiben wir im Wettbewerb in Paris, allerdings in dunkleren Zeiten. Der Film Un año, una noche erzählt von zwei Überlebenden des Bataclan-Attentats. Und im Zentrum von Un été comme ça stehen drei Frauen. So dass uns Frankreich und Frauenfiguren auch heute als Leitmotive begleiten…

Les passagers de la nuit

Les Passagers de la nuit beschwört das Lebensgefühl der Achtziger in Paris. Er beginnt am Abend der Wahl Mitterands 1981 und geht in mehreren Zeitsprüngen bis zur seiner Wiederwahl 1988. Der Film erzählt von der frisch geschiedenen Elisabeth und ihren beiden halbwüchsigen Kindern. Elisabeth muss sich einen Job suchen und beginnt bei der Nachtsendung im Radio Les Passagers de la nuit, moderiert von der unnahbaren Vanda (Emmanuelle Béart). Sie nimmt das Straßenmädchen Talulah auf, das immer wieder verschwindet und aufs Neue auftaucht. Es ist ein Film über eine Familie, über Gemeinsamkeit, über Abschied und Neu-Beginn … Zugleich ist es auch ein Film über Paris und das Lebensgefühl jener Zeit, immer wieder schwelgt er in leicht griseligen Parisansichten, gleitet die Kamera über die Seine und die Dächer der Stadt. Zugleich zitiert er die Filme jener Zeit. So sitzen sie irgendwann im Kino und sehen Rohmers Paris-Klassiker Les Nuits de la pleine lune. Und irgendwie wartet man darauf, dass irgendwann jemand das Licht vom Eiffelturm ausknipst (ja, auch Un monde sans pitié wird natürlich genannt).
So schön diese Reise zurück ins Paris der Achtziger auch ist, so bleibt die Handlung doch ein wenig auf der Strecke. Sie plätschert gefällig da hin, ist mal bei Elisabeth, dann beim Sohn oder Talulah, dann springt sie weiter, ohne angedeutete Konflikte wirklich zu Ende zu erzählen.

Call Jane

Chicago, 1968: Die Welt ist im Umbruch, doch den Frauen sind immer noch die meisten Türen verschlossen. Abtreibung ist illegal, selbst wenn das Leben der Mutter gefährdet. So wie bei der gut betuchten Hausfrau Joy (Elizabeth Banks), deren Herzkrankheit ihr nur eine fünfzigprozentige Überlebenschance gibt. Ein Flyer fällt ihr die Hände: Call Jane. Sie ruft an und bekommt Hilfe von Netzwerk der Janes, die Frauen sichere Abtreibungen ermöglichen. Erst zögerlich, dann immer entschlossener schließt sich Joy der von Virginia (Sigourney Weaver) geleiteten Untergrund-Organisation der Janes an. Das Jane Collective gab es wirklich, es operierte bis 1973, als der (rein männliche) Oberste Gerichtshof mit dem Urteil von Roe v. Wade das Recht auf Abtreibung ermöglichte. Heute allerdings besteht die Gefahr, dass der Supreme Court im Sommer das Urteil wieder aufhebt.

So behandelt Call Jane ein wichtiges gesellschaftliches Thema, das wieder aktuell ist. Doch diese Dringlichkeit vermittelt sich nicht wirklich im Film, dazu ist er zu glatt erzählt. Das Gefühl der Gefahr, der ständigen Angst vor Entdeckung und Verhaftung wird nur angesprochen, ist aber niemals wirklich spürbar. Auch reagieren Joys Ehemann, der immerhin Anwalt ist, und auch die Teenagertochter erstaunlich verständnisvoll auf ihre Entscheidung, nicht nur einem Untergrundnetzwerk beizutreten, sondern auch selbst – zu jener Zeit illegal – eine Abtreibung vorzunehmen.

So leicht können die Kämpfe der Frauen für das Recht auf Selbstbestimmung nicht gewesen sein – und sind es noch immer nicht.

Kristin Buller

Kristin

lächelt nur auf Fotos nicht. Ganz fröhlich ist sie im Berliner Kulturleben unterwegs und schreibt über die Kulturszene Berlin – die Großstadt vor und hinter den Kulissen. Ihre liebste Jahreszeit ist die Berlinale, dann sieht sie 10 Tage lang Filme und erzählt davon im Blog.